Techno Classica

Wie Frauen in Pagoden die Oldtimer-Szene aufmischen

Fachsimpeln auf der Techno Classica: (v.l.) Alexandra Süß, Geschäftsführerin des Mercedes-Benz-Museums mit den beiden Pagoden-Fahrerinnen Alexandra Lechner und Helma Sperling.

Foto: Knut Vahlensieck

Fachsimpeln auf der Techno Classica: (v.l.) Alexandra Süß, Geschäftsführerin des Mercedes-Benz-Museums mit den beiden Pagoden-Fahrerinnen Alexandra Lechner und Helma Sperling. Foto: Knut Vahlensieck

Essen.   Eine Essenerin organisiert Pagoden-Ausfahren nur für Frauen. Um die Welt der alten Autos weiblicher zu machen, ist aber noch viel Umdenken nötig.

Als „Damenauto“ war sie anfangs verschrien, die 1963 von Mercedes als W 113 auf den Markt gebrachte Pagode. Nicht etwa, weil besonders viele Frauen die Wagen gefahren sind. Vielmehr bezog sich der Spott auf den Komfort der Cabrios: Mit Heizung, großem Kofferraum, weicher Federung und Servolenkung kam der Sportwagen mit allen Annehmlichkeiten der damaligen Zeit daher.

54 Jahre nach der Vorstellung der Pagode auf dem Genfer Auto-Salon ist die Oldtimerszene noch immer vor allem eines: männlich. Eine kleine Gruppe Pagoden verrückter Frauen aus Essen und Umgebung ist angetreten, diese Szene aufzumischen.

Älteste Teilnehmerin der Ausfahrten ist 80 Jahre alt

Auf der Techno Classica vertreten Alexandra Lechner und Helma Sperling mit ihren männlichen Kollegen den Mercedes-Benz SL-Club Pagode. Im Jahr 2009 hat Alexandra Lechner zum ersten Mal eine reine Frauen-Ausfahrt organisiert und nannte die Tour Girlsday. Das klingt niedlicher als die gestandenen Damen hinterm Steuer tatsächlich sind. Die älteste Teilnehmerin ist 80 Jahre alt.

Eine Schönheit auf vier Rädern

Der Mercedes Pagode ist unumstritten ein Klassiker. Der Oldtimer sieht schick aus und vermittelt ein Gefühl der erhabenen Freiheit. Helma Sperling fährt den Wagen seit zwölf Jahren und ist sehr engagiert in der Szene.

Eine Schönheit auf vier Rädern

„Als ich die Idee damals vorstellte, ging ein Raunen durch die Männerrunde“, erinnert sich Alexandra Lechner. Mittlerweile ist die Ausfahrt bekannt: Bei der nächsten Tour am 6. Mai starten rund 40 Frauen am Bahnhof Lukas in Kupferdreh. „Die Leute am Straßenrand staunen immer erst über die Autos. Dann darüber, dass da nur Frauen drin sitzen. Das ist leider immer noch ungewöhnlich“, bedauert Alexandra Lechner.

Der Kettwiger Johannes Lietz, Vorsitzender des auch für Essen zuständigen Regionalclubs Düsseldorf, kennt die Vorurteile, glaubt aber fest an die Emanzipation in der Welt der alten Autos: „Mittlerweile gibt es einen Generationenwechsel. Damit wachsen auch Akzeptanz und Miteinander.“ Zwar seien von den bundesweit 2000 Mitgliedern nur 90 weiblich. Langsam aber steigen die Zahlen.

Keine Selbstverständlichkeit

Aus Sicht von Helma Sperling, die den Regionalclub Dortmund als Vorsitzende leitet, ist es bis zur völligen Akzeptanz aber noch ein weiter Weg: „Ich wurde kürzlich von einem älteren Herren gelobt, wie schön ich mit meiner Pagode eingeparkt habe. Das war sicher nett gemeint, dennoch koche ich dann innerlich“, verrät sie. Wie Alexandra Lechner wuchs auch sie in einem autoverrückten Haushalt auf und lernte von ihren Eltern eine Menge über Herz und Seele alter Wagen. Einen Großteil der Reparaturen übernimmt Helma Sperling selbst: „Gerade das ist es ja, was die alten Autos ausmacht. Man kann vieles selbst machen.“

Alexandra Lechner schraubt zwar nicht gerne, dafür ist sie leidenschaftliche Fahrerin. 2006 erwarb sie eine Pagode von 1964 mit ihrem Mann Matthias Kahmann als gemeinsames Hochzeitsgeschenk. Bei der jetzt wieder anstehenden Oldtimerausfahrt Tour de Rü am 22. April fährt sie den Wagen mit einer Freundin als Damenteam. Dafür wird sie am Ende mit einem Pokal belohnt werden. Wie in jedem Jahr. „Natürlich freue ich mich darüber, das ist eine nette Geste. Aber das einzige was wir dafür tun müssen, ist es, Frauen zu sein. Selbstverständlich sind wir als Fahrerinnen also noch nicht.“

Bei Mercedes hat man das Potenzial von Oldtimer verliebten Frauen indes erkannt. Nicht ohne Grund steht mit Alexandra Süß eine Frau an der Spitze der Geschäftsführung des Stuttgarter Mercedes-Benz-Museums.

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