SCHAUSPIEL

„1984“ in Düsseldorf ist nichts für zartbesaitete Seelen

„1984“ in Düsseldorf (v.li.):

„1984“ in Düsseldorf (v.li.):

Foto: Thomas Aurin

Düsseldorf.   Armin Petras inszeniert „1984“ in Düsseldorf als bunte, böse, laute Rockoper. Das Ergebnis ist ein langer, roher und anstrengender Theaterabend.

Der Große Bruder ist überall. In Handys, PCs und videoüberwachten Citys, in Fitness-Trackern, Kundenkarten – und in Amazons Alexa, der Sprachassistentin mit dem elektronischen Super-Gedächtnis. 1948, als George Orwells Science-Fiction-Satire „1984“ entstand, war das alles Fiktion. Heute regt sich kaum noch jemand auf. Im Gegenteil: Bei Facebook packen alle freiwillig aus. Derzeit wird Orwell auf den Bühnen rauf und runter gespielt, jetzt auch im Düsseldorfer Schauspielhaus; als bunte, böse, laute Rockoper von Armin Petras, mit einem grandiosen Christian Friedel in der Hauptrolle.

Vorab: Dies ist kein leichter Theaterabend. Er ist lang, roh und anstrengend, nichts für zartbesaitete Seelen. Am Ende fließt eimerweise Theaterblut, da brüllt sich O’Brian bei einer Folterszene die Seele heraus. Ein Bühnen-Overkill – der bei der Premiere für einen Einsatz der Theaterärztin sorgte.

Wer das aushält, erlebt, dass Kunst unmittelbar auf Herz und Nerven treffen kann. Das ist Petras geschuldet, ist aber ebenso Verdienst des großartigen Ensembles. An der Spitze Robert Kuchenbuch als Sonderling Winston Smith und Lea Ruckpaul als seine Geliebte, hier eine Traumdesignerin, Kundenwünschen auf der Spur: Tragische Figuren, zart und drahtig wie Tänzer, die für die berührendsten Momente sorgen.

Draußen, im kalten Ozeanien, ist Christian Friedel Herr der Lage. Er ist Big Brother, Master of Disaster, ganz in Schwarz. Friedel ist Erzähler, Moderator und Conférencier. Bald wird er eine Krone tragen und mit Wendehals O’Brian (stark: Wolfgang Michalek) durch die Reihen klettern. „Hast du Angst?“, fragen sie: „Steht auf und kämpft!“

Friedel hat seine Band „Woods of Birnam“ dabei. Sie sorgt mit Bass, E-Gitarre und Drums für famosen Sound. Friedel spielt Keyboard und singt. „Tell yourself it’s all right“, heißt es anfangs. Doch in dieser Welt ist nichts okay. Führerkult, Gleichschaltung, Schauprozesse. Was nicht passt, wird umgedeutet – Trumps alternative Fakten lassen grüßen. Wer stört, muss sterben. Wer brav ist, wird mit „Likes“ belohnt. Mittendrin: Smith, der weiß, dass er scheitern wird – und es dennoch versucht.

Am Ende sind alle umgepolt

Schauplatz ist eine nachtschwarze Bühne (Olaf Altmann), einziges Mobiliar: ein Riesenröhre, die sich über das Geschehen stülpen kann. Wir sehen: Halbnackte Krüppel, alberne Sportler, Akrobaten und Horrorclowns, die Ballons und ausgestopfte Tiere mit sich tragen. Auch Smiths Nachbarin Frau Parsons (Cathleen Baumann) und ihre Fahnen schwenkenden Kinder laufen mit. Man weiß, wohin das führt. Am Ende sind alle umgepolt.

Als wir das Theater verlassen, fahren zig Handys hoch. Endlich wieder auf Sendung! Ein Mädchen macht ein Foto. Vermutlich landet es bei Facebook.

Drei Stunden, eine Pause. Karten/Infos: www.dhaus.de

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