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Wittener Forscher schreiben Handbuch für Altenheime

Vom Altenheim in die Klinik. Bei dementen Patienten kann ein Krankenhausaufenthalt den Gesundheitszustand eines Patienten verschlechtern, hat eine Studie der Uni Witten/Herdecke gezeigt.

Foto: Ines Baier/dpa

Vom Altenheim in die Klinik. Bei dementen Patienten kann ein Krankenhausaufenthalt den Gesundheitszustand eines Patienten verschlechtern, hat eine Studie der Uni Witten/Herdecke gezeigt. Foto: Ines Baier/dpa

Witten.   Weniger Klinikaufenthalte sind mehr, betonen Wittener Forscher, wenn es um Menschen aus Senioreneinrichtungen geht. Ein Handbuch gibt Tipps.

Weniger ist oft mehr. Dies gilt auch für Klinikaufenthalte von alten Menschen, wie eine Studie der Universität Witten/Herdecke gezeigt hat. „Denn diese sind häufig sehr risikoreich“, betont Prof. Christel Bienstein, Leiterin des Departments für Pflegewissenschaft an der Uni. Vor allem bei Menschen mit Demenz könne sich deren Allgemeinzustand nach einer Einweisung in ein Krankenhaus deutlich verschlechtern, so Bienstein.

Am zweijährigen Projekt, das sie mit der Wittener Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Sabine Bohnet-Joschko und sechs weiteren Pflegewissenschaftlern und Ökonomen durchführte, haben sich vier Alten- und Pflegeeinrichtungen aus NRW beteiligt. Neben einer Duisburger machte eine niederrheinische Einrichtung mit, außerdem die Wohnanlage „Sophienhof“ in Niederzier (Kreis Düren) sowie die Wittener „Feierabendhäuser“ der Diakonie Ruhr – welche gut abschnitten.

Hintergrund: In rund 90 Prozent der Fälle seien Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen heute 80 Jahre und älter. Mehr als jeder Zweite sei dement, erklärt Christel Bienstein. Es handele sich um Menschen mit einem hohen Pflege- und Betreuungsbedarf. Viele Krankenhäuser seien aber nur unzureichend auf solche Patienten vorbereitet, die etwa nach einem Sturz zu ihnen kommen würden. Bienstein: „Das sind ja Leute, die alt sind, sich eventuell nicht richtig äußern können, vielleicht verwirrt sind.“ Dies könne in der Klinik dann zu weiteren Problemen führen. „Etwa, dass sich alte Menschen Infektionen zuziehen oder zu wenig trinken.“ Bei Dementen könne auch die ungewohnte Umgebung zu einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes führen.

Viele Klinikaufenthalte könnten vermieden werden

Mit welchen Erkrankungen werden Menschen ins Krankenhaus eingewiesen? Was passiert dann? Mit welchen Folgen kommen die Bewohner in die Alteneinrichtungen zurück? Diesen Fragen ging das Team um Prof. Christel Bienstein und Prof. Sabine Bohnet-Joschko in den vier Senioreneinrichtungen nach. Heraus kam: Viele Klinikaufenthalte könnten vermieden werden. Was zusätzlich noch Geld spart.

Ganz wichtig sei, so Bienstein, dass die Senioreneinrichtungen über den Gesundheitszustand ihrer Bewohner gut informiert seien. „Das muss abgefragt werden, schon wenn die Menschen in die Häuser kommen. Man muss dort zum Beispiel nicht nur wissen, ob jemand Herzprobleme hat oder Diabetes, sondern auch, wie oft jemand damit schon im Krankenhaus war, welche Erfahrungen er dort machte und so weiter.“ Dass dies von Altenheimen erhoben würde, sei aber leider eher die Ausnahme.

„Für Ärzte geht es um Macht“

Während des zweijährigen Projektes konnten sich die teilnehmenden Häuser untereinander austauschen, über gute Erfahrungen berichten, um voneinander zu lernen. Aus der Studie ist ein Handbuch der Wittener Wissenschaftler entstanden. Titel: „Weniger Krankenhaus - mehr Lebensqualität“. Es soll anderen Alteneinrichtungen helfen, die empfohlenen Maßnahmen umzusetzen, um die Versorgungsqualität für die Bewohner weiter zu verbessern – und die Zahl von Klinikeinweisungen zu reduzieren. Christel Bienstein: „Dieses Handbuch ist auf seine Praxistauglichkeit hin getestet worden!“

Sie betont, dass Pflegekräfte in Seniorenheimen gute medizinische Kenntnisse benötigten. „Denn sie kümmern sich um schwerkranke Menschen.“ Daher hofft die Wissenschaftlerin, dass es endlich zu einer Reform der Pflegeausbildung kommt. „Aber für die Ärzte geht es um Macht. Sie möchten, dass alles so bleibt. Pflegekräfte sollen nicht so viel wissen.“

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