Vergangenheit

Ahnenforschung - Auf den Spuren der eigenen Vorfahren

Fabian Merker sucht mit Ahnenforscher Peter Schmitter in Adressbüchern in Duisburg nach Spuren. Foto: Kai Kitschenberg

Fabian Merker sucht mit Ahnenforscher Peter Schmitter in Adressbüchern in Duisburg nach Spuren. Foto: Kai Kitschenberg

Duisburg.   Sie stöbern in Sütterlin-Briefen, Fotoalben und Sterbebüchern: Ahnenforschung erlebt einen Boom, auch bei Jüngeren. Ein Blick über die Schulter:

Günter Heiligenpahl fahndet gerne nach seinen Vorfahren. In einem der uralten Weseler Kirchenbücher ist er auf eine Stelle in der Spalte der Hochzeiten gestoßen. Lumelia ten Hilligenpahl, Brünen. Claas ten Bröden. So stand es da. Keine große Sache, wäre die Eintragung nicht anno 1590 vorgenommen worden.

Der Familien-Fahnder ist schnell hinter die Geschichte dieser Geschichte gekommen: Lumelia und Claas waren frühneuzeitliche Asylanten. Die Brautleute saßen in der belagerten Festung Wesel, geflohen vor den Spaniern im Konvoi mit Schwein und Kuh und Pfarrer. Drei Jahre hat ihr Exil gedauert. „Die Weselaner waren wohl froh, als die wieder weg waren“, sagt Heiligenpahl.

Günter Heiligenpahl ist 74. Ein- oder zweimal in der Woche setzt er sich aufs Rad und fährt die 40 Kilometer vom niederrheinischen Hünxe zum Duisburger Innenhafen. Dort, im Stadtarchiv, gräbt er wie zuvor in Wesel in alten Kirchenbüchern nach den Geheimnissen seiner Familie. Vorab sei verraten: Er ist beim Graben jetzt im Jahr 1575 angekommen. Er hat den Weg der Vorfahren vom Niederrhein bis nach Duisburg-Beeck verfolgt, wo sich der Vater und sein Pferd „an die Hütte verdingt haben“. Er weiß viel über Belagerung, Krankheit, über Arm und Reich, Krieg und Frieden und auch über Seitensprünge in der Verwandtschaft: Gab es nicht den Onkel, der dem Nachbarn wie aus dem Gesicht geschnitten schien? „Ich könnte Romane schreiben“, sagt Günter Heiligenpahl.

Viele könnten das. Es gibt einen Boom in Deutschland. Geschätzt zwischen 100 000 und 200 000 Menschen, zunehmend Jüngere, wollen alles über Opa und Urgroßoma und selbst die Seitenlinien im 18. Jahrhundert wissen. Rund 25 000 sind in genealogischen Vereinen organisiert.

Die Zahl der Anfragen steigt

Der größte, der 1989 in Dortmund gegründete Verein für Computergenealogie, hat 3300 Mitglieder. „Die Zahl der Anfragen steigt“, sagt auch Andreas Pilger. 1800 sind es zuletzt pro Jahr gewesen. Pilger ist Leiter des Duisburger Archivs. „Wir haben Stammkunden, die kommen jede Woche“.

Das Internet ist ein Treiber der Entwicklung. Es hat Recherche in Sachen Stammbaum mit einem Schlag scheinbar leicht gemacht. Immer gehen dort neue Türen auf. Doch vor allem hat die Politik nachgeholfen durch die Übertragungen der älteren Personenstandsregister an die kommunalen Archive 2009. Seither sind sie für alle einsehbar, nicht nur für die, die in gerader Linie abstammen: Die Geburtsregister, wenn sie älter als 110 Jahre sind, die Heiratsregister (mindestens 80 Jahre) und die älter als 30 Jahre alten Sterberegister. Wer tiefer eintauchen will, kann sich – Beispiel Duisburg – der 81 Kirchenbücher bedienen. Sie sind für das, was vor 1874 passierte, oft die einzige Quelle.

Ein Unfalltod? Eher unwahrscheinlich

Internet-Portale haben das Feld längst entdeckt. Die beiden wohl größten, ancestry.de und das von Mormonen organisierte family­search.org, werden kommerziell betrieben und sind kostenpflichtig, gewähren aber Zugriff auf einen teils weltweiten Datenschatz. Pilger und seine Duisburger Mitarbeiterin Monika Nickel warnen aber auch: Bloßes Netz-Stöbern ohne Begleitung bringt wenig. „Durch Googeln Verwandtschaftsbeziehungen zusammenzubasteln, trägt nicht immer“.

Fabian Merker (23) aus Voerde hat sich versierte Unterstützung geholt: Mit Peter Schmitter (72), der bei der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde die Bezirksgruppe Duisburg leitet, durchforstetet er im Duisburger Stadtarchiv Adressbücher, Sterberegister, Zeitungen. „Ich wollte herausfinden, wer meine Vorfahren sind“, so Merker. Erste traurige Entdeckung: Seine Ururgroßmutter wurde 1944 in Polen in einer psychiatrischen Einrichtung Opfer der Euthanasie.

Duisburgs Stadtarchiv gibt Kurse

Duisburgs Stadtarchiv gibt über die Volkshochschule Kurse in Genealogie, Einführung in die Sütterlinschrift und den Ratschlag, systematisch vorzugehen: „Die, die den Kaltstart machen, sollten erst in der eigenen Familie fragen. Es gibt dort ältere Mitglieder und Stammbücher. Die Suche beginnt über die Eltern. Wann haben sie geheiratet?“ Wer im Lesesaal weiterforscht, darf mit der Hilfe der Experten rechnen.

Die Archive haben weitere Quellen: Steuer- und Industrieakten, Gastwirtschafts-Konzessionen, Friedhofslisten, Volkszählungs-Unterlagen. Das ermöglicht tiefere Erkenntnisse. Anderswo sind Scheidungen dokumentiert oder „dass Oma sich damals umgebracht hat“. Individuelle Ereignisse der Nazizeit konnten aufgearbeitet werden. Aus einer Sterbebeurkundung von 1938 geht hervor, dass ein jüdischer Kaufmann durch „Sturz auf den Bordstein“ starb. Aber: Es war die Pogromnacht. Es gab Auseinandersetzungen, Angriffe, Überfälle. Ein Unfalltod? Eher unwahrscheinlich.

Monika Nickel kennt aber auch die Grenzen der privaten Familien-Ermittlungen. „Über die Kirchenbücher kann man bis ins 17. Jahrhundert zurückgehen“, sagt sie, „dahinter wird es dünn, es sei denn, eine adlige Familie ist im Spiel“. Oder der Vorfahre war Bürgermeister. „Da gibt es Post und Urkunden bis 1129. Aber das ist eher Stadtgeschichte“.

>> SUCHSTELLE FÜR ANGEHÖRIGE VERSCHOLLENER SOLDATEN

70 Jahre hatte die Familie H. aus Mönchengladbach nichts von Ernst Ludwig gehört. Das letzte Lebenszeichen stammte aus Cottbus, März 1945, als die Rote Armee Berlin einkesselte. Im Mai 2015 wandte sich H’.s Sohn an die Deutsche Dienststelle WASt in Berlin, bat um Klärung, was mit dem 39-jährigen Wehrmachtssoldaten am Kriegsende passiert ist.

Kurz darauf die Rückmeldung: Der Vater ist bei Halbe südlich der Hauptstadt umgekommen – dem Schauplatz der letzten großen Schlacht des Krieges, die noch einmal 60 000 Menschen das Leben gekostet hatte.

1,1 Millionen verschollene deutsche Soldaten

Die Ungewissheit über das Schicksal ihrer Kriegstoten zu durchbrechen, ist für ganz viele Familien wichtig. Denn von immer noch 1,1 Millionen deutschen Soldaten ist unklar, wie und wo sie in den Wirren umgekommen sind. War es in den letzten Kämpfen? Auf dem Rückzug? Vielleicht weit nach 1945 in sowjetischer Gefangenschaft?

Im einem Backsteinbau im Berliner Stadtteil Reinickendorf, einer früheren Fabrikhalle, arbeiten die 247 Mitarbeiter der WASt. In den langen Archivgängen lagern 18 Millionen Karteikarten deutscher Soldaten und alleine 15 Millionen Meldungen über deutsche Kriegsgefangene. Meist auf braunem Karton sind Namen, persönliche Daten, Truppenteile, Lazarettbehandlung, Verletzungen und die letzte Nachricht dokumentiert. 900 000 Grabmeldungen aus dem Ersten Weltkrieg liegen in Panzerschränken.

Die Behörde konnte Schicksale in Millionenhöhe klären. Pro Jahr, sagt Wolfgang Remmers von der WASt, sind es – bei 40 000 Anfragen – heute immer noch 600. WASt-Chef Hans-Hermann Söchtig kennt aufgrund vieler Reaktionen die Wirkung auf die Familien: „Wir können den Toten ihre Namen wiedergeben“.

Der Sohn hat nun Klarheit

Die H.’s wissen jetzt, was mit dem Vater ist. Der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge hatte, nur Monate vor der Anfrage bei der WASt, bei einer Umbettung von zehn Gebeinen Gefallener 2014 die Erkennungsmarke von Ernst Ludwig H. und den Ehering gefunden. Die Dienstelle identifizierte ihn. Der Sohn in Mönchengladbach hat nun nicht nur Klarheit. Er hat auch Ring und Marke, die letzten Andenken. Er hat sich herzlich bedankt.

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