Winterschwimmer

Alexander Osang gibt Weihnachtsgeschichten als Buch heraus

Die Lichter der Stadt schreiben in bunten Farben ihre Geschichten auf den Asphalt. Alexander Osang fängt sie ein – und macht ein Buch daraus.

Die Lichter der Stadt schreiben in bunten Farben ihre Geschichten auf den Asphalt. Alexander Osang fängt sie ein – und macht ein Buch daraus.

Foto: dpa / Jens Kalaene

Essen.   Lichterglanz und leise Melancholie: Alexander Osang schreibt jedes Jahr eine Weihnachtsgeschichte. Jetzt erscheinen sie in einem Buch.

Wären die Stories von Alexander Osang Christbaumschmuck, sie wären eine matte Goldkugel mit feinen Rissen. Wären sie Krippenfiguren, dann wären sie das struppige Schaf ganz hinten links. Sie wären der Gänsebraten, der etwas zu lange im Ofen war. Das Lied, von dem alle nur den Refrain wissen. Diese Geschichten erzählen davon, wie sich Hoffnungen und Erwartungen erst dramatisch verdichten – und kurz darauf lautlos verdampfen.

Lichterglanz und leise Melancholie fängt der Spiegel-Reporter Osang, 1962 im Osten Berlins geboren, Jahr um Jahr in seinen Weihnachtsgeschichten ein. Nun sind die Randgestalten, die in seiner geradlinigen, präzise gebrauchten Sprache meist vornamenslos „Schneider“ heißen, „Kullmann“ oder „Barnow“, in einem Band versammelt: Ein Radiomoderator in der stillsten aller Nächte. Ein Steinmetz auf ellenbogengestützter Weihnachtsbaumjagd im Wald. Ein Reisebürogründer im Prenzlauer Berg, allein hinter Glas. Eine Talkshowqueen („Anka Bendig“, Frauen immer mit Vornamen!) im Ferien-Schloss, bald eingeholt von ihrer ostdeutschen Vergangenheit. Denn um ihre Unterlegenheitsgefühle zu bekämpfen, wirft sie sich nach der Sauna in den Schnee – „die russische Methode“ soll beweisen: „Sie war hart im Nehmen, natürlicher, sinnlicher auch, all das war Teil der Kohlehoflegende.“ Nur leider: geht nach dem nackten Schneebad die Schlosstür nicht mehr auf.

Helden werden vom Leben gebeutelt

Alexander Osang porträtiert ein in die Jahre gekommenes deutsch-deutsches Deutschland, seine Helden werden vom Leben gebeutelt und begehren dennoch nicht auf. Mit ihnen schauen wir in „die schwarze Berliner Nacht, aus der der Fernsehturm leuchtete wie eine einsame Kerze“, mit ihnen bekommen wir immer nur die falschen Dinge: „Wenn man alle ihre Geschenke nebeneinanderlegte, ahnte man, welcher Art Mann Cathrin gern hätte. Eine Art Indiana Jones. Cathrin kannte ihn nicht, und er hatte keine Lust, sich ihr nach all den Jahren noch einmal vorzustellen“ – das sind so knallscharfe Sätze, man könnte locker einen Tannenbaum schlagen mit ihnen.

Immobilienmakler Schneider wiederum begegnet vor der eigenen Haustür einer Wohnungssuchenden – und bleibt lange genug in seiner Immobilienmaklerpose, seinem Immobilienmaklersprech, um höchst erfolgreich seine eigene Wohnung zu vermakeln. „Man konnte auch in einem Bauwagen wohnen“, denkt er kurz darauf, mit Schlafsack und Waschtasche im Immobilienmakler-Mercedes unterwegs, „oder in Neukölln“.

Wirklichkeit um wenige Zentimeter verschoben

Der beiläufige, unabsichtliche Aufbruch, der in einem kurzen Moment, durch eine Kleinigkeit verursacht wird: Dieses Motiv zieht sich durch die Stories. Osang verschiebt die Wirklichkeit nur um wenige Zentimeter. Und schon befinden wir uns in einem Wunderland, in dem winzigste Dinge wie ein kleines Baby in einer Krippe, nur so als Beispiel, größtmögliche Wirkung entfalten können.

Alexander Osang: Winterschwimmer. Aufbau Verlag, 240 S., 20€.

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