Schlösser

Wasserschloss Werdringen: Das Gebäude, das nie fertig wurde

Der Stufengiebel stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Früher hatte das Wasserschloss Werdringen ein Satteldach.

Foto: Ralf Rottmann

Der Stufengiebel stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Früher hatte das Wasserschloss Werdringen ein Satteldach. Foto: Ralf Rottmann

Hagen.   Das idyllische Wasserschloss Werdringen in Hagen wurde jahrhundertelang eingerissen und wieder aufgebaut. Renoviert wird es immer noch.

Makellos wirkt das Wasserschloss Werdringen. Wer jedoch seinen Blick schweifen lässt, über die alte Fassade, erkennt dort einen Vorsprung, der nicht so recht passen will. Da wurde ein Fenster zugemauert, hier die Mauer aufgefüllt mit kleinen Ruhrsandsteinen zwischen den vielen großen. „Patchwork“, nennt das der promovierte Historiker Ralf Blank augenzwinkernd.

Bis das Schloss in Hagen-Vorhalle sein heutiges Aussehen im neugotischen Stil bekam, das war 1856, ist es immer wieder eingerissen, aufgebaut, ausgebessert worden. „Das ist typisch für viele kleine Adelssitze in der Region.“ Aber selbst nach der Fertigstellung wurde noch gewerkelt: So zeigt eine Lithographie von 1857, dass der Turm damals noch kein Dach hatte. Da Astronomie ein beliebter Zeitvertreib war, kann sich Blank gut vorstellen, „dass der Adelige da oben mit einem Teleskop nachts die Sterne angeschaut hat.“

Im 15. Jahrhundert wurde der Wassergraben errichtet

Auch die Schlossmauer sei mal doppelt so hoch gewesen. Sie sollte Feinde abwehren. „Die ganzen Höfe rundherum waren relativ schutzlos“, so Blank. Eigentlich sei es die Aufgabe der Adeligen gewesen, den Bauern, die Abgaben zahlen mussten, Schutz zu bieten. „Aber ich denke, wenn da ein Trupp Söldner ankam, war der Adelige froh, dass er hinter seinen Mauern saß.“ Es sei nicht verwunderlich, wenn auf Mittelalterfesten, wie am 13. und 14. Mai wieder auf dem Wasserschloss Werdringen, selten jemand den Bauern spielen möchte.

Doch auch Mauern konnten nicht verhindern, dass das Haus während der Soester Fehde 1446 gebrandschatzt wurde. Danach schützte ein tiefer Wassergraben die Burg, die schon vor 1350 urkundlich erwähnt wurde. Ob die Bewohner aber jemals die Schießscharten zur Abwehr genutzt haben, bezweifelt Blank. Wie sollte man etwa mit einer Armbrust dadurch auf den Feind zielen? „Das waren Belüftungsöffnungen“, erklärt der Fachdienstleiter für Wissenschaft, Museen und Archive der Stadt Hagen. Fenster, wie sie heute eingebaut sind, gab es früher nicht. Bleiverglasung kannte man zwar, aber dafür war dieser Kleinadel nicht wohlhabend genug. Scharniere an den Außenwänden deuten auf Holzverschläge. Vielleicht wurden Tierhäute vor die Öffnungen gespannt, die das Innere in ein schummriges Licht tauchten.

2004 wurde das Schloss zum Museum

Wie es hier im Mittelalter wohl aussah? Oder in der Frühen Neuzeit? Von der Einrichtung ist heute nichts mehr übrig geblieben. Ein Stück Tapete mit Blumenmuster war das Einzige, das man bei der Renovierung noch von der einst adeligen Pracht gefunden hat, bevor das Schloss 2004 Museum für Ur- und Frühgeschichte wurde.

Im Museum steht heute eine Ritterfigur in Kettenhemd und mit einem Schild, der drei rote Blätter trägt, wie einst das Wappen der Herren von Volmarstein. (Deren Burg ist heute noch als Ruine in der Stadt Wetter zu besichtigen). Sie waren die Lehnsherren des Rittergeschlechts Dobbe, die ersten bekannten Bewohner von Werdringen, das im 13. und 14. Jahrhundert noch eine Burg oder ein befestigtes Haus war. Zu dieser Zeit wurden Besitztümer belehnt, also „verliehen“. Die Familie Dobbe hatte somit Nutzungsrechte an Werdringen.

Doch sie war nicht die Einzige, die im Laufe der Jahrhunderte einen Anspruch auf das Haus gelten machen wollte. Der Rechtsstreit ging bis vor das Reichskammergericht. Die Adeligen mussten einen teuren Prozess nach dem nächsten bezahlen. Blank: „Sie haben sich verschuldet, wegen der Kriege, aber auch wegen Familienstreitigkeiten.“ Das Haus verwahrloste . . .

Fertig ist das Schloss immer noch nicht

Ende des 18. Jahrhunderts wurde Werdringen den Freiherren und späteren Grafen von der Recke-Volmarstein zugesprochen. Nur wenig erinnert heute an den einst hübschen Park, den die Familie errichten ließ. Die Baumallee, die auf die Brücke zuführt, lässt ihn erahnen. In Sichtweite des Adelssitzes ließ Graf Friedrich Wilhelm ein Mausoleum erbauen. Die Familienmitglieder, die dort beigesetzt wurden, fanden jedoch in den 1950ern ihre letzte Ruhe auf einem Friedhof in Hagen.

Der Sohn Graf Otto selbst verließ bereits 1895 Werdringen und zog um in ein Schloss in Schlesien. Werdringen wurde als Bauernhof genutzt. Wo einst die Schweine im Stroh lagen, ist heute das Museum untergebracht. Im ehemaligen Stall sind Knochen längst ausgestorbener Tiere aus der Region und Schwerter aus der Bronzezeit zu bewundern sowie die Rekonstruktion eines Wollhaarmammuts. (Man muss den Kopf in den Nacken legen, wenn man ihm in die Augen schauen möchte.)

So makellos das Schloss Werdringen wirkt, fertig ist es auch heute noch nicht. Ein Schild verweist auf Renovierungsarbeiten. Das alte Herrenhaus soll auch im Inneren erstrahlen und wieder für Veranstaltungen offen stehen. „Da oben gibt es ein wunderschönes Turmzimmer“, schwärmt Ralf Blank. Von dort kann man nicht nur die Sterne beobachten. Man habe auch eine sagenhafte Aussicht auf den Harkortsee und den Kaisberg. „Das ist für Verliebte ideal.“

Besucherinfos zum Schloss

Begehbar sind derzeit nur das Museum und das Café (02331/7887010), andere Gebäude werden renoviert. Das Museum ist nicht barrierefrei. Geöffnet ist es von Mittwoch bis Sonntag.

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