Theater-Premiere

„Umständliche Rettung“: Engel-Einsatz im Schauspiel Essen

Regisseur Thomas Ladwig zeigt das neue Stück „Umständliche Rettung" in der Casa des Schauspiel Essen.Foto. Fabian Strauch

Regisseur Thomas Ladwig zeigt das neue Stück „Umständliche Rettung" in der Casa des Schauspiel Essen.Foto. Fabian Strauch

Essen.   „Umständliche Rettung“ erzählt auf der Basis biblischer Motive von naher Apokalypse. Thomas Ladwig inszeniert Wettbewerbs-Stück zum Thema Glauben

Wer heute von Sodom und Gomorrha spricht, der denkt vielleicht nicht gleich an die große Unordnung dieser Welt, an die Verwerfungen einer kapitalistischen und wachstumsorientierten Gesellschaft. Für die Schweizer Autorin Martina Clavadetscher ist der biblische Mythos von Lots Errettung aus den untergehenden Städten Sodom und Gomorrha und seiner zu Salz erstarrten Frau allerdings Ausgangspunkt ihres Stücks „Umständliche Rettung“. Auf der Basis des Bibelmotivs erzählt sie eine neue Geschichte über göttliche Zeichen, Sehnsucht nach Erlösung und Fragen nach Gerechtigkeit.

Regisseur Thomas Ladwig, der das Gewinnerstück des „Stück auf“-Autoren-Wettbewerbs 2016 für die Casa inszeniert, hat sein Ensemble dafür weder auf Bibelfestigkeit befragt noch seinem Engel Flügel angeschnallt. Yamilia heißt das hilfreiche Wesen, ist eigentlich eine deutsche Wissenschaftlerin und alles andere als esoterisch angehaucht. Dass diese rationale Frau in Sodiriya, einer fiktiven Stadt westlich des Jordans, als Heilsbringerin in Erscheinung treten soll, ist für Yamila ebenso überraschend wie für die beiden anderen Figuren des Stücks: Da ist der nicht sonderlich tugendreiche und gute El-Arad und seine aufrechte Nachbarin Baganja, die felsenfest davon überzeugt ist, dass dieser Engel gekommen ist, um sie, die Gute, vor dem Untergang der Stadt zu bewahren. Sogar dem Untersuchungsrichter versucht Baganja ihr Recht auf Rettung im Verhör klar zu machen. Doch es kommt anders.

Poesie und Humor statt Apokalypse-Getöse

„Das Leben ist nicht immer fair. Das ist die eher bittere Botschaft des Stücks“, sagt Ladwig, der diese schwebende, wundersam-rätselhafte Geschichte nicht unmittelbar auf den Boden der aktuellen Terror-Tatsachen stellen will. In einer Zeit, wo Feuerregen und Aschestaub viele Menschen bedrohen und aus ihrer Heimat vertreiben, will „Umständliche Rettung“ vielmehr ein Nachdenken sein über uns und eine Welt im Ausnahmezustand. Und das nicht mit Apokalypse-Getöse und Götterfunken, sondern mit Poesie und Humor.

Obwohl Clavadetscher inzwischen eine zweite Stück-Fassung geschrieben hat, die sich konkreter mit der aktuellen Weltlage beschäftigt, hält sich die Essener Inszenierung an die Ursprungs-Vorlage, die 2016 beim Autoren-Wettbewerb zum Thema „Glauben“ gewann und bewusst mit Auslassungen und Assoziationsräumen arbeitet. „Der Text hat Gefühl, Humor und Momente großer poetischer Schönheit und Widerständigkeit. Sie spielt lustvoll mit der Chronologie, macht das Erzählen selbst zum Thema und schafft einen ganz eigenen Zauber“, lobte die Jury.

Und Ladwig, der sonst mit ebenso lustvollem wie souveränem Zugriff Vorlagen bearbeitet, will sich diesmal ganz in den Dienst des Textes stellen. Wir spielen den Text ungestrichen“, sagt der Essener Regisseur, der das große biblische Thema zum Kammerspiel verdichtet.

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