Babyzeichensprache

Wie Eltern durch Zeichensprache mit ihrem Baby kommunizieren

Claudia Spelz zeigt der sechs Monate alte Leonie

Foto: Kai Kitschenberg

Claudia Spelz zeigt der sechs Monate alte Leonie Foto: Kai Kitschenberg

Oberhausen.   Claudia Spelz zeigt Eltern, wie sie per Zeichen mit ihren Kindern kommunizieren können. Das macht Gespräche möglich, wo noch keine Sprache ist.

Hunger? Bauchweh? Windel voll? Ach, wenn Eltern doch wüssten, warum ihr Baby schreit! Sagen kann das Kind ja nichts, sprechen aber könnte es über seine Empörung wohl. Mit den Händen. Zum Beispiel so: Fingerchen an den Mund – essen! Versteht jeder, kann aber auch jeder lernen, ob nun acht Monate oder acht Jahrzehnte alt. Die „Babyzeichensprache“ macht Gespräche möglich, wo noch gar keine Wörter sind.

„Leonie, Leonie, wo bist du?“ Claudia Spelz singt und breitet suchend die Hände aus. „Hier bin ich, ach, was bin ich froh.“ Trällert nicht Leonie, die ist erst sechs Monate alt und sucht eher den blauen Bauklotz als sich selbst. Zumal: Sie liegt doch da, zufrieden auf einer Decke im Wohnzimmer der Familie Spelz. Mama Stefanie aber hat gerade etwas gelernt: das Zeichen für „wo“. Sie wird noch „essen“ mitnehmen heute, „trinken“, und, für ihr Kind nicht unwichtig: „Mehr!“ Das zeigt man mit den Fingerspitzen in der Fläche der anderen Hand. Wenn Leonie jetzt noch hinsehen würde, könnten Mutter und Tochter, hofft Stefanie, einander bald „besser verstehen“.

Hände sind ein wunderbares Spielzeug für Babys

Das will Claudia Spelz ihnen beibringen: die „Zwergensprache“ als frühes Mittel der Verständigung. „Jeder redet mit Händen und Füßen“, sagt die Oberhausenerin, „viele Gesten machen wir sowieso.“ In ihren Kursen lernen Eltern und Kinder einen gemeinsamen Wortschatz, lange vor dem ersten „Mama“. Denn Hände sind für die Kleinen ein wunderbares Spielzeug und motorisch viel früher viel weiter als die Sprechmuskulatur. Und einen Willen haben Kinder vom ersten Tag an, nur normalerweise erst später ein Mittel, ihn auch mitzuteilen.

„Kinder lernen durch Nachahmen“, das hat die dreifache Mutter bei ihren eigenen gesehen, die heute noch manchmal die Zeichensprache nutzen. Finger in die Wange gedrückt: „Mama, bitte, kann ich was Süßes?“ Oder um Geheimnisse zu teilen, die sonst keiner verstehen soll. Frederik zeigte Claudia Spelz einst mit gekrümmtem Zeigefinger eine Raupe. Der Sohn überlegte, faltete die Daumen und winkte mit den Fingern: Schmetterling. Er konnte noch nicht einmal sprechen! „Die einfachen Handzeichen“, sagt Vivian König, die die Babyzeichensprache nach Deutschland brachte, „sind wie ein Fenster zu Babys Welt.“

Außenstehende sind oft skeptisch, sagt Claudia Spelz, die schon gefragt wurde: „Und wann machst du mit deinem Kind einen Chinesisch-Kurs?“ Doch soll die Zwergensprache gar keine Frühförderung sein. „Ich möchte mich irgendwie verständlich machen“, sagt Carolin, Mutter von Cleo, fünf Monate. Und „Jonas guckt sowieso immer Hände“, sagt Christine. Wieso das nicht nutzen? Das Baby jedenfalls, weiß Claudia Spelz aus bald zehn Jahren Erfahrung, ist seltener enttäuscht. Oder wütend, wenn jemand es aus dem Spiel reißt, weil die Buxe riecht. Zwergensprache funktioniert ja auch andersherum: Macht die Mama das Zeichen für „Windel“, weiß das Kind, dass es nur um eine Pause geht.

80 Wörter lernen Familien im Kurs

Die USA und Großbritannien haben die Babyzeichensprache schon längst entdeckt. „Dort geht man zum Kurs wie zum Pekip oder Schwimmen“, weiß Claudia Spelz. Und so viel anders als eine Krabbelgruppe ist ihr Kurs auch nicht: Man hockt auf Decken, spielt und singt, die Mütter plaudern, die Babys spielen, und ab und zu kommt mal ein Zeichen vorbei. Wie in diesem Lied: „Sie schlafen den ganzen Tag“. . . „Wenn das so einfach wäre“, seufzt Carolin.

In zehn Kursstunden geht es irgendwann auch um Gegensätze: „warm – kalt“, „traurig – fröhlich“, „groß – klein“. Um Anziehsachen, Wetter, Spielzeug. So dass ein Kind am Abend „erzählen“ kann, dass es heute auf dem Spielplatz war: mit dem schwungvollen Handzeichen für „Rutsche“. 70, 80 Wörter können Familien in einem Kurs lernen, manche erfinden zuhause immer neue, „bis zu 200 Zeichen“. Kindergärtnerinnen und Tagesmütter kamen schon zu Claudia Spelz, um Erziehungswörter wie „warten“, „abwechseln“, „teilen“ abzuholen.

Die Signale können auch gehörlosen Kindern helfen

Viele der Signale sind dabei der Gebärdensprache entlehnt, helfen schon deshalb auch gehörlosen Kindern. Oder entwicklungsverzögerten. Oder auch nur solchen, die eine andere Muttersprache sprechen – Babyzeichen sind international. Manches kannte Claudia Spelz schon aus ihrem eigentlichen Beruf als Sozialarbeiterin für Hörgeschädigte. An anderen Zeichen wäre auch sie fast gescheitert: Das für die Kuh zeigt zwei Hörner. Aber welches Milchvieh hat die noch? Sohn Frederik entschied deshalb höchstselbst: Die Kuh macht man mit Kaubewegungen.

Und apropos Milch: Man muss als Mutter auch nicht alles mögen. Das Zeichen für Milch nämlich sieht aus wie das Ziehen an einem Euter. „Das finde ich ganz schrecklich“, klagt Carolin, die Mutter von Cleo, die ihr Baby noch stillt. Sie tanzen jetzt „Ruckizucki“ im Wohnzimmer, nochmal drehen und nochmal (das Zeichen für „nochmal“ können sie jetzt aber wirklich), und dann streicht Claudia Spelz resolut mit den Händen nach außen. „Schluss!“ – „Das“, sagt Carolin aus tiefstem Herzen, „ist sehr wichtig“.

>> Babyzeichensprache-Kurse in der Region

Der Zwergensprache GmbH der Gründerin Vivian König haben sich bislang mehr als 150 lizenzierte Trainerinnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeschlossen.

In diesem Monat beginnen neue Babykurse in Dortmund, Mülheim, Krefeld und Witten. Claudia Spelz bietet in Essen und Oberhausen ab April neue Anfängerkurse an. Kurse gibt es auch am Niederrhein und im Sauerland. Infos unter: www.babyzeichensprache.com

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