Moers. . Der Tod ist nur ein lukratives Geschäftsmodell: Obacht, wenn der Geier über der Firma kreist und eine noch bessere Kaffee-Maschine verspricht.

Am Ende macht sogar Troy einen Vertrag mit dem Geier. Ausgerechnet der treue Troy (Marissa Möller), die schwule Kassandra, in Diensten des aus der Zeit gefallenen Seniorchefs, die bis zuletzt vor dem „Monster“ gewarnt hat, die alles hat kommen sehen und der dieser Leichenschmaus zur feierlichen Firmenübernahme nicht recht schmecken will. Aber der Aufstieg vom ewigen Assi zum Büroleiter: Jeder ist käuflich.

„The Dead Inc. – Die Toten GmbH“ heißt das Stück des jungen amerikanischen Autors Michael Yates Crowley, das jetzt seine Uraufführung in der Übersetzung des Intendanten Ulrich Greb am Schlosstheater Moers feierte. Ein Stück ums Überleben oder Untergehen in einer gnadenlosen, profitorientierten Wirtschaftswelt. Eines, in dem der Tod nicht nur das Leben kostet, sondern sehr viel teurer ist. Und damit für irgendeinen findigen, windigen Menschen wirtschaftlich darstellbar. „Monetarisierbar“ heißt das dann.

Und wenn das Geschäft mit dem Tod für die Firma Lachesis des altmodischen, völlig undynamischen Julius Lagrange (herrlich behäbig:

Hauptsache Apfel-Logo auf dem Computer: Marissa Möller als ewiger Assistent.
Hauptsache Apfel-Logo auf dem Computer: Marissa Möller als ewiger Assistent. © Jakob Studnar

Magdalene Artelt, die sich über fast zwei Stunden mit geschätzt hundert Kilo Bühnen-Leibesfülle abschleppt) auch noch so lange funktioniert hat – es kommt irgendwann einer, der mit noch größerer Gier und Unerbittlichkeit Opfer fordert, um seinen Profit zu erhöhen. In diesem Fall eben ein Geierfonds in Person von Sandy Vautour (wunderbar widerlich überzeugend: Frank Wickermann), die ihre gefiederten Arme um Lagrange schlingt und lügt: „Ihr Unternehmen wird in guten Händen sein.“ So gelogen wie der Name ihres Unternehmens: „Carry On Partner“. Und so alternativ faktisch wie der Satz: „Geier töten nicht. Geier räumen nur auf.“

Grebs mittlerweile dritte Inszenierung eines Crowley-Stücks kommt ein bisschen leichtfüßiger daher als etwa „Gerechtes Geld“. Da stockte manchen der Atem, so menschenverachtend war der Duktus der Bosse. Hier setzt Greb eher darauf, den Chefsprech bis zur Durchsichtigkeit zu entlarven. Die versinnbildlicht Birgit Angele mit einem Bühnenbild aus drehbaren Folien. Und die Büromöbel aus Pappe unterstreichen: Nichts ist für die Ewigkeit, nicht mal der Tod.

Kaffee als Karriere-Indikator

Alles ist austauschbar. Die scheinbare Transparenz im Büro dient der Verschleierung des eigentlichen Ziels: Geld. Die Mitarbeiter spielen mit, Hauptsache, auf dem Computer klebt das Apfel-Logo. Sie reden selbst hohl von

Transparenz im Büro? Marissa Möller als Troy und Patrick Dollas als Brian Mayfield.
Transparenz im Büro? Marissa Möller als Troy und Patrick Dollas als Brian Mayfield. © Jakob Studnar

„Feedback“. Meinen, „mit Datensätzen die Welt in den Griff“ zu bekommen. Sie dienen dem Götzen Powerpointillismus bereitwillig. Je mehr Folien ein nicht vorhandenes Problem darstellen, desto wahrer. Sie lassen sich einlullen von imagefördernden, angeblich identifikationsstiftenden Irgendwassen, die zum heiligen Gral werden. Und seien sie noch so abstrus wie eine Kaffeemaschine mit 128 Kaffeesorten. Zahlen sind ja so sexy. Darüber vergessen manche sich selbst und ihre Selbstachtung. So wie Vize-Chefin Miranda Cortez (Matthias Heße), die ihre Machtstellung für eine flotte Nummer im Büro ausnutzt und die sich allzu gerne dem Geier zu Füßen wirft in einem schmutzigen Club, in dem Vautour das schmutzige Geschäft befördern will. Fast wie im richtigen Leben.

Greb setzt in seiner gar nicht unterschwelligen Inszenierung des brutalen Kapitalismus noch eins drauf, indem er das vordergründige Gender-

Karriere-Indikator Kaffe: Wer kocht und: „Bin ich in meinem Karriereflug an einem Punkt, wo vorgemahlener Kaffee reicht?“
Karriere-Indikator Kaffe: Wer kocht und: „Bin ich in meinem Karriereflug an einem Punkt, wo vorgemahlener Kaffee reicht?“ © Jakob Studnar

Getöse bloßstellt: Er lässt Frauen Männerrollen spielen und Männer Frauenrollen. Als Aasgeier sind alle gleichberechtigt. Der einzige, der als Mann einen Mann spielen darf, ist Patrick Dollas als Brian Mayfield, jemand, der „gesegnet ist durch Mittelmäßigkeit“. Und genau der ist es, der später irrtümlich dem Geier zum Opfer fällt und eine „Himmelsbestattung“ erfährt: aufgefahren mit dem Geier als Boten.

Das Publikum hat überlebt, es hatte was zu lachen, viel zu applaudieren und am Abend noch einiges zum Nachdenken.