Hedwig Fijen lebt in den Niederlanden, doch seit geraumer Weile ist es das Ruhrgebiet, das sie am meisten interessiert. Was gibt es? Was fehlt? Was ist machbar? Welche Rolle spielt die Vergangenheit? Die 63-Jährige hat eine Vielzahl von Projekten im Sinn, vom Aufbau multikultureller Zentren bis zu populären Kunstausstellungen. Anlass ist ein europäisches Festival, das im kommenden Jahr erstmals für hundert Tage in NRW gastiert. Vom 21. Juni bis zum 4. Oktober 2026 wird die „Manifesta 16 Ruhr“ in verschiedenen Ruhrgebietsstädten über die Bühne gehen. Zurzeit wird das Konzept erarbeitet.

Das Festival definiert sich als europäische Biennale für zeitgenössische Kunst, Architektur und Stadtplanung: Alle zwei Jahre startet es in einer anderen Stadt. Jetzt hat sich mit dem Ruhrgebiet erstmals eine Region erfolgreich beworben. Eines zumindest steht schon fest: Es wird ein großes Ereignis. Ann-Charlotte Günzel vom Essener Organisationsteam sagt es anders: „Die Manifesta ist ebenso wichtig wie die Documenta oder die Biennale. Aber sie hat einen anderen Charakter.“

Ausstellung des amerikanischen Künstlers Asad Raza in einem Industriedenkmal bei der Manifesta 15 Barcelona.
Ausstellung des amerikanischen Künstlers Asad Raza in einem Industriedenkmal bei der Manifesta 15 Barcelona. © Manifesta 16 Ruhr/Ivan Erofeev | IVAN EROFEEV

Seit 1996 ist Hedwig Fijen geschäftsführende Direktorin der Manifesta-Stiftung in Amsterdam – im Grunde, so sagt sie, habe sie das Festival erfunden. Auch im Ruhrgebiet wird sie federführend sein, im Rücken hat sie ein multidisziplinäres Team aus Künstlern, Ökologen, Soziologen, Architekten und Biologen.

Kunst, Theater, Workshops, Wanderungen: Bei der Manifesta 16 Ruhr ist vieles möglich

Was die einzelnen Veranstaltungen betrifft, mag oder kann sie noch nicht allzu viel verraten. Hochkultur wird ebenso zum 16. Manifesta-Paket zählen wie Wanderungen. Konzerte stehen ebenso auf dem Programm wie Kunst, Lesungen, Workshops, Theater und Performances. Eine besondere Rolle spielen soziokulturelle Projekte; ein Ziel der Manifesta sei es, kulturelle Angebote an unerwarteten und bisher unbeachteten Orten zu organisieren und so neue Impulse zu setzen, heißt es.

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Die erste Ausgabe lief 1996 in Rotterdam, danach fand das Festival in verschiedenen europäischen Städten statt, darunter Palermo, Marseille, Pristina. Zuletzt ging es 2024 in der Metropolregion Barcelona über die Bühne. Hedwig Fijen verbuchte es als großen Erfolg. 300.000 Besucher und Besucherinnen wurden gezählt, rund 80 Prozent waren regionale Gäste, so sei es trotz touristischer Prägung der Stadt gelungen, die heimische Bevölkerung zu erreichen.

Ein Ausstellungsort der Manifesta 15 Barcelona: „Die drei Schornsteine“ in Sant Adria des Besós.
Ein Ausstellungsort der Manifesta 15 Barcelona: „Die drei Schornsteine“ in Sant Adria des Besós. © Manifesta 16 Ruhr/Arnau Rovira | Arnau Rovira

Als sogenannter „erster Creative Mediator“ wurde auch im Revier der spanische Stadtplaner und Architekt Josep Bohigas berufen. In Barcelona schuf er so genannte „Superblocks“, Wohnquartiere mit viel Grün und verkehrsberuhigten Zonen, in denen alles zu Fuß erreichbar ist, von der Kulturveranstaltung über die Sportanlage bis zur medizinischen Versorgung. Eine Rückgewinnung der Städte durch den Menschen. Ein Schritt zu mehr urbaner Lebensqualität. Gerade ist Bohigas auch in NRW auf der Suche nach geeigneten Orten. Hierzu fanden Workshops mit der TU Dortmund statt.

Die Manifesta 16 Ruhr sucht Antworten auf die Tendenzen zum Nationalismus

Ein Schwerpunkt Bohigas ist die Untersuchung der Funktion von kirchlichen Gebäuden beim Wiederaufbau des Ruhrgebiets nach dem Krieg. Viele wurden oder werden in den nächsten Jahren geschlossen, abgerissen oder verkauft. Die Manifesta 16 Ruhr befasst sich mit der Frage, wie diese ehemaligen Gotteshäuser umgenutzt werden können. Durch eine Transformation zu Orten der Begegnung und des künstlerischen Austauschs will die Biennale den interkulturellen Dialog und sozialen Zusammenhalt fördern – auch als Antwort auf die aktuellen Tendenzen zu Polarisierung und Nationalismus.

Von zentraler Bedeutung sind aktuell auch Beteiligungsangebote für Bürger, die ab Mai an verschiedenen Orten im Ruhrgebiet stattfinden. Menschen und Gemeinschaften vor Ort sollen dadurch in die Entwicklung des Programms für die Biennale einbezogen werden. Darüber hinaus wird es im Sommer einen Aufruf an soziale und kulturelle Akteure aus der Region geben, sich an der Umgestaltung von Nachbarschaften im Rahmen des Programms der Manifesta 16 Ruhr zu beteiligen.

Ein Festival fürs Ruhrgebiet

Die Manifesta sei auf Nachhaltigkeit angelegt, auf dauerhafte Veränderungen, betont Hedwig Fijen. In der Region Barcelona habe sich die Bevölkerung etwa ihre Strände mit einer großen Fahrradtour symbolisch zurückerobert. Ein anderes Beispiel ist das Parlament der Bäume, eine Installation, mit der sich der Künstler Elmo Vermijs dafür einsetzte, den Schutz der Natur gesetzlich zu verankern. Und dann ist da noch die Rettung der „Drei Schornsteine“, eines Industriedenkmals und ehemaligen Elektrizitätswerks. Es sollte ursprünglich Luxuswohnungen weichen. Bei der Manifesta diente es als Ausstellungsort, unter anderem für den amerikanischen Künstler Asad Raza. Jetzt wird es im Nachgang des Festivals dauerhaft zum Kulturzentrum.

Gute Voraussetzungen für die Manifesta 2026 im Ruhrgebiet

Seit über einem Jahr ist Hedwig Fijen regelmäßig im Ruhrgebiet und hat die Region und ihre Menschen schon etwas besser kennengelernt. Sie empfinde sie als „belastet“, wie sie sagt; Folge der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, aber auch der Umwälzungen nach dem Ende der Montanindustrie. Aber sie habe auch eine große Resilienz und jede Menge Hoffnung ausgemacht. „Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind sehr offen und freuen sich auf Impulse. Auch die vielen Parks und Naturgebiete und die Vielfalt großartiger Kulturinstitutionen beeindrucken mich.“ Beste Voraussetzungen für die Manifesta 2026.