Erinnerung

War früher wirklich alles besser als heute? Ein Fakten-Check

Mama, Papa, Kind und VW Käfer: Idyll aus den 50er-Jahren.

Foto: Darchinger (aus „Wirtschaftswunder“ erschienen im Taschen Verlag),

Mama, Papa, Kind und VW Käfer: Idyll aus den 50er-Jahren. Foto: Darchinger (aus „Wirtschaftswunder“ erschienen im Taschen Verlag),

Essen.   Die Sonne schien, die Familie war vereint, die Straßen sicher und man bekam viel mehr für seine D-Mark. Wahrheit? Oder verklärte Erinnerung?

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer, ein Sommer, wie er früher einmal war. Mit Sonnenschein von Juni bis September. Und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr. Es war der Ohrwurm Jahrgang ‘75. Die zugehörige Stimmungskanone saß trällernd im beigen Cordanzug mitten im Plastik-Planschbecken und traf den Nerv der gramgebeugten Fans. Stimmt es denn, was Rudi Carrell selig damals überbrachte, Thomas Kesseler-Lauterkorn? Der Diplom-Meteorologe des Deutschen Wetterdienstes in Essen muss grinsen. „Aussagen wie ,früher waren die Winter schneereicher und die Sommer schöner’, das hör’ ich immer wieder. Aber vielleicht erinnern wir uns eben nur an die schönen Seiten. Ans Rodeln und ans Freibad.“

Die Deutschen nehmen verklärte Erinnerungen verdammt ernst. Es gibt Umfragen, vom BAT-Institut oder auch von YouGov. Danach sind zwischen 33 und 41 Prozent der Befragten überzeugt: Früher war alles besser. Das Wetter und die Löhne. Die Sicherheit allgemein und das Benehmen der Jugend speziell. Die Zuverlässigkeit von Opel Kapitän oder Ford Taunus. Die niedrigeren D-Mark-Preise, die dem Teuro Platz machen mussten. Die unverdorbene, nicht verdenglischte Muttersprache (die in Wahrheit vor 100 Jahren mindestens genauso heftig von Frankreich her durchmischt wurde) und das Verhältnis in den Familien.

Waren die 80er-Jahre wirklich so gut?

Zudem: Nicht wenige empfinden ausgerechnet die 80er-Jahre als besonders gut. Was überrascht. Als Waldsterben und die knappe Vorwarnzeit möglicher Nuklearangriffe Themen waren? Tschernobyl explodierte? Die Mauer Deutschland noch trennte und die RAF weiter mordend durchs Land zog? Schnell führen deshalb Zweifel am fairen Erinnerungsvermögen zum Versuch eines belastbaren Fake-Tests: Täuschen wir uns nur gewaltig – oder sind wir schon abgestürzt?

Früher war das Wetter besser

Falsch. Wetterfrosch Thomas Kesseler-Lauterkorn ist inzwischen aus seinem elektronischen Archiv aufgetaucht. Er belegt: Carrell’s Supersonnensommer von einst sind Märchen. Die Experten messen das am Klimamittel. Sie vergleichen Zeitperioden miteinander. Zwischen 1951 und 1980 wurden in Essen zwischen Mai und August im Mittel 740 Sonnenstunden festgestellt. Im Zeitraum 1987 bis 2016 waren es dann 790. „Im Vergleich satte 50 Stunden Sonnenschein mehr“, sagt Kesseler-Lautenkorn. Bei den besonders heißen Tagen ist es nicht anders: Sie haben sich verdoppelt. Dagegen – ein Zugeständnis an die Wehmut der Skifahrer muss sein – reduzierten sich Tage mit Schneedecken um ein Drittel.

Früher gab es weniger Gewalt, Mord und Terror

Völlig daneben. Die 1970er- und -80er-Jahre waren richtig gefährlich, in Deutschland wie in Europa. 62 Tote und 250 Millionen Euro Sachschaden – das ist die Bilanz alleine des RAF-Terrors, der in der Entführung Schleyers und der Lufthansa-Boeing „Landshut“ gipfelte. 13 Todesopfer forderte der Oktoberfestanschlag 1980, 85 der auf den Bahnhof von Bologna und 270 waren es, als eine in Frankfurt eingepackte Bombe den Pan-Am-Jumbo über Lockerbie zerriss. Seit dem Jahr 2000 sinkt die jährliche Zahl der Morde in Deutschland beständig – von 449 auf 296 bei gleich hoher, 90-prozentiger Aufklärungsquote. Die Einbrüche gingen von 227 000 (1993) auf 152 000 (2014) zurück und stiegen erst in letzter Zeit wieder etwas an. Die täglich brutaler werdenden Szenen auf den Schulhöfen? Die Frage alleine legt offenbar klaffende persönliche Erinnerungslücken frei. Denn Pausenschlägereien gehörten zum Revier-Alltag von 1960. Die Häufigkeit wie die Schwere solcher Vorfälle nimmt laut Unfallversicherern seit 20 Jahren deutlich ab, wobei gerade diese Branche keinen Grund zum Beschönigen hat. Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes versichert: „Es war noch nie so sicher, in Deutschland zu leben, wie heute“.

Eine Ausnahme: Das Risiko für Senioren, Opfer einer Straftat zu werden, ist größer geworden.

Früher war alles billiger

Nicht billiger, aber anders. Die Zahlen waren kleiner, viele Arbeitsbedingungen härter. Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat ausgerechnet: Die Preise haben sich seit 1950 verfünffacht. Aber die Löhne – in der jungen Bundesrepublik 75 D-Mark pro Woche beim Facharbeiter – sind in der Zeit seither bis zum 25-fachen gestiegen, rechnet man Arbeitszeitverkürzung und Fünf-Tage Woche ein. Was für’s Einkaufen heißt: Für zehn Eier musste ein Beschäftigter 1950 zwei Stunden arbeiten, 2009 aber nur noch acht Minuten. 1960 bedeutete die Anschaffung eines Schwarzweiß-Standfernsehers eineinhalb Monate Maloche. Für den Flachbildschirm von heute ist eine Woche Arbeit fällig. Und welche Mühen kostete ein im Gegensatz zu aktuellen Fahrzeugen sehr wartungsintensiver VW Käfer (5000 D-Mark in der Anschaffung) gegenüber dem Golf von 2016 (18 000 Euro)? Alle 5000 Kilometer Ölwechsel – statt alle 30 000. Und irgendwann ging es ohne neuen Motor nicht weiter.

Früher waren die Straßen sicherer

Ziemlich dreist, dieser Satz. Wir fühlen uns zwar von Dränglern genervt, nächtlichen Turbo-Rasern bedroht und sehen täglich die schlimmen Bilder von Auffahrunfällen. Und vielleicht war es früher sogar ruhiger: 1970 gab es 17 Millionen Autos, heute sind es 54 Millionen. Aber sicherer? 1970 starben 20 000 Menschen im deutschen Verkehr (ohne DDR-Anteil). Heute, nach deutscher Einheit und mit der dreifachen Fahrzeug-Menge, sind es 3200 Verkehrsopfer. Bessere Technik, strengere Gesetze, gewachsene Einsicht dürften einige der Ursachen sein.

Früher hat die Familie mehr zusammengehalten

„Waren denn die Ehen früher wirklich besser?“, fragt Zukunftsforscher Matthias Horx. „Nein. Die Leute blieben vielleicht länger zusammen, aus Gründen der Moral oder materiellen Zwängen. Aber das hieß auch oft fürchterliches Schweigen“.

Tatsächlich: Ältere Generationen blenden gerne aus, was „früher“ weniger gut war und weniger harmonisch. Das ist nicht nur beim Horxschen Ehe-Beispiel so. Eiseskälte herrschte verbreitet zwischen Eltern und Kindern. Das strenge Zucht- und Ordnungs-Denken der Nachkriegsjahre hat vielfach das Familien-Klima beschädigt. Heute dagegen klettert der Anteil in der Enkelgeneration, der seine Kinder so partnerschaftlich erziehen will wie er selbst erzogen wurde. Dieser Anteil ist in wenigen Jahren von 50 auf 75 Prozent gestiegen. Die Folge: Man hält mehr zusammen, Tochter und Mutter und Sohn und Vater telefonieren mindestens einmal in der Woche länger miteinander, auch wenn sie entfernt auseinander wohnen. Und man hat auch noch mehr voneinander, weil die Lebenserwartung rapide wächst.

Denn diese tiefe, alles entscheidende Veränderung kann niemand mehr leugnen: Ende der 50er Jahre lag die durchschnittliche Sterblichkeit von Männern unterhalb der Schwelle des Renteneintritts – körperliche Belastungen durch Krieg und Gefangenschaft mögen eine Rolle gespielt haben. Aber bessere Hygiene, die dramatische Besserung der Umwelt (der Himmel über der Ruhr kann wieder blau sein, im 1965 „toten“ Rhein tummeln sich jetzt Hecht, Wels, Maifisch und 49 andere Fischarten), der Fortschritt der Medizin und der drastische Rückgang von Industrieabgasen und Tabakkonsum sorgen dafür, dass die 2015 neugeborenen Jungen im Schnitt mehr als 77 Lebensjahre vor sich haben und die Mädchen mehr als 82. Was, bitte, vermissen wir?

Früher gingen wir zum Händler und nicht online

Vermissen wir das bunte Treiben in den Innenstädten, das gerade von Online-Händlern ausgehebelt wird? Wer so auf Amazon schimpft (und damit eigentlich die ganze „neumodische“ Entwicklung bei Kommunikation und Technik meint), sollte sich auch hier mal richtig erinnern: Bereits Neckermann machte vieles möglich, auch das Ladensterben. Der Versandhändler verkaufte Kleider und Fahrräder, Feinkost, Möbel und TV-Geräte, Versicherungen und Reisen. Nur per Katalog statt per Mausklick. Mitte der 60er-Jahre listeten geschlagene 14 000 Artikel in dem Kompendium, verschickt an fünf Millionen Haushalte.

Früher war alles besser?

Woher die Neigung kommt, sich das Vergangene schön zu denken? Zukunftsforscher Horx beobachtet die Stimmung in der Gesellschaft genau. „Die Menschen sind als Angst-Wesen geschaffen worden“, sagt er. „Unsere Vorfahren mussten ständig vor Katastrophen auf der Hut sein“. Die Vergangenheit scheine da „ein sicherer, bekannter Ort zu sein, an dem wir uns auskennen. Aber diese Nostalgie ist eine Selbsttäuschung“, eine Erinnerung nur an das „Schöne, Harmonische“. Das alles sei getrieben durch Übertreibungen der Medien, findet Horx. Er nennt das „Immerschlimmerismus“.

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