Kino

Aussteigerdrama „Leave No Trace“ liefert keine Erklärungen

Mein Vater, der Aussteiger: Ben Foster als Will mit Filmtochter Tom (Thomasin McKenzie).

Mein Vater, der Aussteiger: Ben Foster als Will mit Filmtochter Tom (Thomasin McKenzie).

Foto: Sony Pictures Releasing GmbH

Essen.   Wenig Chancen auf Morgen: Debra Granik zeigt in „Leave No Trace“ einen traumatisiertem Ex-Soldaten, der mit seiner Tochter in den Wäldern lebt.

Noch ist der Winter nicht da. Es kann zwar kalt werden nachts, aber die Schlafsäcke und der Unterstand aus Tannenzweigen ermöglichen ungestörte Nachtruhe. Tagsüber streifen der Mann und seine Tochter durch den Wald, ernten Pilze oder erlegen einen Kleinnager. Diese Woche geht es auch wieder einmal in die Stadt, wo Will sich das Geld abholt, das ihm als kriegstraumatisiertem Ex-Soldaten zusteht, während seine 13-jährige Tochter Tom die Einkäufe für den Alltag organisiert. Dann geht es zurück in den Wald, wo die beiden sich häuslich eingerichtet haben; und obwohl das Areal zum Stadtgebiet von Portland, Oregon, gehört, sind Will und Tom bislang unentdeckt geblieben.

Doch an diesem Morgen straft sich eine kleine Unachtsamkeit. Will und Tom werden aufgegriffen, den Behörden überstellt und bekommen einen neuen Wohnort in einer entlegenen Siedlung im Bundesstaat zugeteilt. Tom fasst hier schnell Tritt, aber Will zieht es wieder in die Einsamkeit der Wälder und einmal noch entschließt sich seine Tochter zum Mitkommen.

Tragische Aussichtslosigkeit

Ein Hauch von tragischer Aussichtslosigkeit haftet jenen Filmvätern an, die aus wie auch immer gearteten Gründen der Zivilisation misstrauen und sich ihr deshalb verweigern. Ben Foster spielt Will als verschlossenen, aber keineswegs lieblosen Vater. Sein Will erinnert eher an Viggo Mortensens „Captain Fantastic“ als an den hyperaktiven Harrison Ford aus „Mosquito Coast“ oder Woody Harrelsons Eiferer in „Schloss aus Glas“. Selbstverständlich ist das nicht, denn Ben Foster kann wie kaum ein Zweiter derzeit Männer ausgestalten, die unter ihrem inneren Druck zu bersten drohen – und deshalb zu allem fähig scheinen.

Amok aber steht hier nicht auf dem Plan, was ganz wesentlich daran liegt, dass Debra Granik hier mit Buch und Regie für ihren zweiten Film nach „Winter’s Bone“ verantwortlich zeichnet. Und wie in jenem Arthouse-Hit von 2010 lässt sie die Befindlichkeiten von Zivilisationsflüchtlingen und Sozialabgehängten in den Augen einer werdenden Frau spiegeln. Womit sich Graniks große Stärke in Besetzung und Führung zeigt, denn nach Jennifer Lawrence gibt sie nun mit Thomasin McKenzie ein weiteres außerordentliches Schauspieltalent zur Entdeckung frei.

Keine Hoffnung auf Entwicklung

Womit nicht minder deutlich Graniks Schwächen offenbar werden. Sie beobachtet zwar präzise im Detail, ihr Schnitt aber holpert ungelenk, weil sie nie den richtigen Zeitpunkt für den Übergang von einer Szene zur nächsten findet, um die Beschaulichkeit des Augenblicks in einen übergeordneten Erzählfluss einzubetten.

Entsprechend lässt der Film die Hoffnung auf Entwicklungen in den ohnehin schon sperrig angelegten Charakteren ins Leere laufen, weil er letztlich nur Zustandsbeschreibung ist und auch nichts anderes sein will. Immerhin ist das von guten Schauspielern getragen.

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