Nachtruhe

Das Ehebett raubt vielen Paaren nachts den Schlaf

Unruhige Nächte: Wenn einer der Partner scharcht, kann das zu einem Riss in der Beziehung führen.

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Unruhige Nächte: Wenn einer der Partner scharcht, kann das zu einem Riss in der Beziehung führen. Foto: Fotolia

Essen.  Viele Paare könnten sich nachts besser erholen, wenn sie getrennt schliefen. Die wenigsten tun es. Warum wir das Ehebett nicht mehr brauchen.

Nachts in deutschen Ehebetten: Sie kuschelt sich an ihn, er kuschelt sich an sie, beide liegen sie in der Mitte des Bettes so nah und innig beieinander, dass dazwischen höchstens die Ritze der Matratze passt. Ach, was für ein hübsches Idyll, das in sehr vielen Beziehungen zum trügerischen Vorspiel für einen allnächtlichen Kleinkrieg werden kann, unter dem mindestens eine Person in der Beziehung zu leiden hat.

Denn es zählt zu den kaum zu beschönigenden Wahrheiten des Erwachsenenlebens: So schön so eine Kuschelei beim Einschlafen ist – irgendwann wird’s ungemütlich. Dann dreht sich der eine Partner weg, während der andere gerade dabei war, in die erste Tiefschlafphase abzudriften und sich jäh auf diesem Weg gestört fühlt. Und das ist erst der Anfang.

Der Kampf um jeden Zentimeter der Matratze

Es gibt die notorischen Bettdeckenwegzieher, denen in vielen Fällen auch nicht dadurch beizukommen ist, dass jeder seine eigene Decke für sich hat. Denn im Schlaf, da werden Mann und Frau mitunter zu Raubrittern, und zwei Decken sind im Zweifel immer besser als eine.

Es gibt auch die Territorialeroberer, in deren Traumleben offenbar Eroberungsfeldzüge in unvorstellbarem Ausmaße stattfinden. Jedenfalls erobern sie nach und nach, Zentimeter für Zentimeter, mehr Gebiet auf einer Bettseite, auf der sie eigentlich gar nichts verloren haben. Bis endlich ihr Partner mit dem Rücken zur Bettkante gedrängt wird und entweder herauszufallen droht – oder den Bettfeldherrn zurück in seine Grenzen weisen muss. Es gibt die Herumwälzer, deren Schlaf so unruhig ist, dass sie sich alle fünf Minuten von rechts nach links drehen und so für andere Menschen zu einem nachtfüllenden Entertainmentprogramm werden können, sie aber niemals zur Ruhe kommen lassen.

Hasserfüllte Blicke beim Frühstück

Und dabei sind wir ja noch nicht einmal bei jenen angelangt, die mitten in der Nacht beginnen, vor sich hin zu reden, die mit den Zähnen knirschen oder – wohl am verbreitesten – laut vor sich hin schnarchen. Erst recht sind wir noch nicht bei jenen Partnern, die in Notwehr diesen Störenfried pieksen, schubsen, ihm die Nase zuhalten oder ihm ganz gemeine Knüffe versetzen.

Wer jemals schon morgens über den Rand der dampfenden Kaffeetasse von Partnerin oder Partner mit leicht hasserfülltem Blick angestarrt worden ist und sich fragte, was er denn jetzt schon wieder falsch gemacht hat, wird es verstehen.

Selbst Singles bevorzugen Ehebetten

Und wer ist schuld an dieser ganzen Misere? Es ist das Ehebett. Oder, wenn man nicht gleich bis zum Traualtar rennen möchte, auch nur das Doppelbett. Jenes Ding also, das im Normalfall in Deutschland eine Abmessung von 1,80 mal 2 Meter hat, meist mit Holzrahmen, und das sich selbst Singles gern in ihren Haushalt stellen, denn es könnte ja mal... Nun, abgesehen von möglichen nächtlichen Zärtlichkeiten unterliegt das Ehebett einer ganz eigentümlichen Psychologie. Denn wer in einer Beziehung lebt, wird in gefühlt beinahe 100 Prozent der Fälle auch im Doppelbett nächtigen. Man sollte einmal das Experiment wagen, als Pärchen unter 60 Jahren auf einer Party zu erzählen, dass man getrennt voneinander schläft: Augen werden sich weiten, Fragen werden gestellt und im Hintergrund schwingt immer mit: Ist auch alles in Ordnung?

Das Ehebett gilt irrtümlich als der Gradmesser für die Qualität einer Beziehung. Dabei beruht diese Annahme auf einer seltsam vereinfachten Sicht der Dinge: Zwei schlafen im Doppelbett – alles in Ordnung; zwei schlafen getrennt – irgendwas nicht in Ordnung. Was auf eklatante Weise die Wahrheit verhehlt: Nur, weil zwei seit Jahr und Tag im Ehebett nächtigen, heißt das nicht, dass sie sich heiß und innig lieben – oder auch nur verstehen. Bei wie vielen Paaren dreht sich jeder nachts auf seine Seite, um möglichst seine Ruhe zu haben? Und umgekehrt: Heißt denn das Ruhen in zwei einzelnen Betten automatisch, dass man sich nicht gern hat, gar das körperliche Interesse aneinander verloren hat? Hier klaffen die oberflächliche Wahrnehmung und die Möglichkeiten des Menschen, solche Distanzen zu überbrücken, weit auseinander.

Kommunikation? Zwecklos!

Als Rechtfertigung für getrenntes Schlafen gilt allenfalls das ohrenbetäubende Schnarchen eines Partners. Und selbst in diesen Fällen wird der leidende Partner immer noch als Sensibelchen beargwöhnt.

Dabei gehört die gemeinsame Nacht im Ehebett auch zu jenen Problemenzonen einer Beziehung, in denen die Kommunikation weitgehend zwecklos ist. Was nützt es denn, einen Partner wachzurütteln und ihm zu sagen, dass er schon wieder schnarcht? Er wird vermutlich schuldbewusst versuchen, wach zu bleiben bis das Gegenüber eingeschlafen ist – und fängt dann spätestens beim Abgleiten in den eigenen Schlaf wieder mit derselben Geräuschkulisse an wie zuvor. Denn, das gilt eigentlich für jedes nervige Verhalten im Schlaf: Es lässt sich nicht so einfach abstellen. Wer schläft, versündigt sich vielleicht an den Nerven des anderen, er kann aber nichts dafür. Denn in Morpheus Armen sind wir willenlos, da kann man sich noch so sehr vornehmen, sich bald mal besser zu benehmen.

Alleine schlafen Frauen ruhiger

Vor einigen Jahren nahmen Forscher der Universität Wien eine große „Paarschlaf“-Studie vor. Damals stellte man fest, dass Frauen einen viel erholsameren Schlaf finden, wenn sie dabei alleine sind. Denn sie reagieren sensibler auf die Bewegungen des Mannes. Was heißt: Vornehmlich sind es Frauen, die unter dem Schlafverhalten im Ehebett zu leiden haben. Aber eben nicht nur.

Dass es nachts bei Paaren nicht ganz harmonisch zugeht, liegt auch daran, dass die Menschen unterschiedlich sind. Dass man einander mag, heißt nicht, dass die inneren Uhren im gleichen Biorhythmus ticken. Das merkt man schon daran, dass mancher sich gern sofort aufs Ohr legt, während andere zum Einschlafen noch gern ein paar Seiten in einem Buch blättern. Was natürlich erfordert, dass das Licht so lange an bleibt, was... Nun, sie können sich den Rest denken.

Getrennt schlafen - und sich trotzdem liebhaben

Der eine schläft lieber bei offenem, der nächste bei geschlossenem Fenster. Und wie ist das mit den Paaren, bei denen der eine schon nachts um 5 Uhr aufstehen muss, um zur Arbeit zu kommen, während der andere eigentlich noch zwei Stündchen länger schlafen könnte? Vermutlich stiehlt jeder von beiden dem anderen am Beginn und am Ende der Nacht ein Stück Schlafenszeit.

Muss das denn sein? Abgesehen davon, dass das Ehebett eine Institution ist, deren Siegeszug gerade mal 200 Jahre zurückliegt, könnten viele Pärchen ein gutes Stück Lebensqualität gewinnen, wenn sie nächtens eher getrennt voneinander schliefen – egal, was die anderen sagen. Denn Liebhaben, tja, liebhaben kann man sich trotzdem.

>>> Ein paar Fakten zum Schlaf der Deutschen

Die Deutschen gelten weltweit eher als arbeitsam und pflichtbewusst – und das schlägt sich auch in ihrem Schlafverhalten nieder: Im Vergleich von 18 Ländern landeten die Deutschen laut einer OECD-Studie nur auf dem fünftletzten Platz, immerhin aber noch mit 8 Stunden und 12 Minuten Schlaf pro Nacht. Im Schnitt lagen die Schläfer in den Ländern, die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angeschlossen sind, bei 8 Stunden und 22 Minuten. Die Spitzenschläfer im internationalen Vergleich jedoch findet man in Frankreich: Sie legten im Vergleich zum Durchschnitt noch einmal 28 Minuten drauf. Und sind damit schon nahe an der Grenze, die als gesundheitsgefährdend gelten kann. Die empfohlene Schlafdauer liegt zwischen sieben und neun Stunden, wer weniger oder mehr pro Nacht schläft, erhöht sein Sterberisiko.

Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung geht davon aus, dass 7,4 Millionen Menschen unter nächtlichen Schlafstörungen leiden. Allerdings herrscht hier ein deutliches Ungleichgewicht: 60 Prozent der Frauen klagen darüber, nicht ein- oder durchschlafen zu können. Bei den Männern sind es hingegen nur 20 Prozent. Psychologische Maßnahmen zur „Schlafhygiene“, die man in jedem Schlaflabor erhält und auf den Internetseiten der Krankenkassen findet, können hier oft schon Abhilfe schaffen.

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