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Wer will eigentlich heute noch Schiedsrichter werden?

Sein erstes Spiel als Schiedsrichter: Manhal Ablahad pfeift in der Partie der D3 von Meiderich 06/95 gegen Hamborn 07.

Foto: Jakob Studnar

Sein erstes Spiel als Schiedsrichter: Manhal Ablahad pfeift in der Partie der D3 von Meiderich 06/95 gegen Hamborn 07. Foto: Jakob Studnar

Duisburg.   Sie werden beleidigt, ihnen wird Gewalt angedroht: Schiedsrichter haben es nicht leicht in den unteren Ligen. Doch einige bleiben am Ball.

Samstag, 12 Uhr mittags. Manhal Zubair Elias Ablahad könnte jetzt in der warmen Frühlingssonne sitzen, könnte Eis essen, mit seinen Kumpels abhängen. Macht er aber alles nicht. Stattdessen hat er sich schwarzes Polohemd und kurze schwarze Hose angezogen, eine Trillerpfeife in die Tasche gesteckt und vom Vater zum Vereinsgelände von Meiderich 06/95 fahren lassen. Denn Manhal ist, was immer weniger Menschen in Deutschland sein wollen. Der 17-jährige Iraker ist Schiedsrichter. Zum ersten Mal.

„Aber nicht zum letzten Mal“, hofft Wolfgang Müller, Beisitzer im Kreisschiedsrichterausschuss Niederrhein und Schiri-Obmann des Fußballkreises 9. Mit den Jahren hat er einen Blick dafür entwickelt, wer dabei bleibt und wer schnell wieder weg ist. An einem kalten Januarmorgen hat er Manhal zum ersten Mal gesehen – in der Sportschule Wedau. Dort veranstaltet der Fußballverband Niederrhein regelmäßig Schiedsrichter-Neulingslehrgänge. Früher gingen sie dann in die große Aula der Schule. „Da kamen 120 Interessenten oder mehr“, erinnert sich Müller. Mittlerweile reicht ein kleines Klassenzimmer. Beim ersten Kurs in diesem Jahr zählt Kreisschiedsrichter-Obmann Volkan Alan gerade einmal 43 Teilnehmer. Eine Handvoll Erwachsene ist dabei, die meisten aber wird man die nächsten Jahre kaum schrecken können mit der Drohung „Schiri, wir wissen wo dein Auto steht.“ Sie sind nämlich viel zu jung für einen Führerschein und einen fahrbaren Untersatz.

Nicht alle sind freiwillig hier

Alle spielen selber Fußball. Längst nicht alle sind freiwillig hier. Weil sie wissen, wie es auf den Plätzen zugeht. Wo Zuschauer pöbeln und Gegenspieler auch schon mal zuschlagen. Wo bei manchen Eltern am Spielfeldrand aus Begeisterung schon mal Besessenheit wird und Trainer die Stimmung zusätzlich anheizen, bis Becher und Flaschen fliegen. Alles halb so wild, scheint der Deutsche Fußballbund (DFB) vermitteln zu wollen. Neue Westen für Ordner hat er den Amateurvereinen vor ein paar Jahren geschenkt, verweist ansonsten gerne auf die Zahlen, die er mit Hilfe der Landesverbände ermittelt hat. Bei rund 1,33 Millionen erfassten Spielen sei es nur in 589 Fällen zu einem Spielabbruch gekommen. Das entspreche 0,04 Prozent aller Spiele.

„Spielabbrüche sind selten“, sagt auch Müller. Aber „Vorfälle“ gebe es fast jede Woche irgendwo im Kreis. Und nicht nur in seinem. Doch die, sagt Müller auch, gebe es schon viele Jahre. „Was sich geändert hat, ist die Qualität der Übergriffe.“ Wo früher geschrien wurde, wird heute auch schon mal geschlagen. Spieler gegen Spieler, Zuschauer gegen Spieler, alle gegen den Schiri. Müller erinnert sich an ein Spitzenspiel der Kreisliga B. „Erster gegen Zweiter, es ging um den Aufstieg.“ Als die Gäste raus waren aus dem Rennen, musste Müller laufen. Mit den Kollegen von der Linie ging es ins Vereinsheim, das anschließend von rund 50 wütenden Auswärtsfans belagert wurde. „Erst eine Hundertschaft der Polizei konnte uns da rausholen.“

Manche Vereine kaufen sich frei

„Na ja“, druckst ein 16-Jähriger dann auch in einer Pause des Ausbildungskurses herum. „Eigentlich habe ich keinen Bock auf Schiri sein. Aber mein Trainer hat gesagt, ich soll das mal machen.“ Viele Trainer haben das gesagt, denn die Vereine sind verpflichtet, Unparteiische zu stellen. Tun sie es nicht, müssen sie Strafe zahlen. Ist die Vereinskasse gut gefüllt, ist das kein Problem. „Manche kaufen sich regelrecht frei“, weiß Müller.

Für ihn wäre das nie in Frage gekommen. „Ja“, sagt er, „auch ich habe früher viel geschimpft über die Schiris.“ Aber dann sagte sein Vater: „Mach et doch besser.“ 23 Jahre ist das her und lange schon zählt der Mülheimer zu den erfahrensten Unparteiischen in der Region. Er ist einer der eingesetzt wird, wenn es in einer Partie Konflikt-Potential gibt. Spiele, in denen es um viel geht oder mit Vereinen, die bereits unangenehm aufgefallen sind. Alles nichts, mit dem sich Manhal Ablahad an diesem Tag beschäftigen muss. Hier spielt der Tabellensechste, die D3 von Meiderich gegen den Spitzenreiter, die D3 von Hamborn 07. 13 Jahre sind die Kicker, einige auch jünger, die meisten haben Migrationshintergrund. Keine Mannschaft kann aufsteigen in dieser Klasse, keine muss absteigen. „Ideal für einen Anfänger zu pfeifen“, sagt Müller und zeigt nach oben in den wolkenlosen Himmel. „Selbst das Wetter ist gut. Das Spiel wird dem Schiri Spaß machen.“

Anpfiff!

12.15 Uhr pfeift Manhal an. Nach zwei Minuten fällt der erste Treffer für die Gäste

0:1

Was folgt, nennen Kommentatoren im TV gerne „Einbahnstraßenfußball“. Angriff auf Angriff rollt auf das Meidericher Tor. In Spielminute 15 pfeift der Referee Elfmeter für Hamborn. Niemand meckert, keiner lamentiert. „Kein Theater, das finde ich toll“, freut sich Müller.

0:2

„Klare Sache, dieser Elfer“, findet auch Güclü Cemal, Schiri seit 1989 und derzeit Betreuer des jungen Irakers. „Lauter pfeifen“, wird er ihm in der Halbzeit sagen. Und: „Arm hochheben beim Abseitspfiff.“ Ansonsten ist Cemal sehr zufrieden. „Manhal macht das ordentlich. Spricht mit den Spielern, erklärt, lässt sich nicht beirren.“
0:3

Auch Müller nickt anerkennend. „Der Junge bewegt sich gut.“ Das ist nicht selbstverständlich für einen Fußballer, der den Schiri gibt. Im Gegenteil. „Du musst dich komplett umstellen“, weiß Müller und erklärt auch warum. „Als Spieler willst du immer dahin, wo der Ball ist. Als Schiri musst du versuchen, das ganze Spiel im Auge zu haben, ohne im Weg zu stehen.“ Nahe dran und doch nicht dabei. „Das ist anfangs nicht ganz einfach.“

0:4. Halbzeit

Zeit für Müller, sich über die Zukunft der Unparteiischen Gedanken zu machen. „Es muss sich was tun“, ist er überzeugt und Cemal sagt: „Wir müssen das Pfeifen wieder attraktiver machen.“ Müller nickt. „Ein Schiri muss sich auf dem Platz wohlfühlen.“ Nur wie?

Trainer, die die richtigen Worte für ihre Spieler finden, seien wichtig, sagt Müller. Die motivieren, aber nicht aufhetzen. Und Eltern, die die Ruhe bewahren, statt zu schreien: „Hau ihn um, der kann doch nix.“ Solche Mütter und Väter, findet der 39-Jährige, „sollten lieber im Bett bleiben, wenn ihr Kind am Wochenende spielt.“

Manhal pfeift. Das Spiel geht weiter.

0:5

0:6

0:7

„Nee“, sagt Cemal. „Das Ding ist entschieden.“ Keine Probleme mehr zu erwarten. „So ruhig wird es nicht immer sein“, prophezeit er und erinnert sich, wie mal eine Mutter mit dem Regenschirm in der Hand hinter ihm her gelaufen ist, um ihn zu verprügeln, weil er angeblich ihren Sohn verpfiffen hatte. „War aber Unsinn. Die kannte einfach die Regeln nicht.“

Bloß keine Schwäche zeigen

Der Unparteiische muss sie kennen. „Und er kann auch sonst einiges tun, damit ein Spiel nicht aus der Bahn läuft“, sagt Müller. „Selbstbewusstsein zeigen“ gehört dazu. Wer mit dem Ball unter dem Arm und gesenktem Kopf auf den Platz schleicht, hat schon verloren, glaubt der Obmann. „Brust raus, Bauch rein“, rät er Neulingen. Wobei das mit dem „Bauch rein“ in fortgeschrittenem Alter manchmal schwierig wird.

0:8

0:9

Kaum zu ersetzen ist Erfahrung. „Mit der Zeit erkennst du schnell die Spieler, die den Ton angeben in ihrer Mannschaft“, verrät Müller. „Hast du zu denen einen Draht, kann nicht mehr viel passieren.“ Wird trotzdem noch gemault nach einer strittigen Entscheidung, rät er zur Gelassenheit. „Man darf nicht alles durchgehen lassen. Aber man muss ja auch nicht alles hören.“

0:10

0:11

Das Spiel geht in die Endphase. Gute Gelegenheit zu klären, ob Müller und Cemal heute nochmal als Schiri anfangen würden. Beide überlegen nur kurz. „Auf jeden Fall“, sagt Müller. „Man entwickelt sich als Persönlichkeit, wird auch selbstkritischer.“ Auch Cemal nickt. „Ein guter Schiri ist auch eine gute Führungskraft“, glaubt er. „Denn beide müssen entscheidungsfreudig sein.“

Abpfiff. Manhal verlässt den Platz.

Leicht verschwitzt, kaum außer Atem zieht er eine erste Bilanz. Nein, nervös sei er kaum gewesen und konditionell habe er als Stürmer der B-Jugend vom SV Rhenania Hamborn ohnehin nicht mit Problemen gerechnet. „Ich gehe ja mehrmals die Woche joggen.“ Kurzum: „Es war viel besser als ich es erwartet habe.“ Dass es nicht immer so problemlos zugehen wird, ist ihm klar. „Aber das schaffe ich schon“, ist er überzeugt. Nächste Woche will er deshalb wieder pfeifen. „Ich glaube, das mache ich länger.“

Neue Kurse in den Osterferien

Einer mehr für Müller, aber einer ist natürlich zu wenig. In den Osterferien gibt es deshalb schon den nächsten dreitägigen Einsteigerkurs. (Infos: www.werdeschiedsrichter.de). Der Obmann hofft auf viele Anmeldungen und er hofft, dass es wieder besser wird auf den Jugend- und Amateurplätzen. „Das Problembewusstsein bei den Vereinsverantwortlichen ist ja da. Man muss es nur fördern.“

Manhal ist auf dem Weg in die Schiri-Kabine als ein Hamborner Spieler auf ihn zustürmt. Doch der Kicker meckert nicht, er hat den Überblick verloren. „Schiri, wie hoch haben wir jetzt eigentlich gewonnen?“ Manhal lächelt.

12:0

Spieler und Eltern verzeihen Schiris keinen Fehler

Genaue Daten über die Zahl der Zwischenfälle auf deutschen Fußballplätzen gibt es kaum. Eine Studie der Goethe-Universität in Frankfurt aber zeigt: Schiedsrichter im Fußball-Amateurbereich sind regelmäßig Aggressionen ausgesetzt.

95 Prozent der 915 Befragten wurden mindestens einmal beleidigt, etwa zwei Drittel wurde bereits Gewalt angedroht und ein Viertel wurde tatsächlich schon tätlich angegriffen. Die Unparteiischen beschreiben, das sie meist von Spielern, aber auch oft von Zuschauern beleidigt werden. „Das sei „an der Tagesordnung“, „unser täglich Brot“.

Er hat ein Gewaltmonopol

Der Platz der derzeit rund 75 000 Schiedsrichter in Deutschland ist dann für Adrian Sigel, Autor der Studie, kein gewöhnlicher Arbeitsplatz: Seine Position, seine Aufgaben seien sehr weitreichend, gibt er zu bedenken. Auf dem Spielfeld besitze der Unparteiische quasi ein Gewaltmonopol. So jemand sei nicht wie der Kollege am Arbeitsplatz, dem man Fehler problemlos auch mal verzeihe. Und Fehler machen Referees immer wieder. „Von der Kreisliga bis zur Champions-League“, sagt Obmann Wolfgang Müller. „Wir sind ja auch nur Menschen.“

Aber Menschen, die oft zwischen den Fans und „ihrer“ Fußball-Mannschaft stehen. Für Sigel eine Erklärung dafür, dass sich Anhänger eines Teams immer öfter vom Spielfeldrand einmischen. Gerade in der heutigen Zeit identifiziere man sich mit seinem Verein, leide und jubele mit der Mannschaft, setze sich für sie ein. „Indem Zuschauer sich einmischen, nehmen sie aktiv Anteil.“

Woher soll der Respekt kommen?

Aber die Gefahr kommt ja nicht nur von den Rängen, sie ist auch auf dem Spielfeld immer öfter präsent. Regelmäßig werden Schiris von Aktiven verbal angegangen. „Es fehlt einfach an Respekt“, sagt nicht nur Wolfgang Müller. Wohl auch, weil es an Vorbildern fehlt. „Woher soll der Respekt kommen?“, fragt Müller, „wenn sie in jeder TV-Übertragung Spieler und Trainer sehen, die sich über jede Entscheidung beschweren?“

Viele der Unparteiischen haben auch deshalb ihre Konsequenzen gezogen. Die Zahl der aktiven Schiedsrichter in Deutschland ist laut Studie in zehn Jahren um mehr als 6800 Schiedsrichter gesunken. Und der Nachschub, sofern er überhaupt noch zu bekommen ist, kann die Lücken nicht mehr füllen, hält auch oft nicht lange durch. Fast 50 Prozent aller neuen Schiedsrichter hört nach spätestens einem Jahr nämlich wieder auf.

Schlecht bezahlter Job

Es ist ja auch nicht so, dass man gut bezahlt wird, wenn man sich am Wochenende anpöbeln lässt. Abhängig von der Spielklasse gibt es Aufwandsentschädigungen zwischen 8 Euro für ein Jugendspiel und 50 Euro für eine Begegnung in der Oberliga Niederrhein. Plus Zuschuss zu den Fahrkosten.

„Reich wird in den unteren Klassen niemand“, räumt Wolfgang Müller ein. „Aber wer nur wegen des Geldes kommt, ist wahrscheinlich ohnehin falsch bei uns.“

Fußballregeln, die nicht jeder kennt

22 Spieler, zwei Teams, ein Ball und: Wer die meisten Tore schießt, hat gewonnen. Eigentlich ist Fußball ja ganz einfach. Aber es gibt Regeln, die viele Zuschauer nicht kennen und bei denen selbst mancher Schiedsrichter nachdenken muss. Hier sind einige davon.

Mannschaftsstärke

Eine Mannschaft muss mit mindestens sieben Spielern auflaufen, damit das Spiel angepfiffen werden darf. Ist im Profibereich kein Problem, kann bei den Amateuren nach Ausschweifungen am Samstagabend schon mal schwierig werden. Zumal bei Minimalbesetzung das Spiel abgebrochen wird, wenn ein weiterer Spieler aufgrund von Verletzung oder einer roten Karte den Platz verlassen muss.

Torwart und Abseits

Wenn der Ball vom Torwart gespielt wird, gibt es nie Abseits.

Schuhwerk

Es ist nicht gestattet, barfuß zu spielen. Verliert ein Spieler während eines Turniers seinen Schuh und spielt trotzdem einfach weiter, gibt es einen Strafstoß.

Gewaltschuss

Wird ein Ball mit einer solchen Wucht gegen die Latte oder den Pfosten geschossen, dass er platzt, gibt es Schiedsrichterball von der Fünfmeterlinie. Passiert sehr selten, kommt aber vor

Falsche Richtung

Geht ein direkter Freistoß ins eigene Tor, wird dem gegnerischen Team ein Eckstoß zugesprochen. Es kommt allerdings selten vor, dass jemand einen Freistoß aufs eigene Tor donnert. Gleiches wie für den Freistoß gilt auch für den Abstoß.

Böser Assistent

Bei ungehöriger Einmischung oder nicht einwandfreiem Betragen kann der Schiedsrichter den Schiedsrichter-Assistenten seines Amtes entheben und erstattet den zuständigen Instanzen Bericht.

Eigentor nach Gegenwind

Kommt es bei Abstoß, Einwurf oder Freistoß wider Erwarten zu einem Eigentor, zum Beispiel durch Gegenwind, darf das Tor nicht gezählt werden. Allerdings darf der Keeper den Ball nicht berührt haben.

Zuschauer als Torschütze

Rollt der Ball auf das Tor zu und wird von einem Unbeteiligten ins Tor geschossen, darf das Tor nicht anerkannt werden. Die Folge ist dann der Schiedsrichterball. Seinem Lieblingsteam mal schnell aushelfen, ist also nicht drin.

Der indirekte Elfmeter

Ein Elfmeter kann auch indirekt ausgeführt werden. Der Strafstoßschütze darf beispielsweise einem Mannschaftskameraden den Ball auflegen. Der Ball muss nur nach vorne gespielt werden.

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