Literatur

Anke Stellings nächste Wut-Abrechnung mit Klischees

Anke Stelling bei der Verleihung des Buchpreises der Leipziger Buchmesse.

Anke Stelling bei der Verleihung des Buchpreises der Leipziger Buchmesse.

Foto: dpa Picture-Alliance / Sebastian Willnow

Leipziger Buchpreis für Anke Stellings Roman „Schäfchen im Trockenen“, den Nachfolger von „Bodentiefe Fenster“. Ein Buch voller weiblicher Wut.

Warum nur ist diese Frau so wütend? Resi hat doch alles: vier gesunde Kinder, einen liebevollen, treuen Ehemann, nette Freunde, eine Wohnung mitten in Berlin. Nun gut, das Geld ist knapp – aber dass Kinder teuer sind, „das weiß man doch“ (sagt Freundin Franziska). Was man noch weiß: Dass Schriftsteller wenig verdienen. Dass beim Geld die Freundschaft endet. Dass man Freunde nicht bloßstellen darf, schon gar nicht öffentlich.

Autorin Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren, studierte am Leipziger Literaturinstitut und lebt seit 2002 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg; inzwischen ist sie Mutter von drei Kindern. Als 2015 ihr Roman „Bodentiefe Fenster“ erschien, brachte ihr dies eine Nominierung zum Deutschen Buchpreis ein – sowie den Zorn ihrer Hausgemeinschaft. Die Sorgen der Prenzlauer-Berg-Mütter, die geplatzten Träume vom ökologisch-pädagogisch wertvollen Gemeinschaftsleben: Das war grandios lebensnah, wohl leider bis hin zur Wiederkennung.

Soeben hat Anke Stelling mit dem Anschlussroman „Schäfchen im Trockenen“ den Leipziger Buchpreis gewonnen. Diesmal aber war sie so klug, die Romanfolgenabschätzung gleich literarisch mitzuliefern: Auch Schriftstellerin Resi gewinnt am Ende einen mit 15.000 Euro dotierten Literaturpreis und muss blöde Journalistenfragen über sich ergehen lassen – sooo viele Kinder, und diese ganze Schreiberei, „wie schaffen Sie das?“

Nachdenken über faule Floskeln

Eine Frage, die gar keine ist, auch kein Kompliment (wie Resi lange dachte), sondern „eine Umschreibung dafür, dass der Fragende denkt, es sei nicht zu schaffen – und auch dumm, es überhaupt zu versuchen“. Resi aber isst ihre Dosenravioli vom skandinavischen Designerteller, Wandlerin zwischen Welten. Nennt das Brett in der Abstellkammer ihren Schreibtisch und notiert kettenrauchend das Elend: den stinkigen, dreckigen, trostlosen, so gar nicht bullerbümäßigen, kurz: den ganz normalen Familienalltag.

Zum einen also ist dieser Roman der Aufschrei einer Mutter, ist gerichtet an die älteste Tochter Bea, die gewarnt werden soll: Schau her, so ist es wirklich! Lerne, ehrlich zu sein – vor allem zu dir selbst! Zum anderen richtet Stelling ihre Suada gegen die Idee der Chancengleichheit in der Gesellschaft. „Wenn meine Eltern woanders gewohnt hätten, hätten wir einen anderen Küchenfußboden gehabt“, so Resis späte Erkenntnis – vielleicht Terrakotta- statt „Sechziger-Jahre-West-PVC, grau mit grauem Schlierenmuster“. Ihre Freunde aber wohnen in großen Häusern und auch später, als alle gemeinsam in einer Berliner WG leben (die Utopie: „zusammen leben und wohnen und arbeiten“), da gehen die anderen auf Papis Kosten studieren, während Resi in einer Kita jobbt. Und denkt, es sei egal.

Wie Anke Stelling die feinen Unterschiede ausmalt, die diese oder jene Herkunft ausmachen, ist subtil und treffend – vom Hausmusik-Nachmittag bei ihrem ersten Freund bis zur Frage, warum der einst mit ihr Schluss machte. Und warum Jahre später auch die Freunde mit Resi brechen.

Denn der dramatische Auftakt des Romans, der das Erinnerungs- und Beschreibungs-Patchwork bedrohlich grundiert, besteht in einer Kündigung: Resi wohnt zwar nicht (wie die Protagonistin aus „Bodentiefe Fenster“) in der Hausgemeinschaft, aber bei einem der Freunde zur Untermiete – und nach ihren literarischen Baugruppen-Enthüllungen muss sie dort ausziehen.

Dies ist das dritte große Thema: Denn „Resi“ leitet sich ab vom griechischen „Parrhesia“, der Redefreiheit. Resi nutzt diese Freiheit, und auch wenn das eigentliche Ziel ihrer Wutrede diffus bleibt, führt sie doch ins Nachdenken. Etwa über Floskeln, die von Menschen gemachte Verhältnisse als gegeben und unabänderlich hinstellen: Weiß man doch, ist halt so. Wirklich?

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