Chancengleichheit

Katja Urbatsch spricht über die Angst vor dem Studium

Katja Urbatsch sprach beim Talent-Talk an der HRW über die Hürden für angehende Studenten aus Nichtakademikerfamilien.

Foto: Daniel Elke

Katja Urbatsch sprach beim Talent-Talk an der HRW über die Hürden für angehende Studenten aus Nichtakademikerfamilien. Foto: Daniel Elke

Duisburg.   Katja Urbatsch, Gründerin von Arbeiterkind.de, sprach beim Mülheimer HRW-Talent-Talk über Hürden für Kinder aus Nichtakademikerfamilien.

Wie bei so vielen Themen, so gibt es auch bei der Frage, ob Bildungsaufstiege möglich sind, eine theoretische und eine emotionale Ebene. Rational, so könnte man sagen, sei es kein Problem, ein Studium zu bewältigen, selbst wenn man aus einem Nichtakademikerhaushalt stamme, denn die Leistungen stimmen ja schließlich. Das Abiturzeugnis ist der beste Beleg. Das weiß auch Katja Urbatsch. Es gebe aber Hemmnisse und Hürden auf der psychologischen Ebene. Zweifel, die vor Jahren durch einen dummen Spruch eines Lehrers („Das schaffst du doch nicht“) oder der Eltern gesät wurden, dem man damals vielleicht keine Beachtung geschenkt oder mit einer forschen Bemerkung begegnet sei, können sich aber doch festgesetzten. In Krisensituationen melden sie sich dann immer wieder wie ein Teufelchen und lähmen.

Das Milieu ist prägend

Das geht der 38-Jährigen noch heute so – trotz eines erfolgreich abgeschlossenen Studiums in Nordamerikastudien und BWL, inklusive Auslandsjahr samt Stipendium. Ihr Ziel bleibt eine Promotion – doch auf dem Weg kam ihr erst einmal ein Kind dazwischen. Ein ganz Besonderes: Die Organisation Arbeiterkind.de, die sie 2008 als Seite mit hilfreichen Hinweisen und Adressen fürs Internet konzipierte, sich aber zu einem Mentoren-Programm weiterentwickelte, mit derzeit und 6000 Ehrenamtlichen in 75 lokalen Gruppen mit regelmäßigen Treffen, Sprechstunden und individuellen Angeboten. 2011 folgte ihr Buch „Ausgebremst: Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt“.

Beim Talent-Talk an der Hochschule Ruhr-West räumte Urbatsch ein, dass der Name auch ein Stück weit Provokation sei, aber auch Ausdruck einer Verlegenheit, die Zielgruppe auf den Punkt zu bringen. Mit dieser Dynamik habe sie vor neun Jahren nicht gerechnet. Es sei eher eine Metapher, die für einen größeren Kreis stehe, aber offenbar sehr starke emotionale Reaktionen hervorrufe. Es gehe um alle, die in einer Familie die ersten an einer Hochschule seien. Ein kurzes Stimmungsbild unter den über 50 Zuhörern zeigt , dass viele diese mentalen Hürden aus Erfahrung kennen, das Gefühl haben, trotz guter Noten, nicht mithalten zu können und alte Schlüsselsätze im Kopf haben.

Ermutigen, auch mal ein Risiko einzugehen

Laut der aktuellen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks nehmen von 100 Akademikerkindern 77 ein Studium auf. Dagegen studieren von 100 Nicht-Akademikerkindern bloß 23, obwohl doppelt so viele die Hochschulreife erreichen. Verschenkte Talente. Die Studenten der HRW werden bei der Einschreibung auch nach ihrem familiären Hintergrund befragt. Nur bei gut einem Drittel der Studenten hat mindestens ein Elternteil einen Studienabschluss, was in dieser Region nicht verwunderlich ist.

Das Milieu ist prägend für eine Haltung, die dann prägend für eine Biografie wird. „Bleib auf dem Teppich“, „lieber etwas Handfestes machen“ sind Beispiele für Sprüche, die ein Sicherheitsstreben widerspiegeln, dass in den Familien ohne Hochschulerfahrung verbreitet ist. Auch wenn die Eltern für ihre Kinder sich das Beste wünschen, hemmen sie deren Entscheidungen durch solche Zweifel. Was fehlt, ist die Ermutigung, auch mal ein Risiko einzugehen. Für die Talent-Scouts an der HRW sind daher auch Gespräche mit Eltern ganz wichtig, sie zu erreichen aber schwierig.

Bafög-Anträge sind kompliziert

Die Angst vor dem Scheitern der Kinder und dann auch noch durch Bafög-Zahlungen Schulden zu machen, ohne einen sicheren Anschluss in der Hand zu haben, ist weit verbreitet. Die Peinlichkeit, wenn es schief gehen sollte, möchten sich viele ersparen. Bei Mädchen seien die Hemmnisse noch einmal höher. Wer in einem akademischen Umfeld aufwächst, kann sich besser auf das, was ihn am Campus erwartet vorbereiten, fühlt sich weniger fremd und findet in Krisensituationen auch schneller Rat und Hilfe – bei den Eltern, in deren Bekanntenkreis oder im eigenen Freundeskreis. „Wir brauchen jemand, der uns sagt, hey, das sieht gut aus – mach das“, so Urbatsch.

Auch Prominente können Vorbild sein

Die finanzielle Komponente kommt dazu. Bafög-Anträge sind kompliziert und schwer verständlich. „Wären die Kinder von Juristen auf Bafög angewiesen, wäre das sicher anders“, ist sich Urbatsch sicher. Auch die Zeit bis zur ersten Auszahlung (manchmal sind es Monate) muss überbrückt werden, gleichzeitig aber Kaution und die Miete für die Bude gezahlt werden. Auch Prominente können ermutigen und eine Vorbildfunktion einnehmen.

Deshalb hat Arbeiterkind.de eine Kampagne gestartet und fordert diejenigen auf, die es geschafft haben, auf www.derersteanderuni.de ein kleines Video hochzuladen. Airbus-Chef Tom Enders („Was will der Schäfersohn an der Hochschule“) hat es getan, wird dabei, wie sich Katja Urbatsch freut, richtig leidenschaftlich („Es gibt keine größere Chance als ein Studium – nutzt sie“). Auch Mülheims SPD-Bundestagsabgeordneter Arno Klare erzählt seine Geschichte. „Das Gymnasium ist nichts für uns“, habe seine Mutter gesagt, in seiner Straße in Oberhausen war er dann der erste, der studierte. Sein Vater habe von seinem Studium der Philosophie und Germanistik, von dem er ihm immer wieder erzählt habe, aber nie etwas verstanden.

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