Oper

„1927“; Animations-Oper erobert Düsseldorf ein weiteres Mal

L'Enfant et les Sortilèges“ – Kimberley Boettger-Soller (Das Kind).

L'Enfant et les Sortilèges“ – Kimberley Boettger-Soller (Das Kind).

Foto: Hans Jörg Michel

Düsseldorf.  Mit ihrer verrückten „Zauberflöte“ haben sie einen Welterfolg gelandet. Jetzt hat sich die Truppe „1927“ Strawinsky und Ravel vorgenommen.

„Die Zauberflöte“ in der multimedial animierten Inszenierung von Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin wurde ein derart großer Erfolg, dass die Produktion mittlerweile weltweit gezeigt wird. Auch mit ausnahmslos vollen Häusern an der Deutschen Oper am Rhein.

Ohne Kosky, aber mit der für die Animationen zuständigen Theatergruppe „1927“ führt die Rheinoper jetzt das Konzept mit einem Doppelabend fort, bestehend aus Igor Strawinskys Ballett „Petruschka“ und Maurice Ravels Oper „L’Enfant et les Sortilège“ (Das Kind und der Zauberspuk“.

Ob sich unter der Federführung von Suzanne Andrade und Esme Appleton die originelle und technisch komplizierte Verknüpfung von Comic, Film, bewegten Bildern und realen Darstellungen als wegweisend für eine mediale Öffnung der Theaterregie erweisen oder als vorübergehende Masche wieder in der Versenkung verschwinden wird, muss die Zukunft zeigen.

Die Theatergruppe „1927“ scheint derzeit jedenfalls noch vor kreativer Dynamik zu platzen, so dass die Premiere im Düsseldorfer Opernhaus auf breite Zustimmung stieß. 1927 gilt als Geburtsstunde des Tonfilms. Und das Regieteam mit dem Animationskünstler Paul Barritt entfacht auf der Leinwand zum „Petruschka“ ein quirlig buntes Jahrmarktsszenario im Stil des russischen Konstruktivismus der 20er-Jahre.

Anheimelnd altmodischund gleichzeitig frisch hat die Truppe „1927“ ihre Deutung für die Rheinoper gestaltet

Das wirkt anheimelnd altmodisch und gleichzeitig frisch, perfekt getaktet mit der kraftvollen Musik Strawinskys. Getanzt wird nicht, dafür spielen, eingebettet in die Animationen, drei brillante „Akrobaten“ und Zirkuskünstler die traurige Liebesgeschichte der etwas ungelenken Marionette Petruschka (Tiago Alexandre Fonseca) nach, die sich in die schöne Ptitschka (Paulina Räsänen) verliebt und von dem bösen Muskelmann Patap (Slava Volkov) drangsaliert wird.

Das alles läuft mit Pep und Poesie wie am Schnürchen ab, vorbildlich getragen von den Düsseldorfer Sinfonikern, die unter der Leitung des hervorragenden Gastdirigenten Marc Piollet Strawinskys Partitur zum Leuchten bringen.

Strawinskys „Petruschka“ und Ravels „L’Enfant et les Sortilège“ in ungewohnter Animations-Ästhetik

Noch diffiziler ist die Verschränkung von filmischen Animationen mit realen Darstellern in Maurice Ravels Oper „Das Kind und der Zauberspuk“, in der sich Möbel, Gegenstände und Tiere des Hauses in einem Albtraum an einem rücksichtslosen und extrem ungezogenen Kind rächen.

Ein Dorado für die Fantasie, wenn Sessel, Teekannen und Katzen gegen das Kind aufbegehren. Und zwar in überdimensionalen Projektionen, in denen etwa das Kind vor den Augen der riesigen Katzen zur Größe einer appetitlichen Maus schrumpft.

Das alles ist eingebunden in schlichte, raffiniert naiv gestrickte Dekorationen, die die Basis für eine Flut optischer Überraschungen bieten. Das vortreffliche Ensemble singt meist aus dem Off, einzelne Figuren tauchen jedoch, teilweise von Statisten gedoubelt in die filmische Szenerie ein.

Elena Sancho Pereg als Sonne und Prinzessin darf mit ihrem biegsamen, hellen Sopran und ihrer bestechenden Ausstrahlung fast immer real erscheinen, ebenso wie Marta Márquez als Mutter und natürlich das Kind, glänzend gespielt und gesungen von Kimberley Boettger-Soller.

Die sensiblen Klänge Ravels, die sich den Szenerien mit feiner Ironie anpassen, wenn etwa die Katzen nur miauen dürfen, wenn zur zerbrochenen Teevase chinesische Töne und zur Zerstörungswut des Kindes jazzige Rhythmen anklingen, vermag der Ravel-erfahrene Dirigent Marc Piollet mit traumhafter Sicherheit umzusetzen.

Insgesamt ein Abend mit hohem Unterhaltungswert für die ganze Familie ab zwölf Jahren. Viel Beifall für alle Akteure.

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