Valentinstag

Flirten früher und heute: Ganz einfach war es noch nie

Partner senden Flirt-Signale: Blicke, Gesichtsausdrücke und Gesten, aber auch Berührungen der Füße können wirken.

Foto: Plainpicture

Partner senden Flirt-Signale: Blicke, Gesichtsausdrücke und Gesten, aber auch Berührungen der Füße können wirken. Foto: Plainpicture

Ruhrgebiet.  Am 14. Februar regnet’s wieder rote Rosen. Doch es bedarf der ehrlichen Werbung, damit die Liebe erblüht. Auf Amors Wegen lauern Fallstricke.

Kühne Behauptung: Jeder von uns hat seinen ganz persönlichen Kitsch-Film. Eine Schmonzette, die einen immer wieder zu Tränen rührt. Wenn sich beide – allen Widrigkeiten und Unmöglichkeiten zum Trotz – am Ende doch noch „kriegen“. Wobei das manche Männer vermutlich nur unter Folter zugeben würden. „Kate und Leopold“ (2001) mit Meg Ryan und Hugh Jackman in den Titelrollen ist mein Favorit. Sie spielt eine karrierebewusste Frau von heute, er einen Gentleman aus dem Jahr 1876. Durch einen Zeitriss treffen sich beide im New York der Neuzeit. Und er erobert sie mit dem Charme der alten Schule…

War früher alles besser? Oder schlimmer? Oder, unterm Strich, ganz genau so? Was braucht es, um den Begehrten mitten ins Herz zu treffen? Ist es ein Blick? Der richtige Spruch zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Oder ist das alles nur eine Frage des Kalküls? Am 14. Februar regnet’s wieder rote Rosen. Doch auch vor und nach dem Valentinstag bedarf es der ehrlichen Werbung, damit die Liebe erblüht, wächst und gedeiht. Auf Amors Wegen lauern allerlei Fallstricke – und das war gestern nicht anders als heute. Geflirtet wurde schon immer, auch wenn diese Art der Kontaktanbahnung erst später ihren Namen bekam.

Schuld daran sind die Engländer. Deren Kontinentalflucht nicht erst mit dem Brexit zutage trat. Mit Sprachen jenseits des Kanals taten sie sich schon immer schwer. War von der vom französischen König Heinrich IV. (1553-1610) begehrten Fleurette die Rede, dann hörte sich das an wie „Flirt“. Was fürderhin zum Synonym dafür wurde, einer Angebeteten zu schmeicheln. Ebenso verhält es sich mit der Romantik. Bei der wir heute sofort an Dinner bei Kerzenschein, Bootsfahrten im Mondlicht oder an Rosenkavaliere denken. Ursprünglich war mit Romantik jedoch eine Epoche der Kulturgeschichte gemeint, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein andauerte. Wobei letzterem auch eine besondere Bedeutung zukommt, was das Gefühl von Liebe und dessen Stellenwert angeht.

Früher waren Geld und sozialer Stand entscheidend

„Der Grundgedanke des Umeinander-Werbens war vor dem 19. Jahrhundert die Ehe“, sagt Dr. Dagmar Hänel (47), „vorher hatte das Heiraten auch immer etwas mit Geld und mit sozialem Stand zu tun.“ Herzklopfen und Schmetterlinge im Bauch, so die Leiterin der Abteilung Volkskunde am LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte mit Sitz in Bonn, habe es zwar schon immer gegeben: „Aber der drittgeborene Sohn eines Kleinbauern, der sich in die einzige Tochter eines Großgrundbesitzers verliebte, hatte im Mittelalter schlechte Karten.“ Während damals die Eltern entschieden, haben sich die Rechte der Frauen stark verändert: „Das war ein großer Schritt.“ Auch spät oder gar nicht zu heiraten, sei längst kein Makel mehr. Mit diesem Mehr an Freiheit, so Hänel, schwinde aber auch die Bereitschaft, um eine Beziehung zu kämpfen oder Kompromisse einzugehen: „Jede dritte Ehe wird geschieden.“

Egal, ob es darum geht, sich einen Platz unter der Haube zu sichern, auf Zeit einen festen Partner zu haben oder lediglich spontanen amourösen Gelüsten zu frönen – immer muss man Wege finden, Interesse zu wecken und Wohlgefallen auszulösen. In früheren Zeiten ließ die Dame erotisch einen Knöchel unterm Reifrock hervorblitzen, sendete gewieft mit dem Fächer Signale oder ließ durch einen aufgeklebten Schönheitsfleck erkennen, dass sie kussbereit war. Der Herr hingegen gaukelte durch Polster an den richtigen Stellen vor, ein besonders stattlicher Kerl zu sein, hatte einen Radar für Spitzentaschentücher, die am Boden lagen oder überzeugte durch sein Talent für poetische Briefe. Wer sich im Zeitalter von Internet-Singleportalen und -apps wie Parship und Tinder beim Objekt seiner Begierde beliebt machen will, braucht jedoch mitunter Nachhilfe.

Aus der Misere „heraus geflirtet“

„Ich war nach einer Trennung total am Boden – und habe mich aus der Misere ,heraus geflirtet’“, erzählt Horst Wenzel (28). Damals war der gebürtige Dortmunder noch an der Uni Duisburg Essen, wo er Wirtschaftsinformatik studierte. Von der heilsamen Wirkung des Flirtens überzeugt und wissend, dass viele Menschen unsicher sind, wenn es um die Partnerfindung geht, suchte sich Wenzel Mitstreiter aus allen möglichen wissenschaftlichen Disziplinen. 2012 gründete er die „Flirt University“. Bis zum Jahr 2015 war sie an der Essener Kastanienallee ansässig, dann zog sie nach Köln um, in den Media Park.

Frage an den Mann, der einst aus der Not eine Tugend machte: Kann man Flirten wirklich lernen? „Ja, kann man. Konkret helfen unsere Flirt Coaches dabei, die eigene Unsicherheit abzulegen und angstfrei auf andere zuzugehen. Mehr Selbstvertrauen aufzubauen, seine kommunikativen Fähigkeiten zu schulen und die eigene Attraktivität zu steigern. Wir arbeiten dabei viel mit Kreativitätstechniken und Erkenntnissen aus der Psychologie und aus der Kommunikationswissenschaft. Auch Stimmtraining und Rhetorik gehören dazu – etwa mit den Methoden, die Stand-Up-Comedians verwenden. Bei unseren Kursen können sich Singles auch selbst beim Flirten beobachten, mit Hilfe von Videos in denen reale Flirtsituationen im Alltag geprobt werden, um das Ergebnis hinterher auszuwerten.“

Selbst Spaß haben und dem anderen Spaß machen

Wenzel glaubt daran, dass sich Menschen verändern können, indem sie lernen. Und auch, dass ein Flirt der optimale Einstieg ist, um erfolgreich um die Liebe eines anderen Menschen zu werben: „Damit fängt im Grunde alles an.“ Die meisten Kursteilnehmer wollen eine feste Beziehung. Aber auch als lustige, unverbindliche Art der Kontaktaufnahme sei ein Flirt eine gute Sache: „Es geht dabei um den Austausch von positiven Emotionen, darum, sich wohlzufühlen, selbst Spaß zu haben und dem anderen Spaß zu machen.“

Im Flirten, so verrät der Coach für Herzensangelegenheiten, weisen deutsche Männer im europäischen Vergleich Defizite auf: „Speziell Spanier, Franzosen und Italiener gehen bei ihren Flirts stärker aus sich heraus, sie sind offensiver und überzeugen mit entsprechender Körperhaltung. Die Kunst der Verführung hat dort einen höheren Stellenwert, die Suche nach entsprechenden Vorbildern fällt leichter.“ Wenn Michel seine Michaela erobern will, muss er erst einmal lernen, charmant aufzutreten.

Auf dem Weg zum ersten Kus das richtige Maß finden

Und nichts zu übereilen: „Auf dem Weg zum ersten Kuss beim ersten Date ist das richtige Maß entscheidend. Das gilt es zu finden – und die Intensität von Berührungen im Vorfeld langsam zu steigern. Auf jede Berührung gibt uns unser Gegenüber ein körpersprachliches Feedback – wir trainieren mit unseren Teilnehmern, diese Signale wahrzunehmen.“ Davon, die neu erlernten Fähigkeiten am Valentinstag auszutesten, hält Wenzel nicht viel: „Das ist eher ein Tag für Paare.“ Während Karneval für Liebes-Lehrlinge, denen eine feste Partnerschaft vorschwebe, nicht gerade ideal sei.

Ist Horst Wenzel selbst ein Superflirter, der sein Spezialfach aus dem effeff beherrscht? „Ich hab’ doch auch meine Fehler“, gibt er offen zu und lacht, „jeder kann sich, was das Flirten angeht, immer weiter verbessern.“ Dass er in festen Händen sei, verböte aber keineswegs einen Flirt hier und da. „Solange das unverbindlich bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden.“ Im Gegenteil, ist eine Beziehung nach Jahren eingeschlafen, kann das helfen, sie neu zu beleben. Und, auch das ist ein Aspekt: Konkurrenz belebt das Geschäft.

Viele der Spielregeln haben sich geändert

Auf den Pfaden der Verführung kann man mit langen Locken locken, wie einst Rapunzel, die ihr Haar vom Turm herunterließ, man kann auf der Balz mit Witz und Eloquenz glänzen oder mitunter sogar dadurch, dass man, trotz aller Hektik, pünktlich zum Date erscheint. Was in den 1950ern als unverzichtbar galt. Ebenso wie als Frau dem Mann beim ersten Rendezvous andächtig zu lauschen oder als Mann, die Frau anschließend nach Hause zu eskortieren. Damals waren die Spielregeln klar. Inzwischen ist alles komplizierter.

Auch Barbara Erichsen weiß, dass das mit dem Sich-Verlieben heute schwierig ist. „Zum einen ist es leichter geworden, zum anderen muss es schneller gehen und gleichzeitig sind die Erwartungen gestiegen“, sagt sie. In ihrer Praxis für Coaching und Psychotherapie in Essen empfängt die 53-Jährige neben Spitzenkräften aus verschiedenen Branchen auch Familien oder Paare. „Leichter geworden ist das mit dem Sich-Verlieben deshalb, weil die Hemmschwelle durch die Medien viel niedriger liegt. Durch das Internet kann ich länger anonym und auf Distanz bleiben, ich muss nicht gleich jemand persönlich gegenübertreten, muss nicht gleich alles von mir Preis geben. Und wenn ich ein Foto von mir einstelle, nehme ich natürlich eins, dass mich von meiner vorteilhaftesten Seite zeigt.“

Die Auswahl ist ins Unermessliche gestiegen

Auch sei die Auswahl größer: „Früher war das Kennenlernen von potenziellen Partnern räumlich viel stärker eingeschränkt. Es erstreckte sich nur auf einen bestimmten Bereich – mein Dorf, meine Stadt oder meine Arbeitsstelle – und es gab auch nur bestimmte Gelegenheiten, auf ,Brautschau’ zu gehen. Etwa beim Dorftanz oder in der Tanzstunde. Heute kann man, wenn man will, jeden Tag ausgehen. Und es gab auch nur eine bestimmte Auswahl in einem bestimmten Alter. Man muss sich beispielsweise nur vor Augen halten, wie wenig junge Frauen früher studiert haben. Heute findet man an den Unis beide Geschlechter in einem ausgewogenen Verhältnis.“

Früher wurde hartnäckig um den oder die Auserwählte geworben: „Heute sieht man sich in der Disco – und entweder es funkt oder es funkt nicht.“ Und der oder die mit dem falschen Profil oder dem unsympathischen Foto im Internet ist schnell aussortiert. Gleichzeitig erhöhe das aber den Druck: „Bei scheinbar so unendlich vielen Möglichkeiten muss doch auch für mich einer oder eine dabei sein. Der möglichst perfekt sein und perfekt zu mir passen muss.“ Die große Liebe auf Knopfdruck? Das klappt nicht immer: „Manchmal sind es gerade die Gegensätze, die sich anziehen. Oder kleine Fehler, die uns einen anderen Menschen sympathisch machen.“

Komplimente auch nach Jahren

Hat das mit dem Liebeswerben – auf die ein oder andere Weise – funktioniert und man hat einen Partner gefunden, ist das keine Garantie, dass man bis ans Ende seines Lebens auf rosenroten Wolken schwebt. „Der Alltag ist der absolute Killer der Verliebtheit“, sagt Erichsen. Und was tut man dagegen? „Sich konkret verabreden, dafür auch etwas Besonderes anziehen, den anderen überraschen, überlegen, was beiden Spaß macht oder Freude bereitet. Einander Zeit für Leichtigkeit und Unbeschwertheit schenken, mal wieder zusammen albern sein.“ Komplimente, Respekt und Wertschätzung sollte man nie aus den Augen verlieren: „Und sich fragen, was man am anderen mag, was so bleiben kann. Was kann ich akzeptieren, was möchte ich lieber ändern?“

Der Valentinstag kann für Paare hilfreich sein, alte Verliebtheit wieder zu beleben, aber auch die Hölle: „Für viele ist das superschön, der helle Wahnsinn, bei anderen führen zu hohe Erwartungen zu Krächen, und Konflikte kommen hoch. Das ist ganz ähnlich wie an Weihnachten. Wenn der Mann keinen Bock hat, ausgerechnet an diesem Tag Blumen zu schenken, hört die Frau auf ihrem Beziehungsohr: ,Er liebt mich nicht’. Wenn er mich lieben würde, würde er mir das mit Blumen zeigen.“ Erichsens Tipp: „Über solche Erwartungen miteinander sprechen. Und das mit dem Valentinstag lieber bleiben lassen, ehe es zum Krampf wird. Blumen schenken kann man sich das ganze Jahr über.“

Beide wagen etwas füreinander

Am Ende von „Kate und Leopold“ tut sie einen mächtigen Sprung. Im wahrsten Sinne des Wortes. Um bei ihm zu bleiben, über die Jahrhunderte hinweg, allen Widrigkeiten zum Trotz, muss Kate von der Brooklyn Bridge springen. 84 Meter bis zum Happyend. Für das auch Leopold mächtig Anlauf nimmt. Um sich den Interessen seiner erzkonservativen Familie zu widersetzen. Das genau ist das, was mich jedes Mal schluchzend zum Taschentuch greifen lässt. Sie wagt etwas für ihn, er traut sich etwas wegen ihr. Gleichberechtigter kann Liebe kaum sein. Gestern genauso wie heute.

Im Interview: Eine Knigge-Trainerin gibt Auskunft

„Über den Umgang mit Menschen“ von Freiherr Adolph Franz Friedrich Knigge erschien erstmals 1788. Bis heute setzt der Ratgeber Maßstäbe in punkto Stil und Etikette. Wir sprachen mit Corinna Schüngel (35), die sich 2013 in Essen als Knigge-Trainerin mit IHK-Zertifikat selbstständig machte. Ein Gespräch darüber, wie gute Manieren bei der Partnersuche helfen können.

Frau Schüngel – braucht man Stil und Etikette in allen Lebenslagen?

Corinna Schüngel: Ich bin der festen Überzeugung, dass das so ist. Es ist sehr hilfreich, im privaten Umfeld ebenso wie im geschäftlichen.

Auch wenn ich als Mann oder Frau jemand sehe, der mir sehr gut gefällt und ich sie oder ihn kennenlernen möchte?

Auf jeden Fall. Das ist im Grunde ja eine klassische Situation, in der man sich einem Menschen vorstellt und einen möglichst guten Eindruck machen möchte.

Wie fange ich das an? Etwa wenn ich in einer Bar einen tollen Typ sehe?

Spontan sein. Einfach Hingehen, ansprechen und versuchen, Spaß zu haben. Dafür gibt es keine stets wirksamen Tipps und Tricks, man kann das nicht bis ins kleinste Detail planen. Man kann lediglich die Chancen und Risiken abwägen und den Nervenkitzel ausprobieren. Vieles läuft ja auch schon vorher über nonverbale Signale wie Blickkontakt.

Wie kann ich den anderen für mich einnehmen?

Es ist unheimlich wichtig, ehrlich zu bleiben. Das gilt übrigens auch fürs Kennenlernen über Online-Portale. Auch hier unbedingt bei der Wahrheit bleiben. Wer behauptet, er sei ein total sportlicher Typ und sich hinterher als echte Couch-Potato herausstellt, wird damit nicht auf Begeisterung stoßen. Man sollte versuchen, für den anderen interessant zu sein – aber um Gottes willen nicht gleich seine ganze Lebensgeschichte erzählen. Da denkt das Gegenüber: „Der interessiert sich ja gar nicht für mich!“ Lieber offene Fragen stellen, als solche, auf die nur ein einsilbiges „Ja“ oder „Nein“ als Antwort möglich ist.

Was ist sonst noch ein „No go“?

Ständig aufs Handy schauen oder sogar telefonieren. Auch das wirkt desinteressiert. Was man auch vermeiden sollte: prahlen oder protzen. Jemand, der stolz seine Rolex präsentiert, ganz zufällig den Porscheschlüssel fallen lässt oder erzählt, wie wahnsinnig erfolgreich er in seinem Job ist, erreicht damit eher das Gegenteil von dem, was er erhofft.

Darf ich auch als Frau einen Mann auf einen Drink einladen…

Prinzipiell schon. Aber manche Männer von der alten Schule tun sich damit immer noch schwer.

… oder als Mann einer Frau die Tür aufhalten oder in den Mantel helfen?

Ich behaupte, dass das den meisten Frauen schon gefällt. Aber es ist auch hier eine Typfrage. Wenn sie das nicht mag, ist der Mann nicht der richtige.

Und wie sieht es mit Komplimenten aus?

Sind grundsätzlich gut, aber auch hier bitte nicht zu dick auftragen. Kleine Komplimente machen ganz viel aus.

Haben Sie Tipps fürs erste Date?

Versuchen, den anderen viel zum Lachen zu bringen und ein paar Gemeinsamkeiten zu entdecken. Wenn man ins Restaurant geht, lieber etwas Leichteres wählen – schweres Essen macht träge. Und sich dann, wenn alles gut gelaufen ist, aufs nächste Date freuen.

>>> Mehr Infos: knigge.ruhr

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