Möhne-Katastrophe

Die Nacht, in der das Wasser nach Hattingen kam

Der Mittag nach der Katastrophe: Ein Blick von der Ruhrbrücke in Richtung Henrichshütte. Zu sehen sind auch die alte Gewehrfabrik und Haus Stolle.

Foto: Sammlung Gerhard Wojahn

Der Mittag nach der Katastrophe: Ein Blick von der Ruhrbrücke in Richtung Henrichshütte. Zu sehen sind auch die alte Gewehrfabrik und Haus Stolle. Foto: Sammlung Gerhard Wojahn

Hattingen.  Gerhard Wojahn erinnert sich für die WAZ an den 16. und 17. Mai 1943. Es waren die Tage der Möhne-Katastrophe mit schlimmen Überschwemmungen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 griffen britische Lancaster-Bomber die Möhne-Talsperre an. Mit den eigens für diesen Angriff konstruierten hüpfenden Bomben zerstörten sie in heller Mondnacht die Staumauer. Über 130 Millionen Kubikmeter Wasser stürzten mit unvorstellbarer Gewalt ins Tal von Möhne und Ruhr. Und hinterließen eine Spur der Verwüstung. 1200 Menschen ertranken, davon allein 650 junge russische Zwangsarbeiterinnen, die hinter Stacheldraht am Möhne-Ufer gefangen waren. 1000 Wohnhäuser wurden zerstört oder beschädigt, 25 Brücken weggerissen.

Die Nachricht von der Kata­strophe ging am Vormittag des 17. Mai wie ein Lauffeuer durch unsere Stadt. Zwischen 11 und 14 Uhr erreichte die große Flut im Ruhrtal bei Hattingen ihren Höchststand.

Gleich nach Dienstschluss um 13 Uhr ging ich zum Ruhrgässchen und sah, dass das reißend dahin schießende Wasser gerade die Schienen der Eisenbahnstrecke von der Henrichshütte zum Bahnhof Hattingen überschwemmte. In der schnellen Strömung des lehmbraunen, schmutzigen Wassers trieben Tierkadaver, Baumteile, Sträucher, Balken, Häuserteile, Telegrafenmasten, Möbel und Fässer. Das Flussbett nahe der damaligen Badeanstalt Stolle war bei normalem Pegel zirka 35 Meter breit, nun hatte es sich bis hin zur Wuppertaler Straße in Winz-Baak auf 700 Meter Breite ausgedehnt.

Das Schicksal der Helga B.

Ich erfuhr vom Schicksal der Helga B., die in meiner Nachbarschaft in Hattingen-Stadtmitte wohnte und bei einem Unternehmen in Bochum-Sundern beruflich tätig war. Sie wurde von ihrem Chef gleich nach Bekanntwerden des sich nähernden Hochwassers heim geschickt. Da die Straßenbahn den Betrieb über die Ruhrbrücke bereits eingestellt hatte, nahm ein Hattinger Soldat, der Obergefreite G., die junge Frau mit von der Baaker Seite über die Brücke und durch die steigende Flut zur Stadt. Sie schafften es aber nur bis zum Haus Wallbaum. Helga konnte sich zunächst an einen Baum ­klammern, dann wurde sie doch von der Strömung mitgerissen. Bei dem Versuch, das Mädel zu retten, ertrank der tapfere Soldat. Die in höchster Not schwebende Hat­tingerin wurde von zwei beherzten Männern mit einem Boot ge­borgen.

Der tragische Tod des Soldaten löste bei allen Hattinger Bürgern tiefstes Mitgefühl aus. Er hatte von seiner Einheit Sonderurlaub erhalten und befand sich auf dem Wege von der Ostfront zur Heggerstraße. Sein Haus war bei dem Luftangriff am 14. Mai 1943 schwer beschädigt worden.

Als die Flut zurückgegangen war, bemühten sich alle Kräfte, besonders die Schuljugend, um die Beseitigung von Schlamm- und Wasserschäden in Wohnungen und Gärten. Die Möhne-Staumauer war fünf Monate nach der Zerstörung durch die Organisation Todt wiederhergestellt.

Die von Menschenhand ausgelöste Möhne-Katastrophe hatte mich tief aufgewühlt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (2) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik