Soziales

Junge Menschen engagieren sich wieder für eine bessere Welt

Martyna Hepner schneidet die Apfelbäume auf einer Streuobstwiese des Naju in Essen.

Foto: Kai Kitschenberg

Martyna Hepner schneidet die Apfelbäume auf einer Streuobstwiese des Naju in Essen. Foto: Kai Kitschenberg

Essen.   Jugendliche engagieren sich heute wieder. Wir trafen einige von ihnen, fragten sie und den Jugendforscher Klaus Hurrelmann nach der Motivation.

In den vergangenen 15 Jahren galten Jugendliche als kaum sozial engagiert und politisch interessiert. Neuere Untersuchungen belegen: Das Engagement ist wieder gestiegen, wenn auch abseits politischer Parteien. Einige Institutionen tun sich schwer damit, die junge Generation zu erreichen. Wir befragten den Sozialforscher und Mitautor der Shell-Jugendstudien Klaus Hurrelmann nach den Ursachen.

Herr Hurrelmann, gibt es einen zentralen Grund dafür, dass sich Jugendliche derzeit wieder stärker sozial engagieren?

Klaus Hurrelmann: Es hängt mit der Frage zusammen: Wie schätzen die jungen Leute ihre Zukunftsperspektiven ein? Die Jugendlichen mussten lange Zeit Sorge haben, dass sie überhaupt in Ausbildung und Beruf hineinkommen konnten. Eine solche Situation macht „unpolitisch“. Weil man große Aufmerksamkeit darauf verwenden muss, sich zu qualifizieren, gute Noten zu haben, sich zu bewerben. Und jetzt, da die jungen Leute merken: Es sieht zwar in vielen Ländern schlecht aus, aber bei uns nicht, kommt es zu einer positiven Veränderung.

Führt diese veränderte Einschätzung automatisch zu mehr Engagement?

Wenn man seine persönliche Situation als gut einschätzt, aus dem Elternhaus auch schon gute Voraussetzungen mitbringt, in der Schule gut zurecht kommt, dann meint man: Ich meistere diese Herausforderung hier, ich habe eine gute Chance im beruflichen Ausbildungssystem; oder ich bekomme den Studienplatz, den ich wünsche. Das erzeugt ein Lebensgefühl, das besagt: Ich bin in dieser Gesellschaft drin, ich kann die Bedingungen in der Gesellschaft zu meinen Gunsten drehen, ich kann sie auch selbst beeinflussen.

Das schlägt sich bislang nicht in einem Zulauf junger Menschen bei politischen Parteien nieder. Was machen die falsch?

Der Mitgliederschwund bei den etablierten Parteien ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass die Mitglieder sehr alt sind. Bei SPD und CDU ist das statistische Durchschnittsalter der Mitglieder 60. Die großen Parteien sind für die jungen Leute eher Machtapparate. Da ist nichts, wo man als junger Mensch andocken kann. Wenn ich als junger Mensch mal zu einem Partei-Ortsverein gehe, denke ich, ich wäre in einem Altenclub.

Gleichzeitig herrscht ein hohes Vertrauen in Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen. Hat sich das Engagement dorthin verlagert?

Die Bereitschaft, sich auch für die Gestaltung von Lebensbedingungen einzusetzen, hat einen Weg in die etwas weniger hierarchisch und bürokratisch organisierten Institutionen gefunden. Aber in letzter Zeit merken auch die Amnestys und Greenpeacer, dass sie Institutionen sind und deshalb bürokratisch. Die jungen Leute scheuen aber jede Form von Mitgliedschaft, weil sie die Sorge haben, damit seien sie lebenslang festgelegt. Sie finden das auch in Ordnung, das gibt ihnen Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten.

Ist das eine Art Bindungsangst an Institutionen?

Die jungen Leute spüren, dass sie ihr Leben sehr offen gestalten müssen und keine festen Arbeitsverträge über ihr ganzes Leben mehr erwarten können. Wir müssen die Bereitschaft der jungen Leute, sich zu engagieren, weiter schulen. Wir müssen deutlich machen, wie ein solches Engagement auch wirksam wird. Dazu muss man schließlich irgendwie in die Parlamente hinein. Und diesenWeg, den scheuen die Jungen ein bisschen. Aber: Das ist von der ganzen Struktur her das Elixier für das demokratische Arbeiten.

Überraschend: Es gibt traditionelle Organisationen, in denen sich Jugendliche nach wie vor engagieren...

Erstaunlich gut gehalten haben sich Sportvereine. Wenn die sich offen, flexibel und modern gezeigt haben und auf ihre Mitglieder ein bisschen eingegangen sind, dann haben sie sich behauptet. Sie gehören mit zu den Gewinnern. Bei den Jugendorganisationen sind etwa die Pfadfinder interessant. Mit ihrem sehr, sehr konventionellen System bieten sie für viele junge Leute offenbar Sicherheit und Berechenbarkeit. Sie haben nur einen kleinen Mitgliederschwund, das ist richtig auffällig. An ihrem Beispiel kann man mal so richtig erkennen, dass ein Werben um junge Leute auch funktioniert, wenn man eigentlich sehr traditionelle Strukturen hat. Aber dort werden auch viele Bedürfnisse befriedigt: Da kriegt man Erlebnisabenteuer und ist in einer Gemeinschaft.

Umwelt- und Tierschutz:

Victoria Wilms und Lene Wefers müssen nur zum blauen Eimer mit dem Kraftfutter greifen, schon werden sie aufgeregt umstürmt von allen Seiten, erwartungsfrohe Schafsaugen haften an ihren Händen, mit ihrem feuchten Zottelfell drängen sich die Schafe dicht an dicht. Nein, Geduld hat so eine stets hungrige Herde von Schafen nirgends gelernt. Aber bestimmt ist es ein tolles Gefühl für die beiden jungen Frauen, sich zu engagieren und dabei auch noch so umlagert zu sein.

Die 18-jährige Victoria Wilms und die 17-jährige Lene Wefers machen – genau wie die 21-jährige Martyna Hepner, die ein paar Meter weiter weg den Baumschnitt auf einer Streuobstwiese vornimmt – ein Freiwilliges ökologisches Jahr (FÖJ) bei der Naturschutzjugend (Naju) Essen/Mülheim. Heute sind sie hier im Essener Süden, an der Meisenburg, im Einsatz in der Schafsversorgung und eben beim Obstbaumschnitt. Ein Job, der bei schönem Wetter auch schon so früh im Jahr eine traumhafte Aussicht bietet.

Das FÖJ ist immer ein bisschen im Hintertreffen im Vergleich zum Freiwilligen sozialen Jahr (FSJ). Während bundesweit nach den letzten Erhebungen 38 600 Jugendliche ein FJS im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes machten, sind deutlich unter zehn Prozent davon im ökologischen Bereich tätig.

Dabei ist der gar nicht ausschließlich ökologisch, die drei sind im eigenen Vereinsgebäude in Essen-Borbeck auch in der offenen Kinder- und Jugendarbeit tätig, sie erledigen Büroarbeiten und organisieren Projekte. Auch einen eigenen Apfelsaftverkauf einmal pro Woche machen die Ehrenamtler. Und: „Gerade arbeiten wir an einem fairen Café mit fairen Produkten“, sagt Martyna Hepner.

Das FÖJ erweist sich als sinnvolle Alternative, wenn man am Ende der Schulzeit noch nicht ganz genau weiß, in welcher Richtung es weitergehen soll: „Ich habe letztes Jahr Abi gemacht und wollte nicht direkt studieren oder eine Ausbildung machen“, berichtet Martyna Hepner. Mittlerweile weiß sie, dass sie Landschaftsarchitektur studieren möchte.

Victoria Wilms hingegen „war voll auf dem Natur- und Landwirtschaftstrip“. Sie hat sich, wie ihre Kolleginnen, ihre Stelle aus dem Netzportal des Bundesfreiwilligendienstes herausgesucht. Ein FÖJ bei der Naju geht vom 1. August bis zum 31. Juli des Folgejahres – und wer es machen möchte, muss sich beeilen. Bei der Naju laufen die Bewerbungen ein, im März kommen die künftigen FÖJler zum Probearbeiten. Nur Obstbaumschnitt wird es dann nicht mehr geben, am 1. März beginnt der Nistschutz für die Vögel – man muss ja schließlich ökologisch bleiben.

Hilfe für Menschen mit Behinderung:

Manchmal entscheidet der reine Zufall über Engagement oder Nicht-Engagement. Zumindest war es im Fall von Alexander Göritz so. „Als mein Vater vor zwei Jahren in der Bäckerei des Franz Sales Hauses Brötchen kaufen wollte, entdeckte er einen Prospekt fürs Ferienprogramm“, erzählt der 18-Jährige. Als Alexander sich in der Behinderteneinrichtung erkundigen wollte, stellte er einerseits fest, dass das Programm sich nur an die Bewohner des Hauses richten sollte. Aber er merkte auch, dass man hier zugleich Spaß haben und sich ehrenamtlich engagieren konnte.

Seitdem kommt er einmal im Monat, um mit den Bewohnern die Samstage zu gestalten. Das kann bedeuten, dass man gemeinsam Ausflüge macht, spazieren geht, kocht, spielt und redet. Als er in der Schule Julia Clemens (16) davon erzählte, war sie ebenfalls davon begeistert – genau wie eine dritte Mitschülerin. Sie alle kommen jetzt regelmäßig.

In einer großen Einrichtung wie dem Franz Sales Haus, das über 2300 Plätze verfügt, kommt einiges zusammen: „Wir haben 150 bis 170 Ehrenamtler, die sich ganz unterschiedlich engagieren. Manche kommen zwei-, dreimal pro Woche, andere nur dreimal im Jahr“, sagt Ehrenamtskoordinatorin Claudia Rösner.

Auch Feste oder Disco-Veranstaltungen in der „Pinte“ wären ohne die Hilfe der Ehrenamtler schwer zu stemmen. Wobei die jungen freiwilligen Helfer nicht mit der Verantwortung allein gelassen werden. „Als wir einen Ausflug ins ,Kids Country’ gemacht haben, bekam ein Kind einen Schreianfall. Da musste ich schon die Honorarkraft holen“, berichtet Julia Clemens. Es geht eben nicht ganz ohne brenzlige Situationen ab.

Das Angenehme an der ehrenamtlichen Arbeit: Jeder kann entscheiden, wie intensiv er sich einbringen möchte. Gar einen Job aus ihrem Engagement machen, wollen weder Julia noch Alexander. Beide sind sich sicher, das richtige Maß für sich gefunden zu haben. Dennoch: Sie können sich vorstellen, das Engagement über das Ende der Schulzeit hinaus fortzusetzen.

Engagement im Jugendparlament:

Wann sie kann? Franziska Klage muss kurz überlegen. Freitag geht nicht, Montag ist lange Schule, „Dienstag“, sagt sie dann. „Dienstag würde passen.“ Und passt dann auch. „Stress?“ fragt man, als sie ins Haus bittet. Franziska, die alle Franzi nennen, schüttelt den Kopf. „Alles gut. Man muss sich nur organisieren können.“

Sie kann das. Zum Glück. Denn in diesem Frühjahr macht die 17-Jährige Abitur am Schiller-Gymnasium in Witten. Sport treibt sie auch, spielt Softball und geht gerne tanzen. Und als ob das alles nicht genug wäre, ist sie auch noch Sprecherin des Kinder- und Jugendparlaments in Witten. Letzteres war nicht von langer Hand geplant. „Das hat sich so ergeben.“

In der Schule hat man sie vor einigen Jahren vorgeschlagen, sie hat gerne angenommen, weil sie es „spannend“ fand, sich für Jugendliche einzusetzen. Sie will nicht nur reden und meckern, sie will sich engagieren, will etwas bewegen. Erst ist sie einfaches Mitglied, bald Sprecherin eines Arbeitskreises, dann des gesamten Parlaments. Mit den anderen 41 Mitgliedern entwickelt sie ein Spielplatzkonzept für die Stadt, macht sich Gedanken über die Finanzierung sucht nach Sponsoren. Manchmal ist sie vier- bis fünfmal die Woche unterwegs. „Klar, so etwas kostet Zeit.“ Aber es lohnt sich. „Man kann richtig was erreichen“, hat sie festgestellt.

Und Erfahrungen sammeln. Im Jugendhilfeausschuss hat sie ihre Ideen vorgetragen. „Da lernt man, wie man reden muss, um seine Ideen rüberzubringen.“ Das hat auch in der Schule geholfen. „Referate halten war für mich seitdem viel einfacher und entspannter.“

Trotz aller Begeisterung ist bald Schluss mit der Arbeit im Kinder- und Jugendparlament. Nicht nur weil Franziska im Herbst studieren will, auch weil sie im August 18 wird und damit aufhören muss. Ist sie auf den Geschmack gekommen? Will sie irgendwann mal in die Politik? Franzi lacht, zuckt mit den Schultern. Abgeneigt wäre sie nicht. „Aber das ist nicht so einfach.“ Und noch Zukunftsmusik: „So weit plane ich nicht voraus.“

Hilfe für ältere Menschen:

„Zeig’ mal ein Foto“, fordert Helga Gebler Fabian Reinert lachend auf. Die 80 -Jährige und der 18-Jährige schauen zusammen auf ein Smartphone. Fabian Reinert, der über das Display streicht, ist nicht der Enkel und Helga Gebler nicht die Oma. Und trotzdem sind es Jugendliche wie er, die älteren Menschen wie ihr dabei helfen, das Handy zu bedienen oder den Computer einzurichten. Sie fegen den Hof, mähen den Rasen oder helfen beim Tragen der Einkaufstüten. Die „Taschengeldbörse“ bringt sie zusammen. Und dabei geht es oft nur am Rande um die Arbeit, die zu erledigen ist. Das Zwischenmenschliche ist das Besondere.

Es war eine Idee des Jugendparlaments in Oberhausen. In Solingen gab es bereits eine Taschengeldbörse. In anderen Städten, etwa Neukirchen-Vluyn, Kamp-Lintfort und Moers, hat man sich ebenfalls von der Börse überzeugt: Senioren, die Hilfe benötigen, können sich melden. Ihnen wird ein Jugendlicher vermittelt, der seine Hilfe anbietet. Gegen ein Taschengeld, mindestens 5 Euro die Stunde.

Eine junge Frau besucht Helga Gebler regelmäßig, hilft ihr beim Flaschen-Tragen und Putzen des Flurs. Aber das Schönste sei, dass einfach mal wieder jemand Junges im Haus ist, seitdem der Enkel in der Schweiz lebt. Und so bleibt neben der Arbeit auch oft noch Zeit für einen gemeinsamen Kaffee. Helga Gebler freut sich über den engen Kontakt: „Ich finde es herrlich. Da weiß man, da kommt jemand.“

Die Arbeiterwohlfahrt finanziert die Börse, nach einer Förderung des Landes NRW. Seit 2015 wurde so 133 Mal Jung an Alt vermittelt. Fabian Reinert fährt nicht nur gerne zu älteren Menschen – „Ich habe schon früher meiner Oma geholfen.“ Er wird künftig auch die Taschengeldbörse koordinieren. Nachdem sich ein Jugendlicher bei ihm vorgestellt hat, kann dieser eine ältere Person kennen lernen. Das Einverständnis der Eltern vorausgesetzt, geht es sogleich los – wenn die Chemie stimmt.

So werden Ideen real:

Ein blondes Mädchen schlingt Saliha Geiser die Arme um den Bauch. „Hallo, wie geht es dir?“, begrüßt die 19-Jährige die Kleine. Dienstags am „Mädchentag“ im Jugendzentrum CEVI in Oberhausen möchte sie mit den Kindern nicht nur basteln und spielen, sondern auch mal fragen, wie es zuhause und in der Schule läuft.

Saliha Geiser hat in dem Jugendzentrum des CVJM (Christlicher Verein junger Menschen) 2015 ein Jahrespraktikum für ihr Fachabi gemacht. Die Arbeit mit Kinder gefällt ihr so gut, dass sie nicht nur „etwas Soziales“ studieren möchte, sondern seitdem beim Mädchentag ehrenamtlich aushilft. „Die jugendlichen Mädchen wollen den Jungen gefallen. Wenn wir unter uns sind, kann man anders reden“, sagt Saliha Geiser. Die Jungen haben ihr eigenes Treffen am gleichen Tag.

Ab und an kommt auch Saliha Geisers Freund mit ins Jugendzentrum. Mit Dominik Stenzel (20) hat sie kürzlich einen Kletterschein gemacht, um Kinder an der mobilen Kletterwand sichern zu können. Saliha Geiser kam auf die Idee, dann besuchte das Paar eine Kletterhalle, sie bekam Zweifel, er nahm sie ihr – so motivieren sie sich als Paar gegenseitig.

Aber Visionen und Motivation reichen nicht aus. Man muss auch wissen, wie man kreative Ideen umsetzt. Und so bewarben sie sich bei den „Ruhrstadt-Träumern“ und nahmen an dem für sie kostenlosen Programm teil: 16- bis 20-Jährige aus dem Ruhrgebiet lernen dort, wie man Sponsoren, Genehmigungen und Teilnehmer für seine Idee gewinnt.

Das Paar hat schließlich zusammen mit einem Mitstreiter eine Verschönerungsaktion organisiert: Kinder malten im September 2015 mit Kreide die Oberhausener Innenstadt an. „Wir wollten den Kindern zeigen, dass man als Jugendlicher seine Stadt mitgestalten kann“, sagt Dominik Stenzel, der „Angewandte Informatik“ studiert und in diesem Jahr nach einer Schulung einer der Seminarleiter bei den Ruhrstadt-Träumern ist.

Was treibt sie an? Warum verbringen sie ihre freie Zeit nicht im Kino, beim Internet-Surfen? „Das machen wir ja auch“, sagt Stenzel. „Du bekommst bei Kindern direkt etwas zurück, du siehst, wie sie sich entwickeln.“ Saliha Geiser: „Der Kontakt zu Menschen ist super, ich fühle mich gut dabei.“ Und: „Das eigene Tun bekommt einen Sinn.“

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