Weihnachten

Kirchenboot Wichern bringt Schiffern Musik und gute Wünsche

Seemannsdiakonin Gitta Samko und Kapitän Reinhard Kluge sind die Besatzung der Johann Hinrich Wichern. In der Weihnachtszeit werden geschmückte Mini-Tannen an die Schiffer verteilt.

Foto: Stephan Eickershoff

Seemannsdiakonin Gitta Samko und Kapitän Reinhard Kluge sind die Besatzung der Johann Hinrich Wichern. In der Weihnachtszeit werden geschmückte Mini-Tannen an die Schiffer verteilt. Foto: Stephan Eickershoff

Duisburg.   Diakonin Gitta Samko versorgt die Schiffer mit Infos, Telefonkarten und jetzt zu Weihnachten auch mit Tannenbäumen. Jeder Arbeitstag ist anders.

„Es kommt ein Schiff geladen“, voll mit Musik und guten Wünschen. An Bord der „Johann Hinrich Wichern“: Der CVJM Posaunenchor Hüttenheim Ungelsheim Huckingen, Diakonin Gitta Samko, dazu ein paar Mützen und Tannenbäume als Geschenke für die Schiffer. „Weihnachten ist eine besondere Zeit, auch auf dem Wasser. Das macht was mit den Menschen.“ An den Adventssonntagen hat sie musikalische Unterstützung dabei.

Kirche zu den Menschen bringen

Schiffs-Rundfahrt mit Musik

Schiffs-Rundfahrt mit Musik

Jede Woche ist sie mit dem Kirchenboot im Auftrag der Deutschen Seemannsmission und des Evangelischen Binnenschifferdienstes unterwegs. Gesteuert wird die „Yacht Gottes“ von Kapitän Reinhard Kluge. Er stand viele Jahre im Dienst des Hafens, lenkte die Karl Jarres. Nun chauffiert er Gitta Samko und Pfarrer Frank Wessel über den Rhein und durch die Hafenbecken. Gitta Samko bringt Post an Bord, hilft mit Telefonkarten aus, verteilt Lesematerial oder kann auf die Schnelle einen Arzttermin organisieren, wenn das Schiff eigentlich in ein paar Stunden wieder ablegen muss. Ihr Chef, Pfarrer Frank Wessel, tauft auf der „Wichern“ auch den Nachwuchs oder vermählt Paare.

Gitta Samko hat immer ein offenes Ohr. „Die Situation ist ganz unterschiedlich: Es gibt die familiär geprägte Binnenschifffahrt oder die Seeschiffe, die nur wenig Zeit haben, ihre Ladung zu löschen. Da ist der Druck für die Mitarbeiter hoch.“ Der Kontakt zu den Schiffern ist direkt: Die Sozialpädagogin klettert an Bord, schnackt mit den Männern über Gott und die Welt. Manchmal nur Smalltalk, manchmal über Probleme. Einige Arbeiter kommen immer wieder, fahren stets dieselbe Route. So bekommen die Geistlichen mit, ob ein Kind geboren wird oder jemand Geburtstag feiert. „Wir bringen die Kirche zu den Menschen. Es ist wichtig, dass bei all dem Stress der Einzelne nicht aus dem Blick gerät. Das gilt an Land und hier draußen.“

Letzte Tour für den CVJM-Posaunenchor

Nur manchmal reist sie auch über Land an. Aber, „der Weg ist dreckiger, man muss über das Hafengelände, durch die Firmen, sich anmelden.“ Die 45-Jährige klettert lieber direkt an Bord. Sie ist sportlich, kraxelt zur Not auch die Spundwand entlang. Die Schaukelei macht ihr nichts aus.

Den Posaunisten allerdings. Tanker „Steffi“ schlägt ordentlich Wellen, als er sich der „Wichern“, die 1979 extra für den Kirchenkreis Duisburg gebaut wurde, nähert. „Achtung“, ruft Gitta Samko noch, als fast ein Notenständer über Bord geht. „Wenn man hier mal buddeln würde, findet man bestimmt einiges“, vermutet Jochen Höft, und rettet die Utensilien, bevor sie nass werden. Seine Finger sind warm, trotz Kälte an Deck. „Einem Chor ist auch schonmal die Spucke eingefroren“, weiß Gitta Samko. Für die Ensembles sind die Einsätze an Bord immer etwas besonderes. Und für den CVJM Posaunenchor ohnehin – eigentlich hat sich die Truppe schon vor ein paar Monaten aufgelöst. Es gab nicht mehr genug Nachwuchs. Nun unternehmen sie die letzte Fahrt. Ehrensache.

Plastikbaum, Post und Telefonkarten

„Da vorne liegen viele Schiffe, da könnt ihr nochmal alles geben“, fordert die Diakonin ihre Musiker auf. Sie stimmen Lied numero drei an, Tochter Zion. Die Besatzung ist schon von weit her zu hören. Neugierig blicken einige Matrosen von ihrer Arbeit auf. Gitta Samko reckt die Hände in die Luft und brüllt herüber: „Schöne Weihnachten.“ Coole Jungs fangen an zu lächeln. Auf der „RMS Cuxhaven“ trommelt der Kapitän seine Mannschaft zusammen. Die filmen den Besuch. Wichern-Kapitän Kluge drosselt das Tempo. Samko übergibt einen kleinen Tannenbaum. Es ist ein geschmücktes Plastikmodell. Außerdem hat sie eine Post-Sendungsnummer für einen Mitarbeiter dabei. „Ich bin einmal auf so einem Schiff mitgefahren. Seitdem weiß ich, wie wichtig Post und Telefonkarten sind“, erzählt Samko. „Danke, ihr habt unseren Tag sehr besonders gemacht“, sagt die Besatzung der „Cuxhaven“, bevor die Wichern weiterschippert und die Posaunen das nächste Lied anstimmen.

Heiligabend gibt’s keine Pause

Im Hafen gibt es keinen Stillstand. Auch an den Feiertagen wird gearbeitet. „Viele Schiffe sind Heiligabend unterwegs. Pausen sind teuer. Deshalb haben wir die Weihnachtsfeier auf den 23. vorverlegt“, erklärt Gitta Samko. Gefeiert wird an Land, in den neuen Ruhrorter Räumen. Hier treffen sich auch Gruppen wie „Frauen in der Binnenschifffahrt“. „Ohne die ginge es gar nicht. Die helfen jedes Jahr tatkräftig mit und backen beispielsweise Plätzchen.“ Wie viele mitfeiern, lässt sich nie sagen. Stimmungsvoll ist es in jedem Fall. Gitta Samko, die als Quereinsteigerin zu ihrem Job kam, mag den Zusammenhalt auf dem Wasser. Das zeigt sich schon bei den Schülern. Die 45-Jährige arbeitet nämlich auch als Freie Mitarbeiterin für das Binnenschiffer-Berufskolleg.

Gulasch wärmt von innen

In diesem Jahr gibt’s für die Schiffer neben den Tannenbäumen auch Mützen mit einem stilisierten Kreuz. Praktisch sollten die Präsente sein, und dennoch eine Botschaft vermitteln. So wie das Sturmfeuerzeug, das Gitta Samko in den Vorjahren verteilte. Darauf ist das russisches Sprichwort zu lesen: „In einem guten Wort ist Wärme für drei Winter.“ Andere Utensilien, etwa ein Zollstock, wurden mit Psalmen versehen.

Am heutigen Heiligabend fährt die „Wichern“ noch einmal raus, bringt die Kirche zu den Schiffern. Bis Gitta Samko dann zu Hause ist, dürfte es nachmittags sein. „Bei uns gibt’s drei Tage lang Gulasch. Daran kann ich mich aufwärmen.“

>>> Zuschuss wurde kontinuierlich gekürzt

Der Evangelische Binnenschifferdienst/Deutsche Seemannsmission wird mit Mitteln der Landeskirche und des Kirchenkreises Duisburg finanziert. Allerdings sind die Zuschüsse in den vergangenen Jahren kontinuierlich gekürzt worden. Waren es noch 2006 noch 212 850 Euro von der Evangelischen Kirche im Rheinland, sind es ab 2018 nur noch 40 000 Euro. Weitere 40 000 Euro gibt der Kirchenkreis Duisburg dazu.

Damit kann die Arbeit aufrecht erhalten werden, allerdings musste im vergangenen Jahr bereits das Haus der Schiffergemeinde in Homberg aufgegeben werden. „Ich bin dennoch erleichtert, dass etwas übrig bleibt. Ich bin erleichtert für die Menschen an Bord der Schiffe, die wir nun doch noch erreichen können.“ In Ruhrort wird die Arbeit an Land an einem kleineren Standort fortgesetzt.

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