Ballett

Als die Liebe zum Ballett nach Essen zurückkehrte

Als Sommer in „Cinderella“ hatte die Solistin Adele Schulte-Zurhausen (hier mit Manfred Fahrer, re.) ihren letzten Auftritt in der Spielzeit 1974/75 im Grillo Theater.

Foto: Kerstin Kokoska

Als Sommer in „Cinderella“ hatte die Solistin Adele Schulte-Zurhausen (hier mit Manfred Fahrer, re.) ihren letzten Auftritt in der Spielzeit 1974/75 im Grillo Theater. Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Solistin Adele Schulte-Zurhausen hat mit der Essener Compagnie noch die beengten Verhältnisse auf der Grillo-Bühne. Hier erinnert sie sich.

Ihr Erweckungserlebnis hatte sie als Mädchen im Grillo-Theater. Adele Schulte-Zurhausen besuchte ein Gastspiel von Béjarts „Symphonie eines einsamen Menschen“ und war hingerissen. „Das war der Zeit weit voraus. So etwas wollte ich machen“, sagt die gebürtige Bottroperin.

Für eine klassische Tanzausbildung war es bereits zu spät. Kurt Jooss, Leiter der Folkwangschule, erkannte aber ihr Talent und nahm sie auf. Nach Stationen in Wuppertal und Köln empfahl er sie auch in Essen – als Solistin für die Compagnie von Roger George.

„Das Grillo war ein Nudelbrett“

Anfang der 1960er Jahre hatte das hiesige Kulturleben noch ein anderes Format: Das städtische Theater beherbergte drei Sparten. Das Ballett spielte eine untergeordnete Rolle und wurde nicht selten zum Erfüllungsgehilfen für Oper, Operette und Schauspiel. Die Verhältnisse auf der Bühne waren beengt.

Der erste Einsatz war für Adele Schulte-Zurhausen, die zuvor am Rhein zu einem internationalen Ensemble mit 50 Tänzern gehörte, ein Schock. „Das Grillo war ein Nudelbrett. Wenn man nicht aufpasste, landete man im Orchestergraben“, erinnert sie sich. „Alle warteten auf die große neue Bühne.“ Die Eröffnung des Aalto-Theaters sollte sie in ihrer aktiven Zeit nicht mehr erleben.

Die modernen Aufführungen des ehemaligen Jooss-Tänzers George fanden „bedingt“ Anklang bei Intendant Erich Schumacher, kaum beim Publikum. Als der die Tänzerin zur Wahl eines Nachfolgers befragte, plädierte sie für den Choreographen Boris Pilato.

„Der war der Richtige für Essen. In Handlungsballetten war er großartig. So kehrte die Liebe zum Ballett wieder nach Essen zurück. Die Zuschauer kamen in Strömen. Es gab einen unglaublichen Aufschwung“, erzählt die 78-Jährige.

Als Tänzer durfte man nicht krank sein

Erfolge feierte sie immer wieder. Bei zahlreichen Gastauftritten und im eigenen Haus. „,Abbandonate’ war für mich der wertvollste künstlerische Einsatz“, meint sie rückblickend. Und der „Bolero“ mit dem umschwärmten Uwe Evers an ihrer Seite.

Am liebsten tanzte sie mit Janez Samec, der für sie nach Essen gekommen war, oder mit dem Hamburger Star Rainer Köchermann, den sie sich schon mit 16 innig als Partner wünschte.

Pilato machte es möglich, führte aber ein strenges Regiment. „Kurt Jooss, vorher Berater am Grillo-Theater, duldete er nicht neben sich. Als Tänzer durfte man nicht krank sein, dann war man unten durch. Man durfte nicht meutern“, berichtet Adele Schulte-Zurhausen. „Die künstlerischen Meinungsverschiedenheiten wurden ausgefochten.“

Zeit für ihren Sohn blieb wenig, höchstens zwischen zwei und fünf Uhr. Doch aus Liebe zu ihm blieb sie zwölf Jahre in Essen.

Sie eröffnete ihre eigene Schule in Bottrop

Neben ihrem Einsatz als Solistin hatte sie einige Jahre das Ballettstudio ihres langjährigen Kollegen Ulrich Roehm mitgeleitet, bevor sie selbst Pädagogik studierte und ihre eigene Schule in Bottrop eröffnete.

Der Abschied von der Bühne mit 35 Jahren fiel leise aus. Probleme mit dem Rücken und den Knien waren nicht der eigentliche Grund. „Ich wollte mir ein neues Standbein aufbauen. Pilato fühlte sich von mir hintergangen. Er ließ mich links liegen“, erklärt die ehemalige Tänzerin, die selbstbewusst und emanzipiert ihren Weg ging. Als Sommer in „Cinderella“ hatte sie 1975 ihren letzten Auftritt am Grillo-Theater.

Heute blüht sie in der Malerei auf

Die Zeit des Tanzens ist für sie lange vorbei, die Ballettschule an die Schwiegertochter übergeben. Heute blüht sie mit großer Freude in der Malerei auf und empfindet den Besuch des ehemaligen Ballettsaals unter dem Dach der Bühne als traurig.

„Abgehakt“, sagt sie kurz und bündig. „Der Beruf ist nicht mehr existent, so wie der Raum. Da ist kein Duft der Tänzer mehr drin. Das Leben ist nicht mehr da.“

>> SCHREIBEN SIE IHRE GRILLO-GESCHICHTE AUF

In der kommenden Spielzeit feiert das Grillo-Theater seinen 125. Geburtstag. Zum Jubiläum sind auch Theatererlebnisse der Leser gefragt. Schreiben Sie Ihre Grillo-Geschichte auf. Die schönsten Texte werden in der nächsten Saison veröffentlicht.

Texte bitte bis 31. Mai 2017 an: Schauspiel Essen, Dramaturgie, „Foyergeflüster“, II. Hagen 2, 45127 Essen, oder dramaturgie@schauspiel-essen.de

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