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Fußball und eine Kindheit im Duisburger Norden

Ralf Koss alias Kees Jaratz bei seiner Lesung in der Galerie Ruhrkunstort.

Foto: Tanja Pickartz

Ralf Koss alias Kees Jaratz bei seiner Lesung in der Galerie Ruhrkunstort. Foto: Tanja Pickartz

Ruhrort.   Ralf Koss alias Kees Jaratz, der MSV-Blogger, gab in der Galerie Ruhrkunstort Einblicke in seine Kindheit im Ruhrgebiet

Im Hinterzimmer der Galerie Ruhrkunstort an der Fabrikstraße ärgern sich die Betreiber Ralf Lüttmann und Arno Bortz über die klatschnasse Wand zum Nachbarhaus. Feststeht, es regnet hier irgendwo kräftig rein!

Da kommt eine große Portion trockener Humor gerade recht. Die hat der Journalist und Autor Ralf Koss im Gepäck, den viele Duisburger als MSV-Blogger unter dem Pseudonym Kees Jaratz kennen. Für Nicht-MSV-Fans: Kees, wie Kees Bregman – der Niederländer verteidigte in den 1970’ern für die „Zebras“. Und Jaratz setzt sich zusammen aus dem Familiennamen des einst großartigen österreichischen MSV-Spielmachers Kurt Jara und „Ennatz“, Spitzname des MSV-Idols Bernard Dietz.

„Habt ihr noch Stühle, sonst stehen wir auch zur Literatur“, fragen die letzten Gäste. Bortz gräbt noch ein paar Klappstühle aus. Die Galerie ist voll. Die Gäste der Lesung machen es sich inmitten der Kunst bequem. Sie betrachten in aller Ruhe den geschweißten Taucher an der Decke, die eiserne Mücke mit den Grasrechen-Flügeln und den frechen Samowar-Mann.

Die Trinkerei des Vaters

Ralf Koss, der in Köln lebt, aber in Duisburg geboren wurde, liest über die Zeit, als er feststellte, dass er später vom Schreiben leben wollte: „Ich war voller Energie, die keine Richtung fand, ich habe all das ,Ruhrort’ genannt“. Ruhrort, das waren für ihn die steinernen Panther vor dem Tausendfensterhaus, die eher wie Löwinnen aussehen. Von denen brüllte einmal der rechte auf, als Koss ihn streichelte, aber niemand wollte ihm das glauben, auch seine Mutter nicht.

Und dann die „Chaussee“ nach Meiderich, wie die Großväter die Straße am Nordhafen entlang nannten. Die war so rot vom Erzstaub, dass die Spur jedes Fahrradreifens sichtbar blieb. „Vergiss’ nicht, dir den Hals zu waschen“, hieß es abends, was damals auch berechtigt war. Später ermahnte auch Koss seinen Sohn ähnlich, obwohl er verfestigten Weltbildern misstraut und der Sohn weit weniger staubig aufwuchs als er.

Koss liest eine Geschichte über die Zeit, als die Fans gewöhnt waren, den MSV in der Ersten Liga zu sehen. Nach dem Abstieg in die Zweite gab es ein Relegationsspiel gegen Eintracht Frankfurt, das verloren ging. Genau wie der unausgesprochene Kampf des Ich-Erzählers gegen die Trinkerei seines Vaters. „Hast du Durst?“, fragte der schon immer seinen Sohn, als der noch ein Kind war. „Nie habe ich Durst oder Hunger zugegeben, wenn Orte in der Nähe waren, wo man Bier kaufen konnte“, erinnert sich Koss. Aber er verlor auch nie ganz die Hoffnung, „denn morgen kann alles ganz anders werden, das wusste ich durch jede gute Geschichte, die ich gelesen hatte.“

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