Geburt

Wie sich schwangere Frauen unter Druck setzen lassen

Wie viele Untersuchungen sind richtig?

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Wie viele Untersuchungen sind richtig? Foto: Masterfile

Bochum.   Leistungsdruck und Unsicherheiten belasten immer mehr Mütter. Viele wünschen sich die perfekte Geburt – und scheitern an den Erwartungen.

Katharina tippt einen lange im Kopf formulierten Satz für ihre Abschlussarbeit in den Laptop, als Lia ihren Mittagsschlaf beendet. Das Baby schreit so herzzerreißend, dass Katharina aufgibt, ihren Satz zu beenden. Sofort spannt sich alles in ihr an, sie holt seufzend ihre Tochter aus dem Bett. Nervös läuft die junge Mutter mit dem Baby auf und ab, die Kleine beruhigt sich nicht. Was ist es bloß? Hunger, die Windel, Bauschmerzen?

Kaiserschnitt – das Gefühl, versagt zu haben

Eigentlich sind ihre Gedanken noch bei dem Satz, der so schön auf den Punkt bringen sollte, was sie seitenweise hergeleitet hatte. Auf und ab, auf und ab, das Baby schaukelnd. „Ich habe mich überfordert gefühlt“, erinnert sich die heute 30-Jährige – Lia ist inzwischen drei Jahre alt. „Natürlich habe ich mich auf das Baby gefreut, aber dass es mit meinem vorher selbstbestimmten Leben plötzlich vorbei war, damit kam ich erstmal nicht klar.“ Die Menschen um sie herum haben sie nachdrücklich gefragt, ob sie denn trotz Baby vorhabe, ihr Studium zu beenden (und zwar bitte schnell).

Sie habe sich isoliert gefühlt – die Eltern weit entfernt, die meisten Freunde noch kinderlos, der Partner viel unterwegs. Und wie sehr sie die Schwangerschaft belastete, weil jeder aus ihrem Umfeld eine klare Meinung dazu hatte, dass sie ihr Kind in einem Geburtshaus zur Welt bringen wollte. Diese erste Zeit mit Kind sei eine dunkle Zeit gewesen. „Auch weil die Geburt nicht so verlaufen ist, wie ich mir das gewünscht habe.“ Letztendlich kam Lia im Krankenhaus per Kaiserschnitt zur Welt. „Ich fühlte mich, als hätte ich versagt, das hat mich sehr gequält.“

Förderwahn und Helikopter-Erziehung belasten Eltern

Während Begriffe wie Förderwahn und Helikopter-Erziehung schon länger Eltern belasten, gibt es auch zunehmend Druck bei der Schwangerschaft und der Geburt. Die neuen Methoden, Ungeborene im Mutterleib zu untersuchen, tragen dazu bei. „Viele Schwangere und junge Eltern sehen sich heute konfrontiert mit einer Situation, die mit ihrer bisherigen nichts zu tun hat“, beobachtet Daniela Erdmann, zweite Vorsitzende des Landesverbandes der Hebammen NRW. „Der Fokus liegt auf der Leistungsfähigkeit. Die Ansprüche der Frauen an sich selbst sind unglaublich hoch. Sie wollen schnell wieder fit sein und als Kinder der Leistungsgesellschaft fällt es ihnen auch schwer, sich versorgen zu lassen.“

Hinzu komme, dass man als Mutter – schon in der Schwangerschaft – plötzlich eine öffentliche Person sei. „Jeder meint, sich einmischen zu dürfen, die Öffentlichkeit wertet jede Entscheidung“, analysiert die langjährige Hebamme und ehemalige Geschäftsführerin des Kölner Geburtshauses. „Bei der Form der Geburt, beim Stillen, wann und in welche Kita das Kind dann soll.“ Diese gesellschaftlichen Strukturen, zu denen auch eine Isoliertheit als Schwangere und „Wochenbettlerin“ gehöre, und der hohe Leistungsdruck von innen und von außen, das verunsichere die Mütter.

Schnell als „schlechte Mutter“ abgestempelt

Juliane (29) hat während ihrer Schwangerschaft viel gelesen und nachgedacht und sich gegen die meisten von ihrer Frauenärztin vorgeschlagenen Vorsorge-Untersuchungen und für eine Hausgeburt unter Begleitung einer Hebamme entschieden. „Da wird man sehr schnell als schlechte Mutter abgestempelt“, sagt die Bochumerin. „Ich habe mir extrem viele Gedanken gemacht, was nötig ist. Aber um mich nicht durch eventuelle Reaktionen verunsichern zu lassen, habe ich die Hausgeburt dann gar nicht angekündigt.“

Auch Philine (32) bekam ihr Baby zu Hause. Nur wenige Häuser von Juliane entfernt hält sie ihren wenige Wochen alten Charly liebevoll umschlungen. Auch für sie ist die Geburt genau so verlaufen, wie sie es sich wünschte: „Ich war wie in einem Tunnel und es ging eigentlich alles wie von selbst“, erinnert sie sich. „Am Anfang war ich alleine in der Wohnung und wie im Flow. Es war wie eine Naturgewalt, aber trotzdem habe ich es als total schön abgespeichert.“ Während der Schwangerschaft wurde ihr klar, dass sie eigentlich keinen dafür brauche. „Ich wollte selbstbestimmt in meinen eigenen vier Wänden sein“, sagt sie.

Überzogene Erwartungen beim Kinderkriegen

Im Krankenhaus hätte sie sich als Gast und weniger frei gefühlt, wäre vielleicht aus ihrem Flow gekommen. Als Theaterschauspielerin hat die 32-Jährige ein besonderes Körperbewusstsein, kann bewusst ihre Atmung steuern. Aber auch sie hat nichts von ihren Plänen erzählt. „Falls es nicht geklappt hätte, wollte ich kein ,siehste’ hören.“ Und sie wollte nicht verunsichert werden. Viele Menschen reagierten panisch, auch Frauenärzte.

Die Professorin Lotte Rose, die in Frankfurt am Main zu Geburtskultur forscht, spricht von der Geburt als biografischen Event und von überzogenen Erwartungen beim Kinderkriegen. Wie eine Frau ein Kind gebärt, sei heute ein Ausdruck der Persönlichkeit.

Wenn sich die Vorstellungen einer harmonischen und selbstbestimmten Geburt in der Realität aber als Illusion erweisen (denn wie auch Katharina feststellen musste, sind Geburtsverläufe wenig planbar), werde diese Enttäuschung für die Frauen sehr quälend. Häufig hätten sie ein Gefühl des Versagens. Dabei ist moderne Medizin ja nicht nur Fluch, sondern auch Segen: In Zeiten vor der Möglichkeit des Kaiserschnitts hätte Katharina oder ihr Baby die Geburt nicht überlebt.

Die Kommerzialisierung der Geburt

„Wenn Kinder, deren Mütter sich sehnlichst eine natürliche Geburt im Geburtshaus oder zu Hause wünschen, dann doch per Kaiserschnitt zur Welt kommen, fühlen sich die Frauen oft sehr defizitär“, weiß Heike Paunova, seit 30 Jahren freiberufliche Hebamme und eine der wenigen, die Hausgeburten begleiten – auch die von Philine und Juliane. 80 bis 90 Kinder bringt sie pro Jahr zur Welt, etwa ein Drittel davon zu Hause.

Wie die Wissenschaftlerin Lotte Rose sieht auch sie einen Trend hin zur Optimierung. Der Zugang zu Wissen sei gut. Aber es sei eben nicht immer gutes Wissen. „Die Relationen sind schief, denn das meiste kann man eben nicht steuern.“ Doch der Wunsch nach Planbarkeit führe zu einer Medizin, die kaum einer hinterfrage. Lotte Rose nennt das „Kommerzialisierung der Geburt“. Daniela Erdmann, die Vorsitzende des Hebammenverbandes: „Geburt als medizinisches Ereignis“ – statt eines familiären Ereignisses.

>> Schwangerschaft und Geburt – die Zahlen

Die gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr 1,27 Mrd. Euro für Schwangerschaften und Geburten ausgegeben. Fast jedes dritte Kind kommt in Deutschland per Kaiserschnitt zur Welt.

Mehr als jede dritte werdende Mutter wird als Risikoschwangere eingestuft. In Deutschland sind das alle Frauen über 35.

>> Drei Fragen an Carla Roder, Sozialarbeiterin und psychosoziale Beraterin bei ProFamilia in Bochum

1 Worin sehen Sie die größte Herausforderung, die sich an werdende und junge Eltern stellt?

Es ist dieser Eintritt in eine verwundbare und unbekannte Zeit, der unsere Klienten meist umtreibt. Sie wollen möglichst alles genau wissen. Viele Fragen drehen sich auch um finanzielle Absicherung und das Elterngeldgesetz. Viele wollen das Unplanbare damit planbar machen.

2 Erleben Sie eine große Verunsicherung unter den Frauen?

Gerade reifere Frauen sind mit dem Risikobegriff konfrontiert, der ja bei Frauen ab 35 greift, und geraten in ein engmaschiges medizinisches System. Bei ihnen beobachte ich ein Verständnis von Schwangerschaft, das weg von einem natürlichen, hin zu einem medizinischen Ereignis geht. Und den Wunsch, dieses Unbekannte vernunftmäßig zu erfassen und möglichst genau zu planen. Jüngere gehen meist unbeschwerter und vertrauensvoller an eine Schwangerschaft heran.

3 Was ist der Kern Ihrer Arbeit?

Wir haben eine sehr vielfältige Klientel, alle Altersgruppen und Bildungsstände. Immer geht es aber darum, zu stabilisieren, zu vernetzen und die werdenden oder jungen Eltern zu bestärken. Das kann auch die Unterstützung bei der Suche nach einer Wohnung sein.

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