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Götz Werner: „Revolutionäre Ideen sind wie ein Schwelbrand“

dm-Gründer Götz Werner vor einer Stuttgarter Filiale. „Wenn wir etwas wertschätzen, dann machen die Menschen den Job gerne“.

Foto: Sebastian Berger

dm-Gründer Götz Werner vor einer Stuttgarter Filiale. „Wenn wir etwas wertschätzen, dann machen die Menschen den Job gerne“. Foto: Sebastian Berger

Stuttgart  Der Gründer der Drogeriemarktkette dm Götz Werner spricht über seine Vision, über Schnäppchenkäufe bei der Konkurrenz und Alnatura.

Götz Werner kommt mit dem Elektrofahrrad zum Gespräch in einem Hotel in der Stuttgarter Innenstadt. Einen weiten Weg hat er nicht. Seit zehn Jahren lebt der Gründer der Drogeriemarktkette dm in der baden-württembergischen Landeshauptstadt am schön gelegenen Killesberg. Ein Büro in der Karlsruher dm-Zentrale hat er nicht mehr. Das soll jedoch nicht über seinen fortwährenden Einfluss bei dm hinwegtäuschen.

Herr Werner, dm hat zuletzt mit einer sehr speziellen Einkaufsstrategie Schlagzeilen gemacht: dm-Mitarbeiter werden auf Einkaufstour zur Konkurrenz geschickt. Die günstig erstandenen Produkte stellen sie anschließend in die Regale von dm.

Götz Werner: Das ist doch ein alter Hut im Handel. Jeder kauft seine Waren dort, wo sie am günstigsten sind, das ist doch nur naheliegend.

Sie haben als dm-Chef auch schon Mitarbeiter auf Schnäppchenjagd geschickt?

Werner: Wenn andere Händler Ware zu günstigeren Konditionen verkaufen als wir sie bei der Industrie beziehen können, dann kaufen wir dort.

Das Thema scheint Sie zu amüsieren …

Werner: Nein, ich verstehe nur die Aufregung nicht. Als ich noch Geschäftsführer bei dm war, hat Schlecker Babynahrung unter dem uns angebotenen Einkaufspreis verkauft. Permanent. Fragen Sie mich nicht warum. Was bleibt einem anderes übrig, als die Ware dort zu kaufen, wo sie am günstigsten ist? Das macht der ganze Handel so.

Vor einigen Wochen teilte eine dm-Mitarbeiterin auf Facebook mit, sie schäme sich für einen Großeinkauf bei Rossmann. Rossmann-Mitarbeiter hatten sie an der Kasse gestoppt. Ist das wirklich die richtige Herangehensweise?

Werner: Unsere Kollegin und die Mitarbeiterin beim Mitbewerber haben wahrscheinlich überreagiert. Das ist bedauerlich, aber bei mehr als 1.800 dm-Märkten und 39.000 Kolleginnen und Kollegen kann das schon mal passieren. Ich würde das nicht zu wichtig nehmen.

Sie haben sich mit dem Chef von Alnatura, Götz Rehn, überworfen und dessen Bioprodukte aus den dm-Märkten entfernt. Wie läuft denn ihre eigene Biomarke?

Werner: Unsere Biomarke entwickelt sich sehr gut. Alnatura ist im Schoß von dm entstanden. Unsere Kunden haben die Produkte als Eigenmarke wahrgenommen. Jetzt haben wir unser Biosortiment mit unserer und weiteren Biomarken professionalisiert.

Derzeit kämpfen Sie vor Gericht um die Markenrechte an Alnatura – warum?

Werner: Alnatura ist beliebt geworden, weil die Produkte über dm verkauft wurden. Götz Rehn, Wolfgang Gutberlet (Gründer der Supermarktkette tegut, Anm. der Red.) und ich haben in den 1980er Jahren die Marke gemeinsam entwickelt. So ist unserer Überzeugung nach eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) entstanden, der die Rechte an Alnatura zustehen. Götz Rehn interpretiert die Ereignisse rückblickend anders. Dass er die Geschichte anders sieht und uns den Vertrag fristlos gekündigt hat, ist für mich ein großer Vertrauensbruch. Wir waren gezwungen, eiligst eine eigene Biomarke aufzubauen.

Rehn sagt, dm plante bereits die Biomarke. Vielleicht um höhere Margen zu erzielen?

Werner: Es geht nicht um die Marge. Wir haben jetzt eigene hohe Aufwendungen für die Etablierung und Weiterentwicklung unserer Marke. dm-Bio haben wir entwickelt, weil Götz Rehn uns den Vertrag fristlos gekündigt hat. Er wollte sich von dem Vertrag lösen, weil dieser uns einen Alleinvertretungsanspruch zubilligt. Mich hat sein Vorgehen sehr überrascht. Götz Rehn hätte uns von heute auf morgen nicht mehr beliefern können.

Was passiert, wenn Sie gewinnen?

Werner: Das sehen wir dann. Die Gesellschaft hat die Rechte an Alnatura. Sie entscheidet.

Wie stehen Sie heute zu Götz Rehn?

Werner: Früher war er mein bester Freund, heute ist und bleibt er mein Schwager. Es bleibt das Gefühl großer Enttäuschung.

Gibt es die Chance auf ein Zurück?

Werner: Danach sieht es nicht aus. Unsere Kunden entscheiden, welche Produkte wir anbieten. Und es ist doch so: Alnatura ist kein Produzent, sondern ein Zwischenhändler. Das, was wir heute unter dem Namen dm-Bio anbieten, sind die gleichen oder bessere Produkte. Es gibt in Deutschland wenige Hersteller für diese Öko-Produkte. Für die Produzenten hat sich die Situation sogar gebessert, weil sie nun zwei Abnehmer haben und nicht mehr allein von einem abhängig sind. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht.

Sie haben Ihre Unternehmensanteile an eine gemeinnützige Stiftung übertragen. Ihre sieben Kinder gehen leer aus. Hat das für Ärger im Hause Werner gesorgt?

Werner: Hätte ich das Unternehmen von meinem Großvater geerbt, dann hätte ich das wahrscheinlich nicht gemacht. Aber ich habe es selbst aufgebaut. dm ist kein Familienunternehmen, das an die nächste Generation gereicht wird. Meine Kinder haben die Chance, sich selbst zu beweisen. Es ist nicht schlecht, auf den eigenen Füßen stehen zu müssen.

Welchen Zweck verfolgt die Stiftung?

Werner: Der Zweck ist recht weit gefasst. Wir unterstützen pädagogische, geisteswissenschaftliche und medizinische Initiativen.

Warum fordern Sie als Unternehmer ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Werner: Auf uns kommen enorme Umwälzungen zu. Denken Sie an die E-Mobilität. Ein Verbrennungsmotor hat 450 Teile und muss ständig gewartet werden. Ein E-Motor hat 40 Teile und muss kaum gewartet werden. Zwangsläufig hat das Einfluss auf Arbeitsplätze.

Viele Menschen fühlen sich abgehängt. Wäre dies mit dem Grundeinkommen anders?

Werner: Wenn Menschen weniger Zukunftssorgen haben, dann lassen sie sich nicht von Politikern mit leichten Lösungen verführen.

Gäbe es das Grundeinkommen, würden Ihnen dann nicht die Kassiererinnen und Putzfrauen weglaufen?

Werner: Ich sage: „Gott sei Dank.“ Dann arbeiten bei uns nur noch Kolleginnen und Kollegen, die das tun, weil sie es wollen, nicht weil sie es müssen. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau hat gesagt: „Freiheit ist nicht, tun zu können, was man will, sondern nicht tun zu müssen, was man soll.“

Meinen Sie wirklich, es gibt ausreichend Freiwillige, die bei dm putzen wollen?

Werner: Es geht doch um die Frage der Sinnstiftung, um intrinsische Motivation, um Wertschätzung. Es geht nicht darum, ob die Arbeit angenehm ist, sondern ob sie wertgeschätzt wird. Wenn wir dies als Gesellschaft tun, machen die Menschen den Job gerne, und wir sind bereit, ihn angemessen zu bezahlen. Zudem müssen Unternehmen in der Lage sein, die Aufgaben so zu stellen, dass Arbeitnehmer einen Sinn darin sehen. Wenn beides nicht greift, haben sie noch die Möglichkeit, es selbst zu machen oder eine Maschine einzusetzen.

Wann wird das Grundeinkommen Wirklichkeit werden?

Werner: Revolutionäre Ideen arbeiten wie ein Schwelbrand. Wann das Feuer ausbricht, kann man nicht sagen. Schließlich konnte auch niemand ernsthaft vorhersagen, wann die Mauer fallen würde.

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