Ausstellung

Ai Weiwei überwältigt jetzt mit seiner Kunst in Düsseldorf

Abermillionen von handbemalten „Sonnenblumensamen“ aus Porzellan in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

Abermillionen von handbemalten „Sonnenblumensamen“ aus Porzellan in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

Foto: Julia Tillmann

Düsseldorf.  Polit-Aktivist Ai Weiwei ab Samstag in der Kunstsammlung NRW – eine seiner größten Ausstellungen. Eine Schau der großen Zahl, in jeder Hinsicht.

Zuletzt hat sich die Kunstsammlung NRW nicht sehr offensiv um das große Publikum bemüht. Die Staatsgalerie des Landes übte sich in Museumspolitik. Wie die aktuelle Chefin Susanne Gaensheimer bemühte sich schon ihre Vorgängerin Marion Ackermann, außereuropäische Kunst in den Blick zu rücken und den übersehenen Frauen der Kunstgeschichte wie der großartigen Agnes Martin eine Bühne zu bereiten.

Nun aber nimmt das Haus mit politischer Kunst das ganz große Publikum ins Visier: Fast ein Dutzend Fernsehkameras hielten gestern jedes Mundwinkelzucken von Ai Weiwei fest, und die Schar der Journalisten, die zur großen Ai-Weiwei-Schau angereist waren, übertraf die Zahl der Besucher in diesem Moment bei weitem. Der 61-Jährige nahm den Andrang mit stoischer Gelassenheit, zeigte sich aber sehr „berührt“ von der Ausstellung: „Ich weiß nicht, ob es jemals wieder eine so große geben wird. Ich habe einige der Werke nach Jahren zum ersten Mal wieder gesehen.“

Ais Kunst macht sich in den beiden Häusern des Museums (K20 und K21) wiederholt als großangelegter Überrumpelungsversuch an Besucher heran. Fast scheint es, als ob sie alle Bedenken, jeden Einwand mit bloßer Masse zu ersticken versucht. Beeindruckend wirken sie allemal, die Millionen handbemalter Sonnenblumenkerne etwa, mit denen Ai der vom ökonomischen Aussterben bedrohten Handwerkskunst seiner Heimat ein zehn Zentimeter hohes, fast den kompletten Hallenboden bedeckendes Denkmal setzt. Ein Video interviewt die Künstler bei der Arbeit – die Wand dahinter ist gepflastert mit 13.000 Schuldscheinen, die Ai all den Spendern ausstellte, die für die Begleichung seiner angeblichen Steuerschuld von 1,8 Millionen Dollar spendeten.

Aufklärer, Beuys-Verehrer

Oder Dutzende von langen Reinigungs-Kleiderständern, an denen er weit über 2000 gereinigte Flüchtlings-Kleidungsstücke aufhängen ließ, die nach der Räumung des Lagers im griechischen Idomeni zurückgelassen wurden und die Ai einsammeln und reinigen ließ: Sortiert nach Jeans, Blusen und Pullovern hängen sie da, erschreckend viele Baby- und Kleinkinder-Klamotten darunter.

Ai ist ein Aufklärer, seine Dokumentation der Bauskandale, die beim Erdbeben von Sichuan 2008 Tausende Kinder unter Trümmern sterben ließ, ist allein schon ein bleibendes Verdienst – davon zeugen in der Grabbehalle des K20 Tausende von wieder geradegebogene Stahlstangen, die als Monier-Eisen verwandt wurden und nun wie in Särgen da liegen, 142 stille Mahnmale, die über 5000 Kinder-Namen an der Wand zur dröhnenden Anklage werden lassen.Frühe Lektüre: Heinrich Heines „Wintermärchen“

Susanne Gaensheimer hatte Ai schon 2013 in den Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig eingeladen, als „deutschen Künstler“, wie er schmunzelnd bemerkt; zur Kunstsammlungs-Chefin habe er Vertrauen. Im Katalog erzählt er, dass er mit zehn Jahren zum ersten Mal etwas Deutsches gelesen hat, „Deutschland, ein Wintermärchen“ von dem Polit-Schriftsteller Heinrich Heine, der in seine Heimat zurückkehrt und auf die übliche Zöllner-Frage antwortet, das Wichtigste habe er im Kopf.

Das galt auch für Ai in seiner 81-tägigen Haft ohne Begründung, die das Regime in Peking über ihn verhängte. Ai merkte sich jedes Detail seines Gefängnisaufenthalts, und nun können Besucher durch schmale Glasfenster auf Miniaturen starren, die Ais damaligen Alltag nachstellen, vom Verhör bis zur „Sitzung“ auf dem Klo in Begleitung zweier Uniformierter.

Seine Anliegen sind ernst, besonders bei der Groß-Installation aus Bambus und Sisal, die ein 17 Meter langes Flüchtlingsboot samt Insassen wie eine Raum-Skizze in Umrissen erscheinen lässt. Das Titelbild des Katalogs zeigt Ai in dem forschen Gang, mit dem sich einst Joseph Beuys auf einer Postkarte verewigen ließ: „Die Revolution sind wir“. Seiner eigenen Ausstellung gab Ai den Titel „Wo ist die Revolution?“ Beantwortet wird sie nicht. Sie zeigt nur 1001 Gründe für die Frage.

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