Buchrezension

Arier, Eintopf, Volksverräter – wo wir reden wie die Nazis

Joseph Goebbels während einer Rede. Der „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ war nicht nur verantwortlich für die Bücherverbrennungen, den Judenboykott und die "Kristallnacht". Im Februar 1943 rief der gebürtige Niederrheiner in seiner berüchtigten Rede im Berliner Sportpalast zum "totalen Krieg" auf. Propaganda war für die Nazis ein durchweg positiv besetzter Begriff.

Joseph Goebbels während einer Rede. Der „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ war nicht nur verantwortlich für die Bücherverbrennungen, den Judenboykott und die "Kristallnacht". Im Februar 1943 rief der gebürtige Niederrheiner in seiner berüchtigten Rede im Berliner Sportpalast zum "totalen Krieg" auf. Propaganda war für die Nazis ein durchweg positiv besetzter Begriff.

Foto: dpa

Der Journalist Matthias Heine hat unseren Wortschatz analysiert und klärt, welche Begriffe aus der NS-Zeit überlebt haben. Oder wiederkommen.

Wenn Rechte reden und von „Überfremdung“, „Systempresse“ und „Volksverrätern“ faseln, ist klar, wessen verbalen Erbes sie sich da bedienen. Doch die Sprache der NS-Zeit hat weitaus mehr Spuren hinterlassen. Matthias Heine hat die „Verbrannten Wörter“ – zumindest eine größere Auswahl – zusammengetragen und liefert manch überraschenden Einblick in die Sprachistorie.

„Betreuung“ war gleichbedeutend mit Ermordung

Gewiss, das haben kurz nach der NS-Zeit schon Victor Klemperer mit seiner „Lingua tertii imperii“ oder die Straelener Karl-Heinz Brackmann und Renate Birkenhauer mit ihrem Buch zum NS-Deutsch getan. Aber Heine, Journalist u.a. für TAZ, FAZ und Kulturredakteur der „Welt“ weiß manch erhellendes beizutragen. Ob hinter jedem Begriff die knappe Zensurenvergabe sein muss, in der Heine etwas bevormundend entscheidet, was man sagen darf und was man nicht mehr sagen sollte, sei dahingestellt.

Aber er liefert auch manche Überraschung. Der Ausdruck „bis zur Vergasung“ beispielsweise ist über 100 Jahre älter, stammt aus der Chemie, war aber auch 1937 schon als Redensart geläufig. Nur: Weil jeder damit die Judenvernichtung assoziiert, sollte man sich die Formulierung dennoch verkneifen. Umgekehrt schüttelt man mit Heine den Kopf darüber, dass Menschen mit Behinderung in unserem Land wieder gerichtlich unter „Betreuung“ gestellt werden.

Buchstabieren mit Siegfried statt mit Samuel

Ebenso wie die „Sonderbehandlung“ ist dies in der NS-Zeit ein bitterer Euphemismus für Misshandlung bis hin zur Tötung gewesen. Umgekehrt erkennt Heine an, dass die Worte „Mädel“ und „Eintopf“ wiewohl in der NS-Zeit entstanden und verbreitet, heute durch den Strom der Zeiten gewandelt sind.


Und die Arisierung des Buchstabiercodes von 1934, in dem David, Jacob, Nathan und Samuel in Dora, Jot, Nordpol und Siegfried arisiert wurden, kann auch jeder für sich wieder rückgängig machen. Offiziell übrigens wurden in der BRD Samuel und Zacharias statt Siegfried und Zeppelin wieder eingeführt, in Österreich übrigens nicht.

Bis Anfang der 80er war „Kristallnacht“ noch okay

Doch der Sprachwandel dauert lang. So sang der jeder Nazi-Tendenz unverdächtige Wolfgang Niedecken noch 1982 von der „Kristallnacht“ – bis 1988 wurde das Wort unbefangen verwendet, erst dann setzte sich der Betriff „Pogromnacht“ durch.

Die Nazis übrigens prägten das Wort auch nicht: sie sprachen von „Vergeltungsaktionen“ – wie so oft, wenn sie angriffen. Dem Begriff, erstmals 1945 schriftlich nachgewiesen, wohnt eine gewisse Ironie inne, die den Nazis gewiss fremd war. Genauso wie dem „inneren Reichsparteitag“, der ja eigentlich die pompösen Inszenierungen auf die Schippe nimmt. Heines Urteil in diesem Falle: Geschmackssache.


Matthias Heine, „Verbrannte Wörter – Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht“, Duden-Verlag, 222 Seiten, 18 Euro

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben