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Sind Einzelkinder verwöhnt? Was Vorurteil ist und was nicht

Kinder, die ohne Geschwister aufwachsen, bekommen viel Aufmerksamkeit.

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Kinder, die ohne Geschwister aufwachsen, bekommen viel Aufmerksamkeit. Foto: Getty

Essen.   Jedes vierte Kind in Deutschland wächst ohne Geschwister auf. Einzelkinder gelten als verwöhnt. Experten sagen, wie sie wirklich sind.

Typisch Einzelkind! Wenn der kleine Ben der Anna das Schüppchen im Sandkasten wegnimmt, ist das Urteil schnell gefällt. Verwöhnt, unsozial und ichbezogen – so sollen Einzelkinder sein. Da etwa jedes vierte Kind in Deutschland ohne Geschwister aufwächst, müsste die Zukunft demnach düster aussehen.

Dabei ist der Ruf des Einzelkinds viel schlechter als die Wirklichkeit. Vieles, was Kinder zusammen mit Geschwistern lernen, erfahren sie auch auf anderen Wegen. Außerdem können sie manches, was Kindern mit Bruder oder Schwester schwerer fällt.

Früher waren Einzelkinder selten

„Ein Relikt aus vergangenen Tagen“ nennt Dr. Carolin Barth, Systemische Familientherapeutin aus Mülheim, das Klischee, Einzelkinder seien problembelastet. Es stamme aus einer Zeit vor der Geburtenkontrolle, in der es die Regel war, dass Eltern mehrere Nachkommen zeugten. Wuchs damals ein Kind ohne Geschwister auf, lag das meist daran, dass in der Familie etwas „schiefgelaufen“ war: „Ein Elternteil ist gestorben, im Krieg gefallen.“

Ein fehlender Partner ist heute nur einer der Gründe, warum es viele Einzelkinder gibt. Auch die finanzielle Situation ist nicht ausschlaggebend. Der Wunsch, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, kann manche Paare dazu bewegen, sich nur für ein Kind zu entscheiden.

Außerdem: „Tendenziell bekommen wir heute Kinder nicht mit 20, sondern mit Mitte 30, wo wir nicht mehr so viel Zeit haben“, sagt Carolin Barth. Viele künstliche Befruchtungen kämen hinzu. „Da überlegt man natürlich auch, ob man sich so eine Prozedur noch einmal antun möchte.“

Einzelkinder sind Wunschkinder

Heute sind Einzelkinder meist Wunschkinder, so die 36-Jährige. Sie werden geliebt, bekommen viel Halt, Bildung und die ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie erleben viel Positives in der Kleinfamilie. Also macht es keinen Unterschied, ob sie Geschwister haben oder nicht?

„Wir beobachten, dass Kinder, die Geschwister haben, schon ganz anders auf das Leben vorbereitet sind“, sagt Wilma Osuji. Ihnen würde es leichter fallen, auch mal zurückzustecken, wenn Mama oder Papa nicht sofort zur Stelle sind, so die Leiterin der Kita „Kinder in der St. Elisabeth Gruppe“ in Herne. „Sie sind robuster, können besser mit Frust umgehen.“

Wilma Osuji nennt ein Beispiel: Es gibt in der Kita Pflaumen, jedes Kind kann zwei bekommen. „Für Kinder, die gelernt haben, mit Geschwistern zu teilen, ist das eine ganz selbstverständliche Sache.“ Einzelkinder könnten das oft schlechter aushalten, wenn sie nicht als Erstes dran seien und auch keine dritte Pflaume bekämen.

Das freie Spiel mit Gleichaltrigen

Ähnlich sehe es bei Konflikten aus: Wenn ein Kind ein anderes schubst oder ihm etwas wegnimmt. „Dass man sich dann auch entschuldigt und zu seinem Fehlverhalten steht, das kann man mit Geschwistern schon zu Hause gelernt haben.“

Allerdings sei das genauso gut möglich, wenn man mit Gleichaltrigen zusammenkommt. Nicht nur in der Kita. „Da kann man auch als Eltern ganz viel machen, wenn man zum Beispiel Freunde für das Kind einlädt.“ Also die Tochter oder den Sohn nicht jeden Tag vom Musikunterricht zum Sport fahren, sondern den Kindern Zeit zum Spielen lassen.

Konflikte selbst lösen lassen

Wie wichtig dieses freie Spielen ist, betont auch Familientherapeutin Carolin Barth. Wenn Kinder mit anderen Kindern zusammen seien, ohne Eltern, würden sie das soziale Miteinander genauso lernen wie Jungen und Mädchen mit Geschwistern. Generell sei es wichtig, so die Mutter einer Tochter, dass Eltern sich nicht ständig in Streit einmischten. Also Anna es regeln lassen, wenn Ben ihr wieder das Schüppchen wegnimmt. „Sie müssen ihre Konflikte selbst lösen, weil das für ihr Selbstbewusstsein total wichtig ist.“

Was oft vergessen wird: Erstgeborene sind zunächst auch Einzelkinder. Und wenn sich Geschwister nicht verstehen oder vom Alter her zu weit auseinanderliegen, dann müssen sie sich auch andere Kinder zum Spielen suchen.

„Es gibt Studien, die besagen, dass Einzelkinder Freundschaften intensiver pflegen – weil sie müssen“, so Barth. Sie können sich deshalb oft auch besser alleine beschäftigen. Zudem übernehmen sie gerne Verantwortung, sind etwa Klassensprecher, weil sie von früh an für alles geradestehen mussten und nichts auf Geschwister schieben konnten, so Carolin Barth.

Es kommt auf die Eltern-Kind-Beziehung an

Hauptsächlich käme es jedoch nicht auf die Anzahl der Geschwister, sondern auf die Beziehung zu den Eltern an. Ob das Kind zu wenig oder zu viel Aufmerksamkeit bekommt. „Kinder brauchen eine Phase der Aufmerksamkeit, aber auch eine des Nebenherlaufens.“ Besonders Eltern von Einzelkindern fokussierten sich oft stark auf das Kind, überfrachteten es mit Erwartungen. „Nur weil ich nicht Sportler geworden bin, kann ich nicht von meinem Kind erwarten, dass es Profi-Sportler wird.“

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