Mensch am Mittwoch

Birgit Kessler aus Kleve begleitet Menschen beim Sterben

Birgit Kessler hat viel Erfahrung in der Pflege.

Birgit Kessler hat viel Erfahrung in der Pflege.

Foto: Andreas Daams

Kleve.  Birgit Kessler ist seit Anfang des Jahres Pflegedienstleitung des Palliativ-Netzwerks Niederrhein. Das hat letztes Jahr 1200 Patienten begleitet.

Vorsicht! Dieser Artikel handelt von einem Thema, dem zwar niemand entgehen kann, von dem wir aber nur ungern reden. Vom Sterben also. „Die Geburt ist ja schon ein intimer Akt“, meint Birgit Kessler, „aber das Sterben ist es noch mehr.“ Sie kennt sich aus mit dem Sterben. Sie ist gelernte Kinderkrankenschwester, hat in der Erwachsenenpflege gearbeitet, eine Intensivstation geleitet, an einer Altenpflegeschule unterrichtet und schließlich vor 27 Jahren einen Pflegedienst gegründet. Seit Anfang des Jahres ist sie Pflegedienstleitung der Palliativ Netzwerk Niederrhein GmbH.

In diesem Netzwerk haben sich sechs Pflegedienste zwischen Kleve und Moers zusammengeschlossen, dazu Palliativärzte, ambulante Hospizdienste und Psychoonkologen. „80 Prozent der Menschen wollen nicht im Krankenhaus sterben, aber 80 Prozent der Menschen sterben im Krankenhaus“, sagt sie. Da läuft also etwas schief.

Noch auf Ziele hin arbeiten

Genau darum geht es dem Netzwerk: Dass die Menschen nicht an der Krankenhauspforte ihre Selbstbestimmung abgeben. Sondern dass man zuhause vielleicht sogar auf ein Ziel hinarbeiten kann, das dem Todkranken wichtig ist: die Einschulung der Enkelin, die goldene Hochzeit, der Campingurlaub.

Der Campingurlaub? „Ja, das hatten wir auch schon mal“, sagt Birgit Kessler schmunzelnd. Da wollte jemand unbedingt nochmal auf dem Campingplatz Urlaub machen, bevor er stirbt. Warum auch nicht? Also kamen Palliativ-Pflegekraft und Arzt regelmäßig zum Campingplatz, um den Patienten zu versorgen und die Schmerzmittel so einzustellen, dass er möglichst viel mitbekommt. Denn das ist die Kunst: die Balance zu finden zwischen erträglichem Schmerz und klarem Kopf – so, wie der Betroffene es sich wünscht. Medikamente und Dosierungen sind für jeden Patienten anders. Da ist die Medizin heute viel weiter als noch vor 20 Jahren. Inzwischen gibt es sogar Schmerz-Lollis.

Birgit Kessler kann viele Geschichten erzählen, die zeigen, wie unterschiedlich Menschen mit ihrem nahen Tod umgehen. Einer hat seine eigene Trauerrede entworfen, wollte aber nicht, dass die Angehörigen sie vor der Beerdigung lesen. Also hat eine Pflegerin sie aufgeschrieben, ihm gezeigt und alles so gemacht, wie er es haben wollte. Übrigens gibt es einen Rechtsanspruch auf Palliativpflege, auch im Altenheim. Die Kosten tragen die Krankenkassen.

160 Stunden Fortbildung

Um Palliativ-Pflegekraft zu werden, muss man sich 160 Stunden fortbilden, außerdem jährlich noch einmal 28 Tage. Eine anspruchsvolle Tätigkeit mit Bereitschaftsdiensten in der Nacht, Teambesprechungen mit Palliativmedizinern und Supervision. „Für Pflegekräfte ist das ein Traum“, erklärt Birgit Kessler. Man arbeitet individuell mit einem Patienten, arbeitet auf Augenhöhe mit den Medizinern, kann kreativ sein, um die Wünsche des Patienten zu erfüllen oder auch seine Notlagen zu lindern. „Seit wir Palliativpflegedienst sind, haben wir kein Problem mehr, Mitarbeiter zu finden“, sagt sie.

Insgesamt 1200 Menschen hat das Netzwerk im vergangenen Jahr begleitet. Trotzdem hat sich noch nicht überall herumgesprochen, dass es das Palliativ-Netzwerk überhaupt gibt. Immerhin: Dass man ums Thema Sterben keinen Bogen machen muss, wird immer mehr Menschen klar. In Moers hat Birgit Kessler bereits mehrere „Letzte-Hilfe-Kurse“ ausgerichtet. „Wenn es zu Ende geht, kann man als Freund, Nachbar oder Verwandter noch viel machen, um den Prozess zu erleichtern“, weiß sie. In früheren Zeiten war das allen klar. Heute müssen wir es erst wieder lernen.

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