Theater

„Black Rider“ in Gelsenkirchen eröffnet die Spielzeit

Der Teufel: eine Puppe in Menschenhand. Szene aus „The Black Rider“ in Gelsenkirchens Musiktheater im Revier

Der Teufel: eine Puppe in Menschenhand. Szene aus „The Black Rider“ in Gelsenkirchens Musiktheater im Revier

Foto: Björn Hickmann/ stage picture

Gelsenkirchen.  Inszenierung mit Pferdefuß: Puppen sollen „The Black Rider“ am Musiktheater im Revier aufpeppen. Das Experiment hat starke Schwächen.

Einer der größten Coups der jüngeren Theatergeschichte feiert 2020 auch schon sein 30-Jähriges. Das Zusammentreffen selten verschiedener Kunst-Titanen bescherte dem Hamburger Thalia Theater 1990 eine legendäre Arbeiten: „The Black Rider“, Texte von William S. Burroughs, Musik von Tom Waits, Regie: Robert Wilson. „Geniestreich“ riefen die einen, „Designer-Operette“ die anderen.

Immerhin: Das Werk, das Carl Maria von Webers „Freischütz“ listig umkreist, da es die allzeit treffende Satans-Munition des romantischen Schauermärchens durch den gefühlten Triumph des Konsums harter Drogen ersetzt, blieb keine Eintagsfliege. Die jüngste Premiere war Samstag in Gelsenkirchen.

Leider treibt man dort den Teufel mit dem Beelzebub aus. Die schillerndste Rolle des Stückes (bei der Uraufführung kostete Dominique Horwitz die höllisch rasante Partie unvergesslich aus) wird einer ziemlich kleinen Puppe überlassen. Selbst wenn man über deren einfallsarme Gestalt (Nosferatu-Rübe mit Baphomet-Geweih) hinwegsähe: Ihr Format ist dem Großen Haus schlicht nicht gewachsen. Das szenische Desaster soll Methode haben. Regisseurin Astrid Griesbach (Schwerpunkt Puppenspiel) will den Bösen zeigen als von Menschen geführten Strippenzieher. Diese Kopfgeburt ist besser gedacht als geschehen: Die ums Püppchen turnende Truppe verzerrt den Fokus. Dazu singt und spielt Daniel Jeroma den ziegenfüßigen Verführer so pauschal wie stereotyp. Man wünscht sich, es steckte deutlich mehr Detail in solchem Teufel.

„The Black Rider“ in Gelsenkirchen wählt den Jahrmarkt als Schauplatz

Aufs Ganze ist der zweistündige Abend hübsch anzuschauen: Die in diversen Pastelltönen ausgeleuchtete Flucht vieler Rahmen (Bühne: Lisette Schürer) schenkt jenen Solitär-Effekten üppig Raum, auf denen die Inszenierung fußt: Ein Jahrmarkt, den Waits’ Sound durchaus bedient, ist bei Griesbach der Ort, an dem der Poet Wilhelm (Sebastian Schiller) sich den künftigen Schwiegereltern als Elite-Schütze beweisen muss. Und als er einen Treffer nach dem anderen (Pegleg, der Teufel, hilft) landet, sind – Rummel-gemäß – Rosen seine Beute und reichlich Plüschgetier.

Vielleicht sind die Teddys symptomatisch für den gekünstelten, selten kunstvollen Lauf des Abends, der bei der Premiere unter technischen Problemen litt und mit bleierner Schwere ins Spiel zu kommen versuchte. Das Gros dieses „Black Rider“ wirkt harmlos. Burroughs setzte aus tragischer Erfahrung im Sinne des Wortes „Schuss“ Drogen mit tödlichen Waffen gleich. Davon spürt man im Musiktheater wenig, das Opernhaus wächst über eine mäßig spielfreudige Schießbude selten hinaus. Den Abgrund, den das garstig-witzige Werk mit seinen vorsätzlich schlichtest geklöppelten Sentenzen besitzt, bleibt die Deutung schuldig. Und erwartbar ist sie allzu oft: Dass der Satan auf dieser Kirmes eine Geisterbahn betreibt, da wäre selbst Stephen King mehr eingefallen. Verführerische Zuckerwatte vielleicht?

Den Abgrund der Drogenhölle erfühlt die bunte Inszenierung des „MiR“ zu wenig

Apropos Süßigkeiten: Ein bisschen mehr Gift und Galle hätte man den Mitgliedern der Neuen Philharmonie Westfalen für diesen Abend schon gewünscht. Dennoch: Unter Heribert Fecklers Leitung kosten sie Waits’ Wunderwerk der hinkenden Walzer, morbiden Balladen und herrlich hingerotzten Arien vom Dreck des Lebens charmant aus. Sängerisch allen weit voraus: Annika Firleys Käthchen.

Am Ende gab es im Pandemie-gerecht besetzten Parkett durchaus kräftigen Beifall. Gründe für Jubel gibt’s immer. Dass der Vorhang wieder hoch geht, ist derzeit der beste.

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INFOS ZUM STÜCK

„The Black Rider“, Musiktheater im Revier, Kennedyplatz, Gelsenkirchen. Dauer: zwei Stunden, eine Pause.

Karten 15- 42 Euro. Info-Tel: 0209-4097200. Nächste Aufführungen am 24. und 27. September. Im Oktober am 10., 11. und 18. Weitere Termine: musiktheater-im-revier.de

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