Industriegeschichte

Osterspaziergang eröffnet Museums-Saison in Eisenheim

Ingo Dämgen, Gästeführer, eröffnete die Saison mit einer Führung durch die älteste Arbeitersiedlung des Reviers, die Siedlung Eisenheim in Osterfeld. Zahlreiche Besucher nahmen das Angebot wahr.

Foto: Tom Thöne

Ingo Dämgen, Gästeführer, eröffnete die Saison mit einer Führung durch die älteste Arbeitersiedlung des Reviers, die Siedlung Eisenheim in Osterfeld. Zahlreiche Besucher nahmen das Angebot wahr. Foto: Tom Thöne

oberhausen.   Stadtführer Ingo Dämgen vermittelt den Besuchern am Sonntag jede Menge Wissenswertes und lockert die Führung mit allerlei Anekdoten auf.

Eisenheim, die älteste Arbeitersiedlung des Ruhrgebiets, zieht immer wieder Interessierte in ihre stillen Straßen und Wege. Am Sonntag war Saison-Eröffnung der dortigen Außenstelle des Rheinischen Indus­triemuseums. Aus diesem Anlass begleiteten beim Osterspaziergang rund 30 Besucher Gästeführer Ingo Dämgen durch die Siedlung.

Pro Wohnung nur 43 Quadratmeter

Der anderthalbstündige Rundgang begann am Sitz des Museums an der Berliner Straße. „Die ersten Arbeiter der Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen (JHH), der späteren Gutehoffnungshütte, kamen ja noch vom Niederrhein und aus dem Münsterland und waren Saisonarbeiter, die eigentlich in der Landwirtschaft zu Hause waren“, erklärte Dämgen. Um sie dauerhaft an die Hütte und das Schienenwalzwerk auf dem heutigen Centro-Gelände zu binden, entstanden 1846 die ersten Meisterhäuser an Sterkrader und Wesselkampstraße. Erstere sind nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen worden. Ihr Kennzeichen war, dass sie „Rücken an Rücken“ lagen. Ingo Dämgen: „Jeder hatte das Gefühl, in einem Reiheneigenheim zu wohnen.“

Wie groß die Gärten sein sollten, aus deren Erträgen sich die Bewohner selbst mit versorgten, machte der Weg hinüber zur Eisenheimer Straße deutlich. Dort steht jener Haustyp, der in der Siedlung dominiert: Arbeiterhäuser mit vier Wohnungen, jede von ihnen über zwei Etagen, der sogenannte Kreuz-Grundriss-Typ. Die meisten davon entstanden übrigens erst um die Jahrhundertwende. „Die ersten Häuser dieses Typs hatten pro Wohnung nur 43 Quadratmeter Wohnfläche. Deshalb scheiterte der Plan, sie an die Arbeiter zu verkaufen, weil sie nach den gesetzlichen Vorschriften dafür zu klein waren“, erläuterte Dämgen.

An der Werrastraße ging es zum ehemaligen Sitz der örtlichen Sektion des Werkbundes. Zur Sprache kamen hier der Kampf um den Erhalt der Siedlung, die Arbeiterinitiative, die sich gegen den Abriss stemmte, die Rolle von Professor Roland Günter dabei und die Eintragung der Siedlung in die Denkmalliste 1972. Heute hat der Kulturverein Eisenheim dort seinen Sitz.

Direkt nebenan, zeigte der Gästeführer, steht noch ein Gebäude des ältesten Häusertyps mit gemeinsamem Treppenhaus für die Wohnungen. „Dieser Häusertyp hat sein Vorbild in Offizierswohnungen von Kasernen, hat sich hier aber nicht bewährt“, hörten die Spaziergänger.

Nach einem Abstecher zur ehemaligen Brotfabrik, dem späteren Jazzschuppen, den heute ein Händler von rustikalen russischen Motorrädern nutzt, ging es hinauf zur Wesselkamp­straße. Ingo Dämgen nannte sie die „Straße des experimentierenden Hausbaus“. Nicht nur, weil hier noch Meisterhäuser aus den Anfangsjahren der Siedlung stehen, sondern auch von 1872 das erste Haus mit Kreuzgrundriss und das im Bauhaus-Stil errichtete Atelierhaus von Günter, gleich unterhalb der früheren Werkbahntrasse.

„Neu gebaut wurde ja immer, wenn die Konjunktur ansprang und mehr Ar­beitskräfte gebraucht wurden“, sagte Dämgen. Da sich der Aufschwung nach dem deutsch-französischen Krieg von 1871 als Strohfeuer erwiesen hatte, sei nur ein einziges Haus entstanden.

Eine halbe Stunde Fußweg entfernt

Zurück an der Berliner Straße, gab es einen Besuch in einem zum Museum hergerichteten Arbeiterhaus und ei­nen Gang durchs kleine Museumsgebäude. Es beherbergt ein Modell von Eisenhütte und Schienenwalzwerk, wie sie eine halbe Stunde Fußweg entfernt lagen.

„Ich wollte mehr über meine neue Heimat erfahren“, sagte eine Teilnehmerin. Ihre Erwartung hatte sich erfüllt. Sie lebt erst seit sechs Jahren in Oberhausen, stammt aus dem Hannoverschen. Ein Ehepaar aus Schmachtendorf hielt die Führung für sehr empfehlenswert. „Sehr unterhaltsam, keinen Moment langweilig“, sagten die Eheleute.

Damit spielten sie vor allem auf die zahlreichen Anekdoten und Zitate an, mit denen Dämgen den Rundgang auflockerte, etwa die Erinnerung an „Oma Eisenheim“, deren Sonntagsbraten einst die Enkelkinder anlockte, oder der Bericht von den zahlreichen Taubenschlägen der Bergleute.

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