Historie

Vom Startsprung bis heute – Schwimmsport in Langenberg

Das neue Freibad im Nizzatal in den 1930-er Jahren.

Das neue Freibad im Nizzatal in den 1930-er Jahren.

Langenberg.  Im ausgehenden 19. Jahrhundert hatten nur die Langenberger Knaben und Männer eine Badegelegenheit im Freien. Wie sich das bis heute geändert hat.

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Am Anfang stand das Baden. Im ausgehenden 19. Jahrhundert hatten nur die Langenberger Knaben und Männer eine Badegelegenheit im Freien, und auch dies nur in den warmen Sommermonaten. Es waren dies zwei Bereiche im Deilbach und im Hardenberger Bach, die jeweils durch ein Wehr aufgestaut waren, dem „Rommelskolk“ im Bereich des jetzigen Sportplatzes und dem „Hasenbrögel“ beim Tutwelm. Für Mädchen war dieses Vergnügen tabu – es gab dort ja keine Umkleidemöglichkeit, nur die freie Natur.

Dort ging es auch nicht etwa darum, zu schwimmen, sondern um das reine Vergnügen. Die damit vielleicht verbundene körperliche Hygiene war dabei nichts als ein wohl kaum bemerkter Nebeneffekt.

In dieser Zeit hatte Langenberg knapp 8000 Einwohner. Die meisten waren in der damals bedeutenden Textilindustrie tätig, die Familienväter arbeiteten in den Webereien und Seidenfärbereien der alteingesessenen Unternehmer. Viele hatten auch zu Hause einen Webstuhl stehen, um sich etwas dazu zu verdienen. Sie wohnten in Häusern, die keine Heizung und kein Bad hatten, nur einen Ofen, einen Spülstein in der Küche sowie neben dem Haus ein Plumpsklo. Dort ließ sich die heute geläufige Körperhygiene nur mühsam erreichen. Dies sollte sich kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts ändern:

Seidenfärbereibesitzer Hoddick treibt Idee einer Badeanstalt voran

Der Seidenfärbereibesitzer Fritz Hoddick fühlte sich wie die meisten Langenberger Fabrikanten dieser Zeit nicht nur für das kulturelle Leben in seiner Heimatstadt verantwortlich. Er war auch gegenüber den Arbeitnehmern sehr sozial eingestellt und wollte etwas zur Verbesserung ihrer Lebensqualität tun. Deshalb trieb er im Stadtrat und unter seinen Freunden die Idee voran, in Langenberg eine Badeanstalt zu errichten, die den Langenberger Bürgern während des gesamten Jahres die Möglichkeit der Körperhygiene, des Badens und auch des Schwimmens bieten konnte, auch – natürlich zeitlich getrennt – den Mädchen und Frauen.

Die Langenberger Zeitung schrieb hierzu:

Im Sommer gibt der „Rommelskolk“ und der „Hasenbrögel“ den Knaben und auch wohl den Erwachsenen eine Aushilfe, indessen Mädchen und Frauen auf die Wohltat eines so naturgemäßen Bades verzichten müssen. Und dann kommen acht Monate, wo die Reinlichkeit der Menschen arg in die Brüche geht.

Welch eine Freude, wenn sich einmal im Winter wie im Sommer in einem geräumigen Massenbade Knaben und Mädchen oder Erwachsene züchtig herumtummeln und auch schwimmen können. Diejenigen aber, die allein baden wollen, finden dann das Bad in gut eingerichteten Zellen.

Wir schließen mit dem Wunsch, dass Bürgermeister Frowein mit den Stadtverordneten dieser dringenden Angelegenheit seine Aufmerksamkeit zuwenden möge und wünschen baldigen Erfolg.

Für dieses Vorhaben gewann Fritz Hoddick schließlich auch den Bürgermeister Frowein. Aber die Haushaltsmittel der Stadt reichten nicht aus, um ein solches Projekt zu finanzieren. So leisteten Fritz Hoddick und seine Unternehmerfreunde erhebliche Privatspenden, um innerhalb nur eines Jahres den Bau der Badeanstalt zu ermöglichen. Am 12. Juli 1897 wurde diese auf dem Gelände Vogteier-/ Krankenhausstraße feierlich eigeweiht.

In separaten Wannenbädern und Brausekabinen konnte man dort seine Reinlichkeit pflegen und im Schwimmbecken konnte man sich tummeln und baden, natürlich streng getrennt nach Männlein und Weiblein. Damit war das soziale Ziel Fritz Hoddicks erreicht.

Die Anfänge des Langenberger Schwimmsports – der LSV

Fritz Hoddick dachte aber weiter. Aus praktischen und sportlichen Gründen wollte er das Schwimmenlernen fördern. So gründete er noch am selben Tag, also am 12. Juli 1897, den Langenberger Schwimmverein. Schon bei der Gründungsversammlung traten 126 Männer dem Verein bei – Frauen waren nicht zugelassen. Es war selbstverständlich, dass Fritz Hoddick im Gründungsjahr auch 1. Vorsitzender des Vereins wurde.

Ziel des Vereins war es, das Schwimmen "als Mittel zur Kräftigung des Körpers und des Geistes" zu pflegen und es "volkstümlich" zu machen. Denn "volkstümlich" war das Schwimmen damals bei weitem noch nicht. Im Gegenteil, bei vielen Lehrern war es als "unsittlich" verpönt, obwohl Jungen und Mädchen das Schwimmbecken ohnehin nicht gemeinsam betreten durften. An das Schwimmen als Teil des schulischen Sportunterrichts war noch lange nicht zu denken.

Der sozialen Zielsetzung im Geiste des Gründervaters Fritz Hoddick entsprach es auch, dass der Verein sich darum bemühte, besonders "Arbeitersöhne" und "Volksschüler" für das Schwimmen zu gewinnen. Der Verein bezahlte für sie großenteils das Eintrittsgeld, die Badehosen, Badekappen und häufig sogar die Handtücher. So konnte der Verein schon im Gründungsjahr 80 (natürlich männlichen) Jugendlichen, oft gegen den Widerstand ihrer Eltern oder Lehrer, das Schwimmen beibringen. Dass es damals noch nicht um sportliche Spitzenleistungen, noch nicht um Zehntel- oder Hundertstel-Sekunden ging, zeigt z.B. das Programm zum 4. Stiftungsfest von 1901: Es bestand aus einem Dreikampf (Schwimmen, Springen, Hechttauchen), Tellertauchen, Reigen, humoristischen Einlagen und Kürspringen.

Im Jahr 1907 dürfen auch Frauen Mitglied werden

In den Jahren bis zum 1. Weltkrieg wuchs in der breiten Öffentlichkeit das Interesse ganz enorm. Andere "Zerstreuungen" wie Kino oder Fernsehen gab es ja noch nicht.

Es dauerte bis 1907, ehe die Satzung geändert und auch Frauen Mitglied des Schwimmvereins werden konnten. Sie mussten aber als "Damenabteilung" eine eigenständige Gruppe bilden. Und sie mussten noch weitere 20 Jahre darum kämpfen, Stimmrecht auf den Gesamtvereinsversammlungen zu erhalten. Es war aber kein "Macho-Gehabe" der männlichen Mitglieder, das diese Emanzipation der Frauen so lange verhindert hat, es war einfach die Tatsache, dass die Schwimmzeit der Frauen auf Kosten der Übungszeit der Männer ging. Die zwei Wochenstunden, die dem Verein in der Badeanstalt insgesamt zur Verfügung standen, waren viel zu knapp bemessen.

Gleichzeitig, also gemeinsam durften sie ja nicht trainieren! Wie sehr der Verein mit der Stadt um seine Schwimmzeiten rang, zeigen zahlreiche Anträge an den Bürgermeister, z.B. um die Genehmigung einer zusätzlichen Viertelstunde (!) am Sonntagmorgen von 7:00 bis 7:15 Uhr. Welch ein – heute unvorstellbarer – Idealismus! Besser wurde es erst 1932, als Frauen und Männer endlich nicht mehr zu getrennten Zeiten schwimmen mussten.

Nach dem 1. Weltkrieg blieb die Badeanstalt zunächst geschlossen und konnte nur kurzzeitig (wenn z.B. genügend Heizmaterial ge-spendet wurde) betrieben werden, so 1922 zum 25. Stiftungsfest. Erst im Sommer 1924 konnte die Badeanstalt dauerhaft wieder-eröffnet werden.

Die DLRG in Langenberg

Im Jahr 1913 wurde die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft – DLRG – gegründet. Nachdem der Schwimmverein zum 1.1.1927 der DLRG beitrat, ließen sich einige seiner Mitglieder von der DLRG Wuppertal zu Rettungsschwimmern ausbilden, die Wuppertaler schafften darauf in Langenberg einen eigenständigen Stützpunkt. Dort wurden ab 1934 durch den Langenberger Hermann Killing Rettungsschwimm-Kurse durchgeführt. 1941 kam dieses Angebot zum Erliegen, es konnte erst 1947 neu belebt werden. Im Jahr 1952 wurden von der DLRG erstmals Anfänger-Schwimmkurse angeboten, die seither regelmäßig durchführt werden.

Ein Jahr später wurde die DLRG Langenberg dann eine selbständige Ortsgruppe im Bezirk Wuppertal. 1979 – zu Zeiten des legendären 1. Vorsitzenden Gustav Lumbeck – zählte sie über 1000 Mitglieder und war damit der größte Schwimmsport treibende Verein inner-halb Velberts. 1991 wurde dieser als eigenständiger Verein im Vereinsregister eingetragen.

1962 wurde eine Tauchergruppe gebildet und ausgerüstet, die sich 1964 als ein privater Tauchsport-Club von der DLRG löste und als einer der ältesten Tauchvereine Deutschlands Sporttauchen betreibt und nach wie vor in Langenberg sehr aktiv ist.

In den politisch, wirtschaftlich und sozial unruhigen Zeiten nach dem 1. Weltkrieg wurde als Gegenpol zum von der Unternehmer-schaft gegründeten und geförderten Langenberger Schwimmverein der Arbeiterschwimmverein „Welle“ gegründet. Dieser löste sich – politisch bedingt – schon 1924 wieder auf und existierte nach dem 2. Weltkrieg auch nur wenige Jahre

Das alte Langenberger Freibad im Nizzatal

Die Badeanstalt mit seinem doch recht kleinen Becken bot natürlich keine Möglichkeit zum Langstrecken- und Ausdauerschwimmen. So begaben sich die hieran interessierten Schwimmer des LSV im Sommer – zu Fuß und mit der ganzen Familie, mit Musik, Picknick und einem Fässchen Bier – an die Ruhr. Dies war jedes Mal ein richtiges Sommerfest und wurde bis zur Erstellung des Freibades beibehalten.

Bereits 1925 war im benachbarten Felderbachtal (seiner Zeit zum Amt Winz gehörend, Nierenhof gab es amtlich noch nicht) eine einfache Badeanstalt errichtet worden, indem der Bach durch eine mit einer Durchlaufklappe versehene Mauer gestaut und ein 20 x 10 m großes Becken ausgehoben wurde. Es gab dort sogar je zwei einfache Umkleidekabinen und primitive Aborte sowie eine (auf Oberbonsfelder Gebiet gelegene) Liegewiese. Der Eintritt kostete 20, für Kinder 10 Pfennig. Auch hier waren die Badezeiten streng nach Geschlechtern getrennt. 1932 wurde das Bad wieder geschlossen, die Nierenhofer und Bonsfelder mussten sich wieder damit behelfen, im Sommer den Felderbach weiter unterhalb im „Peddekolk“ zu stauen.

Freibad im Nizzatal im Mai 1932 eingeweiht

Anders in Langenberg: In der Zeit ab 1932 schufen sich die Langenberger dann – zum größten Teil in Eigenarbeit kräftiger Männer des Schwimmvereins und der anderen Langenberger Sportvereine (einschließlich örtlicher Polizisten) – auch ein Freibad. Am 23. Mai 1938 wurde es im Nizzatal in naturnaher, landschaftlich einmalig schöner Lage eingeweiht.

Es verfügte über ein 50m-Becken mit Sprungtürmen, große Liegewiesen sowie eine eigene Restauration und entwickelte sich zu einem weithin bekannten und beliebten Anziehungspunkt für jung und alt.

Sein Wasser bezog das Freibad – auch „naturnah“ – aus einem aufgestauten Teich im Kalversiepen, dem „Vorwärmebecken“. Von daher waren die gelegentlich im Wasser zu findenden Molche und Frösche – vor allem im „Pissbecken“, dem flachen Becken für die Kleinkinder – nicht verwunderlich. Andererseits konnte man an diesem Stauteich zuweilen mit sehr viel Glück einen Eisvogel bewundern – auch noch in diesem Jahrtausend, vor seiner Auffüllung.

Die Zeit ab 1970 und der kommunalen Neugliederung 1975

Zum 1. Januar 1970 wurde das bisher zu Hattingen gehörende Nierenhof nach Langenberg umgemeindet, das damit auch die Schule mit dem dazugehörenden Lehrschwimmbecken „erbte“. Ganz wichtig war dieser Zuwachs für den Langenberger Schwimmverein: Dort konnte (und kann er heute noch) seinen Nachwuchs an das Schwimmen heranführen. Dasselbe gilt für die DLRG und den Tauchsport-club. Dies bedeutete eine wesentliche Verbesserung gegenüber den Verhältnissen in der alten Badeanstalt – fand dort die Ausbildung doch gleichzeitig mit dem öffentlichen Badebetrieb statt.

Ideal war dieser Zuwachs auch deshalb, weil die alte Badeanstalt trotz vieler Renovierungen nicht mehr zeitgemäß war und 1974 end-gültig geschlossen wurde.

Im Nizzatal, an der Stelle des bisherigen Freibads, wurde 1973/74 – noch durch die Stadt Langenberg – eine neue Anlage mit Schwimmhalle und Wellenbad errichtet. Damit entfiel einerseits die sportliche Nutzbarkeit des Außenbeckens, andererseits wurde der ohnehin schon große Anziehungspunkt für die Bevölkerung Langenbergs und auch der weiteren Umgebung – besonders an den Wochenenden und in den Ferien – noch bedeutender. So wurde z.B. der jenseits des Deibachs gelegene Hang als zusätzliche Liegewiese genutzt und mit einer eigenen Brücke versehen

Wasserball nicht mehr möglich

Durch die Einrichtung des Wellenbades fand die Wasserball-Tradition des LSV ihr Ende – Wasserball ist in der Halle untersagt –, alle Langenberger Schwimmer, seien es die des LSV, der DLRG oder des Tauchsportclubs, verloren gleichermaßen das sportgerechte Außenbecken. Mit dem neuen Hallenbad erhielten sie aber insgesamt wesentlich bessere Bedingungen. Insbesondere das große Becken mit seinen fünf 25 m-Bahnen erlaubt nun einen an Wettkämpfen ausgerichteten Trainingsbetrieb während des gesamten Jahres, darüber hinaus bietet das Bad mit seinem Lehrschwimmbecken ideale Bedingungen für eine fundierte Schwimmausbildung und für Wassergymnastik in all ihren Formen.

Am 30. November 2010 beschloss dann der Rat der Stadt Velbert, das Wellenbad und die Freiflächen des Nizzabads ab Mitte 2011 zu schließen. Hierdurch sollte der notleidende Haushalt der Stadt Velbert mittelfristig um jährlich 104.000 Euro entlastet werden. Alle Bemühungen bis hin zu einem Bürgerbegehren, dies zu verhindern, blieben erfolglos.

Langenberg verlor damit einen seiner größten Anziehungspunkte mit enormem Freizeitwert – es wurde alles eingeebnet und begrünt. Generationen von Langenbergern trauern ihm heute noch nach.

Der rein schwimmsportliche Betrieb wurde hierdurch aber nicht weiter beeinträchtigt, das Training und die Ausbildung aller dort angesiedelten Vereine gehen in der Schwimmhalle ohne Abstriche weiter.

Desgleichen bietet die Halle des Nizzabads ausgezeichnete Möglichkeiten für die Schwimmwettkämpfe, zu denen der Langenberger Schwimmverein jährlich einlädt und die sich eines regen Zuspruchs von Schwimmvereinen der näheren und weiteren Umgebung er-freuen.

„Wasserfreunde Nierenhof“ übernehmen Trägerschaft des Lehrschwimmbeckens

Hatte die Einplanierung des Freibads auf den eigentlichen Schwimmsport keinen großen Einfluss, so drohten 2011 mit der von der Stadt Velbert – wieder aus finanziellen Gründen – geplanten Schließung des Nierenhofer Lehrschwimmbeckens das Aus des Schulschwimmens in Bonsfeld und Nierenhof, des Babyschwimmens, der Wassergewöhnung des benachbarten Kindergartens sowie eine empfindliche Schwächung der Ausbildung des Schwimmnachwuchses der Vereine. Das Hallenbad im Nizzatal hätte dies schon zeitlich nicht auffangen können, steht es doch auch der Öffentlichkeit zur Verfügung.

In dieser Notlage entstand der Verein „Wasserfreunde Nierenhof“, der von der Stadt Velbert 2012 die verantwortliche Trägerschaft des Lehrschwimmbeckens übernahm. Es ist zu hoffen, dass dieser neue Verein seine satzungsgemäße Unabhängigkeit bewahren und den ihm angeschlossenen Vereinen auf Dauer die benötigte Ausbildungsmöglichkeit bieten wird.

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