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Guido Reil geht zur AfD - eine Tragödie nimmt ihren Lauf

Ein Kommentar von Frank Stenglein.

Foto: WAZ FotoPool

Ein Kommentar von Frank Stenglein. Foto: WAZ FotoPool

Essen.  Der Ratsherr aus Karnap, der bei der SPD austrat, hat viele Fehler gemacht. Mit dem Beitritt zur AfD bugsiert er sich nun ins politische Abseits.

Guido Reil hat das getan, was viele schon länger erwartet haben: Er hat sich entschlossen, Mitglied der AfD zu werden. Von der Führung der Partei ist das ein raffinierter Schachzug. Mit dem Bergmann aus Karnap hofft die AfD, noch tiefer in das sozialdemokratische Kern-Klientel der Arbeiter und sozial Schwachen einzudringen als ihr das ohnehin schon gelungen ist. Bei der Landtagswahl 2017 kann das wichtig werden.

Für Reil ist das Ganze hingegen ein weiterer Schritt in Richtung Tragödie. Er hat bundesweite mediale Präsenz und Bekanntheit erworben aus dem einen Grund, dass er wichtige Probleme öffentlich ansprach. Er tat dies – und das ist entscheidend – als altgedienter Sozialdemokrat, nicht etwa als AfD’ler. Dadurch erhielt er auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise nach den Ereignissen in Köln von vielen Bürgern großen Zuspruch, der alle überraschte.

Mit einer unrealistischen Kandidatur vor die Wand gelaufen

Reil hätte auf diesem Kapital aufzubauen können und sich innerhalb der SPD in die politische Detail- und Überzeugungsarbeit stürzen können. Dafür fehlen ihm aber offenbar Fähigkeit und Neigung. Stattdessen hat er einen schweren Fehler nach dem anderen gemacht. Der erste war, auf einen Parteitag mit einer unrealistischen Kandidatur als Parteivize vor die Wand zu laufen. Der zweite war der Austritt aus der SPD. Mit beidem hat Reil den Linken in der Essener SPD, die seine Meinungen empörend fanden, einen Riesengefallen getan. Vor allem aber hat er sich selbst um einen wichtigen Teil seiner Wirkung beraubt.

Nun also der dritte und größte Fehler: der Beitritt zur AfD. Reil ging seit Monaten mit diesem Plan schwanger, hat von der AfD ganz offensichtlich auch Angebote erhalten. Die Lust auf eine gutbezahlte politische Karriere ist aber wohl weniger opportunistisch motiviert. Reil sieht tatsächlich sehr große Schnittmengen zwischen seinen eigenen Ansichten und denen der AfD, obwohl er dies vor wenigen Wochen noch abstritt. Verstehen muss man das alles nicht mehr.

Sein Schritt ist jedenfalls grundfalsch und wird ihn bei seinen bisherigen Freunden und vielen, die mit ihm sympathisierten, zu einer randständigen, ja verhassten Figur machen. Von einem Teil des Publikums, vor allem jenen am rechten Rand, wird er allerdings erneut auch Beifall bekommen.

Die mediale Präsenz als Gefahr mit Suchtpotenzial

Das Thema Beifall ist für Guido Reil mittlerweile allerdings ein äußerst heikles. Man weiß, dass nicht jeder mit medialer Dauerpräsenz umgehen kann, dass vor allem Auftritte im Fernsehen eine regelrechte Sucht zur Folge haben können. Guido Reil, das dürfte ein Teil der Erklärung für seinen Schritt sein, war die Publicity-Dosis zu gering, die ein parteiloser Ratsherr in Essen maximal zu erwarten hat.

Mit dem Beitritt zur AfD hat er es noch einmal in die Schlagzeilen geschafft und dort hofft er wohl auch bleiben zu können. Einiges spricht dafür, dass er im Essener Norden 2017 in den Landtagswahlkampf ziehen wird, wenn die AfD ihn lässt. Dort droht dann eine Schlammschlacht, denn die SPD muss nun natürlich alles tun, um sich gerade in ihren Essener Hochburgen von dem langjährigen Genossen abzusetzen.

Eine Tragödie nimmt ihren Lauf, und es könnte sein, dass sie noch lange nicht zu Ende ist.

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