Interview

„Baustellen gibt’s in einem Schloss immer“

Dr. Christine Vogt leitet seit 2008 als Direktorin die Ludwiggalerie.

Dr. Christine Vogt leitet seit 2008 als Direktorin die Ludwiggalerie.

Foto: Lars Heidrich

Oberhausen.   Christine Vogt blickt auf neue Aufgaben dank zweier großer Nachlässe. Die Direktorin der Ludwiggalerie resümiert 70 Jahre der Kunst im Schloss.

Auch im Jubiläumsjahr ihres 20-jährigen Bestehens bleibt es für die Ludwiggalerie beim Dreiklang aus Fotografie, Comic und Meisterwerken der Sammlung Ludwig. Der Rück- und Ausblick mit Christine Vogt, der Direktorin der Ludwiggalerie, führt allerdings noch etwas weiter zurück.

Zu 20 Jahren Ludwiggalerie müsste man noch ein halbes Jahrhundert Kunst im Schloss Oberhausen dazu addieren.

Es begann als alles in Trümmern lag, 1947. Aus dem Friedensgedanken hat man sich für die Kunst entschieden – und ohne Mäzene aus dem Nichts eine Sammlung aufgebaut.

Wie hat sich die Sammlung entwickelt?

Bis heute haben wir eine gute kleine Kollektion von Grafik der klassischen Moderne. Ende der 60er Jahre mit Professor Thomas Grochowiak, der ja selber Maler war – ganz wichtig – kam das Zeitgenössische ins Haus. Er hatte den anderen Blick. Und er kaufte den berühmten Gerhard Richter: „Mutter und Tochter“ (Anmerkung: Heute das wohl wertvollste Gemälde im städtischen Kunstbesitz).

Zwischendurch wurde auch noch das Schloss Oberhausen einmal abgerissen und wieder aufgebaut...

. . . und um den Nordflügel erweitert, nach den erhaltenen Plänen aus dem Archiv in Münster. Er war zu Zeiten der Familie Westerholt nicht mehr gebaut worden. Der Flügel nahm das Treppenhaus auf – für uns als Museum funktioniert das gut.

Wann kamen die Mäzene Peter und Irene Ludwig ins Spiel?

Dieses Band knüpfte 1983 mein Vorgänger Bernhard Mensch. Das große Thema war die Kunst aus Ostdeutschland. Wie der Name „Ludwig-Institut für Kunst der DDR“ zeigt: Man verstand sich mehr als Forschungs-Institution, weniger museal.

Und dann fiel die Mauer . . .

Peter Ludwig hat mit der Kunst auch immer Politik betrieben. In seinem Haupthaus in Köln hatte man sich gegen die Staatskunst aus Osteuropa verwahrt. Bernhard Mensch handelte mutig gegen den Trend. Aber nach der Wende wollten auch die DDR-Künstler keine DDR-Künstler mehr sein. Das Thema war erledigt.

Man musste die Ludwigs für ein neues Thema begeistern?

Genauso wichtig war hier die Gründung des Centro. Oberhausen wurde neu gedacht. Das Schloss am Rande des Hüttenwerks hatte ein ganz neue Lage. Bernhard Mensch wandte sich zusammen mit Peter Pachnicke an Ludwig mit einem komplett neuen Konzept, dem „Museum auf Zeit“. Bei Ludwigs hat er offene Türen eingelaufen – aber es gab auch Bedingungen: Für kostbare Leihgaben musste eine Klimaanlage her. Und das Büro Eller + Eller baute die gläserne „Vitrine“.

Die Homepage der Ludwiggalerie listet zwölf Museen Ludwig . . .

. . . Zwölf tragen den Namen und 20 weitere weltweit haben wesentliche Bestände. Wir sind eines der kleineren Häuser – aber wir pflegen eine enge Zusammenarbeit. Für uns ist das ein großer Glücksfall. Peter und Irene Ludwig sammelten erklärtermaßen für die Öffentlichkeit. Bei ihrer Stiftung können wir immer Geld beantragen.

Das Konzept aus der Nachwende-Zeit hat bis heute Bestand?

Es sind die drei Standbeine unseres Hauses: die Sammlung Ludwig, die Populäre Galerie und die Landmarken-Galerie, also der Strukturwandel. Hier ist ja das beste Beispiel, hier starteten schon die IBA-Exkursionen. 1996 wurde das Schloss geschlossen, bis ‘98 umgebaut – trara!

Eingeengt fühlen Sie sich als Direktorin durch dieses Konzept nicht?

Nein, das ist ein Super-Konzept! Ich kann Tafelbilder des 14. Jahrhunderts zeigen und Micky Maus. Wir sind damit sehr handlungsfähig.

Erfüllen Ihnen die Ludwig-Museen alle Wünsche nach Leihgaben?

Die Sammlung Ludwig ist riesengroß. Ich versuche immer vorzufühlen, was geht. Mal kommt, auch aus konservatorischen Gründen, eine Absage. Aber dieser Bestand und die Zusammenarbeit aller Direktoren: Das ist schon ein Schatz.

„Noch ein Nachlass, dann kollabieren wir“

Mit den populären Comic-Ausstellungen haben Sie in Deutschland noch eine Sonderstellung?

Da ist noch viel Luft nach oben. Schon Peter Pachnicke und Bernhard Menschen wollten „high“ und „low“ gegenüberstellen. Seit ich hier bin, konnten wir das noch weiter ausbauen. Mittlerweile haben wir uns einen Namen erarbeitet. Jetzt zeigt man die Pioniere des Comics auch in der Frankfurter Schirn. Da kommt was in Bewegung – und wir arbeiten daran mit.

Wie sehen Sie die Entwicklung bei der Museumspädagogik?

Vor 20 Jahren gab’s nur die Malschule. In den letzten zehn Jahren haben wir die Pädagogik ausgebaut – und Ursula Bendorf-Depenbrock und Sabine Falkenbach machen das hervorragend.

Wo sind Baustellen für die Zukunft?

Baustellen gibt’s in einem Schloss immer! Comic, Karikatur und Fotografien – das wollen wir ausbauen. Für Fotografie-Ausstellungen bekommen wir inzwischen die besten Leihgaben. Aber auch die kleinen Kabinett-Ausstellungen sind mir als Forschungsprojekte wichtig: 2019 werden wir die „Unterweisung Mariens“ zeigen, ein Meisterstück aus der Sammlung Ludwig um 1400.

Wie stehen die Oberhausener zu „ihrer“ Ludwiggalerie?

Wir haben immer 46 000 bis 48 000 Besucher im Jahr. Die kommen nicht nur aus Oberhausen, das ist klar. Aber wir haben das Haus stärker in die Stadtgesellschaft gebracht, auch durch die Gründung des Freundeskreises. Wir haben hier viele junge Leute, die zu uns kommen, auch viele Familien.

2017 kamen die beiden Nachlässe von Rudolf Holtappel und Walter Kurowski zum Bestand.

Damit werden wir uns noch mehr als forschendes Institut sehen. Mit solchen Konvoluten kann ganz anders gearbeitet werden. Zwischendurch hatte ich die Befürchtung: Jetzt habe ich uns überfordert. Noch ein Nachlass, dann kollabieren wir! Aber fürs Sichten des Holt­appel-Nachlasses ist schon jemand da: Wir können jetzt Nachwuchs an die Forschung setzen. Und werden es natürlich bestens schaffen, die Nachlässe lebendig zu halten.

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