Interview

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck warnt vor Neiddebatte

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck beim Besuch der WAZ-Redaktion in Essen.

Foto: Volker Hartmann

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck beim Besuch der WAZ-Redaktion in Essen. Foto: Volker Hartmann

Essen.   Ruhrbischof Overbeck warnt im Bundestagswahlkampf vor falschen Gewichtungen der Politik in der Gerechtigkeitsfrage und fordert höhere Steuern.

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck spielt eine Sonderrolle unter seinen Amtskollegen. Im eng besiedelten, aber flächenmäßig kleinsten deutschen Bistum verdichten sich soziale Probleme und die Herausforderung einer Gesellschaft im Umbruch wie in einem Brennglas. Im WAZ-Gespräch wirbt der Essener Bischof für einen differenzierten Standpunkt in der Gerechtigkeitsdebatte. Die Revierbürger fordert er zu mehr Selbstbewusstsein auf.

Die Gerechtigkeitsfrage scheint zum bestimmenden Thema des Bundestagswahlkampfes zu werden. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz proklamiert sogar, es sei „Zeit für mehr Gerechtigkeit“. Geht es in Deutschland wirklich so ungerecht zu?

Franz-Josef Overbeck: Ich glaube nicht, dass man mit einer polemisch geführten Gerechtigkeitsdiskussion zu einem Ergebnis kommt. Wir müssen vielmehr um die besten Lösungen ringen, damit Notlagen erst gar nicht entstehen. Die Frage muss sein: Wie kann der Sozialstaat so Vorsorge treffen, dass vor allem Menschen am Rand der Gesellschaft nicht in die Gerechtigkeitsfalle geraten?

Ist das also eine Scheindebatte?

Overbeck: Wenn man mit dem Gerechtigkeitsthema Wahlkampf betreibt, halte ich es für explosiv. Denn angesichts der realen sozialen Probleme, die die Menschen am Rande der Gesellschaft haben, ist diese Debatte nicht zielführend. Das Thema betrifft nicht die breite Mitte. Vielen Menschen in Deutschland geht es in Wahrheit so gut wie nie zuvor.

Sehen Sie die Gefahr, dass sich Menschen von der Gerechtigkeitsfrage angesprochen fühlen, die gar nicht gemeint sind?

Overbeck: Ja, und das könnte eine Neiddebatte in der Bevölkerung auslösen, die für den sozialen Frieden im Land gefährlich werden kann. Die Gerechtigkeitsdebatte sollte viel differenzierter geführt werden, auch mit Rücksicht auf die wirklich Armen, von denen es mehr gibt, als viele es wahrnehmen. Denken Sie etwa an das Thema Altersarmut. Es kann beim Rentenniveau doch nicht nur um die Frage gehen, ob wir es um zwei oder drei Prozent anheben. Damit ist Menschen mit einer kleinen Rente nur wenig geholfen. Im Blick behalten muss man zudem Menschen mit berechtigten Abstiegsängsten, etwa Familien mit vielen Kindern, in denen beide Eltern arbeiten und das Einkommen dennoch nicht zum Lebensnotwendigen reicht. Dort sollte der Staat für andere Unterstützungsmaßnahmen offen sein.

Sollen Reiche mehr Steuern zahlen als bisher?

Overbeck: Die Schere zwischen den normalen und den sehr hohen Einkommen sowie den Zuwächsen bei großen Vermögen zum Beispiel durch Erbschaften geht immer weiter auseinander. Das ist tatsächlich ein Problem. Wir sollten überlegen, wie die Bezieher sehr hoher Einkommen und Menschen mit großen Vermögen einen höheren Beitrag zum Gemeinwohl leisten können. Das könnte den Gerechtigkeitssinn innerhalb der Gesellschaft stärken.

Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Die Beschäftigung liegt auf Rekordniveau, die Arbeitslosenquote ist die niedrigste seit der Wiedervereinigung. Dennoch trifft die Gerechtigkeitsdebatte ins Herz einer offenbar verunsicherten Gesellschaft. Warum?

Overbeck: Vielen Menschen macht die Globalisierung Angst. Sie fürchten, dass der Wohlstand nicht von Dauer ist. Viele sorgen sich zudem, dass sie sich in einer zunehmend digitalisierten, immer komplexer werdenden Arbeitswelt bald nicht mehr zurechtfinden. Für mich kommt eine andere drängende Frage hinzu: Was zählt mehr – Freiheit oder Gleichheit? Ich glaube, dass wir auch diese Debatte noch führen werden. Die Diskussionen darüber, wie gerecht es in unserem Land zugeht, könnten die ersten Vorboten dafür sein.

Mit der Angst vor der Globalisierung machen Populisten Politik. Darf ein Christ eigentlich AfD wählen?

Overbeck: Es gibt klare Linien für einen Christen. Dazu gehören die unbedingte Achtung der Menschenwürde und die Wertschätzung anderer. Dazu gehört aber auch ein klares Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit. Unter solchen Voraussetzungen sollte ein Christ – bei aller Unterschiedlichkeit der Parteien - seine Wahloptionen treffen. Dabei sollte er einen klugen Kompromiss suchen, der letztlich auch das Gemeinwohl Deutschlands und Europas in den Blick nehmen muss.

Würden Sie sich mit Vertretern der AfD an einen Tisch setzen?

Overbeck: Ich würde mich keinem Dialog verweigern. Bedingung wäre eine sachliche Auseinandersetzung, die nicht polemisch geführt wird. Und man muss wissen, wer einem gegenüber sitzt. In einer Demokratie gilt: Solange eine Partei nicht gerichtlich verboten ist, kann sie sich zur Wahl stellen.

Dank der guten Konjunktur steigen auch die Kirchensteuereinnahmen. Was machen Sie mit dem Geld?

Overbeck: Dem Ruhrbistum ermöglichen die höheren Steuereinnahmen, dass wir trotz sinkender Katholikenzahlen dringend notwendige Anpassungen zukunftsgerichtet gestalten können. Wir sind unter den katholischen Bistümern in Deutschland eines der ärmeren und halten ungewöhnlich viele soziale Einrichtungen vor. Diese Dichte von konfessionellen Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und Altenhilfeeinrichtungen finden Sie in keinem anderen Bistum in Deutschland. Wir wollen im Rahmen unserer Möglichkeiten auch in Zukunft unseren Beitrag zum Gemeinwohl leisten.

Das Ruhrgebiet leidet noch immer unter seinem Schlusslicht-Image. Was können wir tun, um unseren Ruf zu verbessern?

Overbeck: Der Wandel an der Ruhr wird als ein Prozess wahrgenommen, in dem es viel Aufbruch gibt, aber eben auch viel Abbruch. Der Eindruck, das Ruhrgebiet sei eine Verlierer-Region, ist aber falsch. Manchmal ist es auch eine Frage der Mentalität: Wir sollten mehr Stolz zeigen über das Erreichte. Zum Beispiel haben wir das Integrationsproblem viel besser bewältigt als andere Regionen in Deutschland. Das sollten wir stärker herausstellen.

Sie sind auch katholischer Militärbischof der Bundeswehr. Zuletzt haben Berichte über rechtsradikale Verdachtsfälle in der Truppe aufgeschreckt. War die Aufhebung der Wehrpflicht ein Fehler, weil sich die Bundeswehr dadurch immer mehr von der Gesellschaft entfernt?

Overbeck: Momentan sehe ich das noch nicht. Aber die Gefahr besteht natürlich, dass die Bundeswehr als reine Freiwilligen-Armee den Kontakt zur Gesellschaft verliert und umgekehrt. Meiner Meinung nach werden die Leistungen der Bundeswehr in der Gesellschaft zu wenig geschätzt. Ohne den Einsatz unserer Soldaten wäre zum Beispiel die Aufnahme der vielen Flüchtlinge anfangs kaum zu bewältigen gewesen. Die Bundeswehr wird nicht in der Weise geschätzt, die ich für die wichtigste halte: Dass sie von ihrem Selbstverständnis nämlich nichts mit früherem deutschen Militär gemein hat. Deutsche Soldaten sind heute in aller Welt hoch angesehen.

>> RUHRBISCHOF SEIT 2009

Franz-Josef Overbeck (52) ist seit Oktober 2009 Bischof von Essen. Er ist damit der vierte Bischof des 1958 gegründeten Ruhrbistums. Seit 2011 ist Overbeck zudem katholischer Militärbischof der Bundeswehr.

Der gebürtige Marler studierte Theologie und Philosophie in Münster und Rom. Von 1990 bis 1994 war Overbeck Kaplan in Haltern. 2007 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Weihbischof in Münster.



Mit 790 000 Katholiken liegt das Ruhrbistum im Mittelfeld der katholischen Diözesen in Deutschland. Zum Bistum gehören große Teile des Reviers und der südliche Märkische Kreis, nicht jedoch Dortmund, Herne, Castrop-Rauxel, Teile Wittens, Essen-Kettwig, Mülheim-Mintard, Bottrop-Kirchhellen und der Westen Duisburgs.


Seite
Auch interessant
Leserkommentare (2) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik