Literatur

Armando Lucas Correa erzählt „Das Erbe der Rosenthals“

Armando Lucas Correa

Armando Lucas Correa

Foto: Hector Torres

Aus Deutschland entkommen, in England nicht willkommen: Eine jüdische Odyssee ist das Zentrum des Romans „Das Erbe der Rosenthals“.

Die als persönliche Schande empfundenen Ereignisse des Juni 1939 beschäftigten seine Großmutter ein Leben lang. „Sie wurde nicht müde zu erklären“, erzählt Armando Lucas Correa (58), „Kuba würde die nächsten 100 Jahre einen hohen Preis zahlen müssen für das, was unser Land den jüdischen Flüchtlingen angetan hat.“ Großmutters Erinnerungen und die eigenen Erfahrungen in Havanna haben den kubanischen Journalisten und Publizisten Correa viele Jahre später zu einem so einfühlsamen wie sprachgewaltigen Roman-Debüt inspiriert.

„Das Erbe der Rosenthals“ rückt eine Episode ins Blickfeld, die wenig bekannt und in Geschichtsbüchern zum Holocaust kaum mehr als eine Randnotiz ist. Im Mai 1939 verließ der Luxusliner „St. Louis“ Hamburg in Richtung Kuba. An Bord: 937 jüdische Emigranten, alle im Besitz gültiger Dokumente. Doch dann verweigerte Präsident Brú den Flüchtlingen die Einreise, nur 28 ausgewählte Passagiere durften die Insel betreten. Für die anderen ging die Irrfahrt der „St. Louis“ weiter. Weil auch die USA und Kanada sich weigerten, die jüdischen Emigranten aufzunehmen, musste das Schiff wieder Europa ansteuern. England gewährte schließlich immerhin 287 Menschen das rettende Asyl.

Armando Lucas Correa schildert in „Das Erbe der Rosenthals“ ein aufwühlendes Familiendrama

Der Theaterwissenschaftler Correa, der seit 1991 in den Staaten lebt und dort mit „People en Español“ das wichtigste Kulturmagazin der spanischsprachigen Gemeinschaft herausgibt, weitet seinen akribisch recherchierten Roman zu einem erschütternden Drama über Verfolgung und Verlust.

Geschichte, gesehen mit den Augen zweier Mädchen: 1939 muss die elfjährige Hannah Rosenthal, wegen ihrer blonden Haare eigentlich das Musterexemplar eines „deutschen Mädchens“, mit ihren Eltern aus Berlin fliehen. Wie Hannah zuvor mit ihrem Freund Leo durch die Hauptstadt stromert, wie sie die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen wohl registriert, aber in ihren Dimensionen nicht verstehen kann und mag, das ist gleichsam der beklemmende deutsche Teil des Romans. Die Familie Rosenthal wird zerrissen, nur Hannah und ihre schwangere Mutter dürfen in Havanna an Land. Sie bleiben, führen fortan im Kuba der Brús, Battistas und Castros ein Schattendasein als geduldete Unerwünschte.

Von Berlin über Kuba nach New York führt dieser Roman über ein Schicksalsjahrhundert

In einem parallelen Erzählstrang will 75 Jahre später in New York die elfjährige Anna Rosen mehr über ihren Vater wissen, der bei den 9/11-Anschlägen ums Leben kam. Der Brief einer Großtante aus Kuba gibt erste Hinweise, aber auch neue Rätsel auf. Denn das blonde Mädchen auf einem beigelegten alten Zeitungsfoto ähnelt Anna verblüffend. Als Mutter und Tochter nach Kuba reisen, kommen beide – Anna wie Großtante Hannah – der bewegten Geschichte ihrer Familie endlich nahe, wird das wahre Erbe der Rosenthals allmählich klar erkennbar. Und aus der Tragödie um die „St.-Louis“-Flüchtlinge wird fast ein tröstliches Märchen über die Kraft und den Willen, in schwierigen Zeiten zu überleben.

Armando Lucas Correa: Das Erbe der Rosenthals. Roman. Lübbe. 430 Seiten. 20 €.

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