Gedenken

Den Opfern einen Namen geben

Foto: WR

Dortmund. In Dortmund zählen wir seit dem 13. August diesen Jahres bereits 173 Stolpersteine. Jeder dieser etwa zehn mal zehn Zentimeter großen Pflastersteine – verlegt auf den Gehwegen im ganzen Stadtgebiet – trägt eine Inschrift, die an Opfer der Nationalsozialisten erinnert.

Jedes Opfer hatte einen Namen. Wenn dieser in Erinnerung bleibt, so ist auch der Mensch nicht vergessen. Das war der Leitgedanke des Künstlers Gunter Demnig, der vor zwei Jahrzehnten in Köln begann, auf öffentlichen Straßen die Ermordeten, Deportierten, in den Suizid Getriebenen beim Namen zu nennen. Zuerst erinnerte Demnig an Sinti und Roma, 1995 verlegte er in Köln die ersten 250 Stolpersteine, die vor allem einzelne jüdische Opfer, aber auch andere NS-Opfer benennen, die politisch, religiös, als Homosexuelle oder Behinderte vernichtet oder vertrieben wurden.

Mittlerweile hat sich das Projekt auf ganz Mitteleuropa ausgeweitet: In vielen hundert Städten, im gesamten damaligen Machtbereich der Nazis, suchen Historiker, Zeitzeugen, Angehörige sowie viele Schülerinnen und Schüler nach den Spuren der ausgelöschten Familien. Sie erkunden Lebensläufe, sorgen dafür, dass am Ort der letzten frei gewählten Bleibe ein Gedenkstein platziert wird.

Informationen liefern lokale Archive, aber auch die Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Jeder Stein, der verlegt wird, um die Erinnerung an ein Opfer des Holocaust wach zu halten, kostet 95 Euro. Diese Kosten werden von Paten übernommen. So ist ein sich beständig ausweitendes, weltweit einmaliges Mahnmal entstanden, ein Weg mit vielfältigen Erinnerungen an einzelne Schicksale der Verfolgten und Ermordeten.

In Dortmund ist in den letzten fünf Jahren ein Netzwerk der Erinnerung entstanden, an dem viele mitgewirkt haben: Historiker, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums, der Anne-Frank-Schule und anderer Schulen, die Jüdische Gemeinde, die Naturfreunde, der Stadtjugendring und viele mehr. Andreas Roshol ist der Initiator des Erinnerungsportals „ErPort“ sowie der Arbeitsstelle „Zukunft braucht Erinnerung“ im Stadtjugendring. Auf der Website www.erport-do.de laufen zahlreiche Informationen, vor allem zu Dortmunder Stolpersteinen, zusammen.

Es findet sich dort unter anderem ein umfangreicher Aufsatz über die aus Galizien stammende Familie Schiffmann, an welche seit drei Monaten drei neue Stolpersteine vor dem Haus Lambachstraße 7 erinnern. Markus (Mordechai) Schiffmann heiratete dort 1920 die aus seiner Heimat stammende Jüdin Mirl Chana (Eva) Schiffmann, mit der er drei Kinder zusammen hatte: Erwin, Grete und Samuel Salomon.

Das Ehepaar gehörte Ende Oktober 1938, kurz vor der Pogromnacht, zu den rund 600 Dortmunder Juden, die in ihre inzwischen zu Polen gehörende Heimat abgeschoben wurde. Ihr Weg führte über ein Lager bei Zbaszyn sowie über Verwandte in Turka schließlich zum Ghetto von Sambor, wo sich ihre Spur verliert. Fielen sie den dortigen Erschießungskommandos zum Opfer oder wurde ihr Leben im Lager Belzec vernichtet? Es bleibt rein spekulativ, jedenfalls wurden sie im Jahre 1956 rückwirkend zum 31.12.1945 für tot erklärt.

Ihre beiden Söhne überlebten. Erwin war schon 1937 in die Lausitz gegangen und von dort über Dänemark nach Schweden geflüchtet. Samuel gelangte noch 1939 über ein zionistisches Pionierlager in Bialystock nach Palästina, wo er ab 1941 als Kibbuznik half, den israelischen Staat vorzubereiten und aufzubauen. Es waren bewegende Briefe, die Samuel noch von seiner Schwester Grete aus Polen erhielt.

Die Dortmunderin Gertrud Pickham entdeckte sie in Yad Vashem. Sie übernahm ebenfalls die Patenschaft, um die Stolpersteine für die verschollenen Holocaust-Opfer der Familie Schiffmann legen zu lassen. Als die Steine jetzt von Gunter Demnig in den Gehweg gesetzt wurden, nahmen die drei Kinder von Samuel Schiffmann ebenfalls an den Feierlichkeiten in Dortmund teil. Mit großer Dankbarkeit schrieben sie nach ihrer Reise an die Jüdische Gemeinde einen Brief, dessen Kernsätze lauten: „Wir ... sind alle aus Israel gekommen, um zu zeigen und zu sagen, dass die Endlösung, an die Hitler glaubte, nicht umgesetzt werden konnte, und dass wir, das Volk Israel im Land Israel, der lebendige Beweis dafür sind!! Wir ... glauben, dass ein Wunder geschah, und durch dieses Wunder haben wir unseren Judenstaat im Land Israel für das Volk Israel aufgebaut. ... Bevor wir in das Flugzeug, das uns herbrachte, gestiegen sind, haben wir unsere Enkel umarmt in dem Wissen, dass wir uns in ein paar Tagen wieder sehen. Die Eltern unseres Vaters, unsere Großeltern wussten nicht, was die nächsten Tage bringen werden. Sie haben nie das Glück gespürt, uns, ihre Enkel zu umarmen, und wir hatten nie die Chance sie kennen zu lernen, zu umarmen und von ihnen zu lernen.“

Vitali Sumov, Klasse 10c, Wilhelm-Busch-Realschule Dortmund

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