Welttag des Buches

Märchen ohne moralische Filter

Grimms Märchen im Original erklangen zum Welttag des Buches in der Stadtbücherei. Um den Froschkönig ging es dabei natürlich auch.

Grimms Märchen im Original erklangen zum Welttag des Buches in der Stadtbücherei. Um den Froschkönig ging es dabei natürlich auch.

Foto: Tobias Kestin

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Kamen.Ganz ehrlich? Der Schreiber dieser Zeilen hatte schon mehr Lust auf Termine als diesen: „Grimms Märchen in der Urfassung“. Er ist trotzdem hingegangen und wurde mehr als positiv überrascht.

Das liegt vor allen Dingen an der Hauptdarstellerin an diesem Abend in der Stadtbücherei: Jessica Burri, Recklinghauserin mit amerikanischen Wurzeln, trug die Märchen nicht nur vor, sondern formte die fünf Erzählungen mit der eigenen Stimme und außergewöhnlichen Instrumenten zu einprägsamen Momenten.

„Mich fasziniert diese Authentizität, die die Urfassungen im Gegensatz zu den Kunstmärchen haben“, sagt die studierte Sopranistin. Die Sprache der Originale sei kantiger und eckiger. Auch sind die Urfassungen in Teilen realistischer gewesen -- wenn der Zuhörer die Magie eines „Tischlein Deck Dich“ oder sprechende Brote aus Frau Holle ignoriert.

„Die Märchen sollten moralisch sauber sein“, erzählt Jessica Burri. In der Urfassung von Frau Holle war die Mutter die Böse, die eine Tochter bevorzugte. Das passte in der Grimmschen Zeit nicht ins Weltbild. So wurde aus der Mutter eine Stiefmutter.

Zu dem gelungenen Abend trugen die Instrumente der Künstlerin bei. Das Feuer, in dem die Tierhaut des Eselein verbrannte, war ein Stoffbeutel mit leeren Kaffeemilchdöschen und Toffiffee-Verpackung. In jedem der fünf Märchen nutzte die Künstlerin ihr Dulcimer, ein Zupfinstrumente, das mit der Zither verwandt ist. Jessica Burri spielte das Instrumente mit zwei kleinen Hämmerchen. Eine Technik, die dem Klavier ähnlich ist.

Die Märchen zu vertonen, sei sehr aufwändig gewesen, erzählt die Sopranistin. Aber es lohnte sich jede Sekunde der Vorbereitung: Wenn der König spricht, entlockt sie dem Gong mit 80 Zentimeter Radius wahrlich königliche Töne. Auch der Einsatz ihres pakistanischen Schellenbaumes, um die Magie im „Tischlein deck dich zu zeigen“ fasziniert die Zuschauer. „Der Schellenbaum stand über zwei Jahre bei einem Händler. Ich habe ihn dann zum Einkaufspreis bekommen, weil ihn niemand wollte“, sagt Burri.

Vor zwei Jahren war Jessica Burri im Rahmen von Ruhr 2010 in Kamen, dieses Mal unterhielt sie am Welttag des Buches zum 200. Geburtstag der Erstveröffentlichung der Grimmschen Märchen.

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