Premiere

„Tender Napalm“: Statt Gewalt gibt’s feines Theater

Tragisch, hart und doch zärtlich miteinander verbunden: Corinna Pohlmann und Ronny Miersch als Pärchen in „Tender Napalm“.

Foto: Sandra Schuck

Tragisch, hart und doch zärtlich miteinander verbunden: Corinna Pohlmann und Ronny Miersch als Pärchen in „Tender Napalm“. Foto: Sandra Schuck

Bochum.   Auf leerer Bühne zeigt Frank Weiß am Prinz-Regent-Theater das Drama „Tender Napalm“. Zuvor befürchteter Schocker entpuppt sich als Marketing-Gag.

Nanu, was ist im Prinz-Regent-Theater los? „Achtung, Premiere: Es könnte Sie mehr als aufwühlen“, warnt die Bühne auf Facebook. Dazu eine Altersfreigabe (ab 16) und ein knalliges Werbeplakat, auf dem Schauspieler Ronny Miersch völlig entfesselt auf seine Spielpartnerin Corinna Pohlmann einprügelt.

Welcher Gewaltorgie, so fragt sich der Zuschauer bang, wird er hier knapp zwei Stunden lang beiwohnen? Hat der „Fight Club“ jetzt auch im Prinz-Regent-Theater Einzug gehalten?

Den empfindsamen Lesern sei gesagt: All dies ist clever kalkuliertes Marketing und nimmt sich auf der Bühne weitaus harmloser aus als man zunächst denken könnte. Denn von einigen drastischen Wörtern abgesehen, die aber auf manchem Schulhof ähnlich schmutzig fallen dürften, ist die deutschsprachige Erstaufführung von „Tender Napalm“ eher ein fein gebautes Beziehungsdrama denn ein stumpfer Schocker – und sehenswert vor allem wegen zweier überragender Schauspielerleistungen.

Ausbruch aus der monotonen Gegenwart

Das Zwei-Personen-Stück stammt aus der Feder des hierzulande wenig bekannten Philip Ridley. Der vielseitige britische Künstler wird von seinen Fans vor allem für seinen Horrorfilm „Schrei in der Stille“ (1990) verehrt, dessen Nähe zu David Lynchs „Blue Velvet“ offensichtlich ist.

„Tender Napalm“ wurde 2011 in London uraufgeführt und findet dank der Übersetzung von Kerstin Sommer, die Regieassistentin am Prinz-Regent-Theater ist, den Weg nach Bochum. Die Geschichte ist nicht ganz einfach zu erklären: Es geht um ein Paar, dessen Seelenheil schwer aus dem Gleichgewicht geraten ist. Während sich die beiden wechselseitig an die Wäsche wollen, um dabei eine Art Triumph über den anderen zu erleben, geht es auch um den Ausbruch aus der monotonen Gegenwart. Und wenn es nur ein Wutausbruch ist.

Absurde Phantasien

So träumen sich die namenlosen Figuren in immer absurdere Phantasien hinein. Da tobt ein Tsunami, der alles hinfort gespült hat (bis auf die Bierflaschen), da werden sie von Aliens entführt und müssen gegen Riesenschlangen kämpfen. Wie zwei Kinder im Sandkasten versuchen sich die beiden mit wilden Stories zu übertrumpfen. „Unser Leben ist das, was unsere Gedanken daraus machen“, so wird der römische Philosoph Marc Aurel im Programmheft zitiert.

Zwei Asse im Ärmel

Regisseur Frank Weiß geht in seiner Inszenierung auf Risiko: Er lässt das Stück auf einer komplett leeren, weißen Bühne (von Sandra Schuck) spielen. Kein Firlefanz soll das konzentrierte Spiel stören. Nur sparsame Lichtwechsel und ein minimaler Einsatz von Musik helfen den beiden Schauspielern bei ihren oft ellenlangen Dialogen.

Ohne starke Darsteller wäre die Aufführung verloren. Doch Frank Weiß hat zwei Asse im Ärmel: Ronny Miersch und Corinna Pohlmann stürzen sich unerschrocken ins Abenteuer und schaffen einen bemerkenswerten Spagat zwischen Tragik, Romantik und sogar etwas Witz. Miersch kann blitzschnell umschalten: von zart auf hart, von Schoßhund zu Pitbull in einer Sekunde – ein spannender Drahtseilakt. Corinna Pohlmann meistert direkt nach Elfriede Jelineks „Kein Licht“ am Prinz-Regent erneut eine Herkules-Aufgabe. Zarter Zauber wohnt ihrem variablen Spiel inne. Großer Beifall.

Dauer: ca. 110 Minuten ohne Pause. Wieder 1. und 2. April. Karten (16, erm. 8 Euro): 0234 / 77 11 17.

Seite
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik