Interview

Judith Holofernes „mag den Flirt mit dem Chaos“

Die Sängerin Judith Holofernes veröffentlicht ihr zweites Solo-Album "Ich bin das Chaos".

Foto: imago/Hoffmann

Die Sängerin Judith Holofernes veröffentlicht ihr zweites Solo-Album "Ich bin das Chaos". Foto: imago/Hoffmann

Berlin.   Am Freitag erscheint das neue Album von Judith Holofernes. Ein Gespräch über das Verpeiltsein, gute Laune, weniger Stress und das Nichtstun.

„Ich Bin Das Chaos“ heißt das zweite Album von Judith Holofernes, und es ist wirklich ausgezeichnet geworden. Die Platte klingt vielschichtiger als das Solo-Debüt „Ein Leichtes Schwert“ (2014), manch ein Stück erinnert sogar wieder an die ungestüme Anfangsphase ihrer auf unbestimmte Zeit pausierenden Band Wir Sind Helden. Steffen Rüth traf Holofernes, die mit ihrem Mann, dem Wir-Sind-Helden-Schlagzeuger Pola Roy, zwei Kinder hat, am Berlin-Kreuzberger Carl-Herz-Ufer, unweit ihrer Wohnung.

Frau Holofernes, wie chaotisch sind Sie selbst?

Judith Holofernes: Ziemlich. Ich habe eine Tendenz zum Chaos, bin mittlerweile aber recht gut sozialisiert. Grundsätzlich ist der Begriff für mich positiv besetzt. Früher als Kind und als Jugendliche war ich nah dran an der Alltagsunfähigkeit. Ich war verpeilt, sehr verträumt und immer beschäftigt mit irgendwas.

Ist der Song ein Plädoyer fürs Verpeiltsein?

Holofernes: Das hat zwei Seiten. Aus meinem buddhistisch geprägten Blickwinkel habe ich ein Interesse daran, wach und anwesend zu sein. Auf der anderen Seite denke ich, man sollte befreundet sein mit dem Chaos, es zulassen können. Wir alle wissen ja, dass viele Dinge im Leben chaotisch verlaufen, dass nicht alles planbar ist.

Ist Chaos sexy?

Holofernes: Unbedingt. Ich mag den Flirt mit dem Chaos sehr. Chaos ist eine bedrohliche und attraktive Kraft, es zieht uns an…aber wehe, es kommt zu nah (lacht).

Das ganze Album klingt sehr lebendig, es fängt ganz leise an, wird immer wieder schön laut und krachig, etwa in „Analogpunk“, und endet mit „So weit gekommen“ wieder sehr besinnlich.

Holofernes: Das war Absicht. Ich wollte deutlich mehr Melancholie haben als auf dem ersten Album, das ja durchgängig sehr leicht und gut gelaunt war. Also sind auch noch einige ältere Balladen wie „Oh Henry“ drauf, die auf „Ein Leichtes Schwert“ stimmungsmäßig nicht gepasst haben.

Falls „So weit gekommen“ ein Liebeslied ist, dann eines über eine ganz schön kaputte Beziehung. Was sagt Ihr Mann Pola Roy zu diesem Text?

Holofernes: Der Song ist nicht autobiografisch. So eine Liebesgeschichte hatte ich nie. Ich finde es lustig, Charaktere zu haben, die lädiert sind. Das ist Romantik nach meiner Façon. Ich fand es spannend, über ein Paar zu schreiben, das von Anfang an Sollbruchstellen hat und diese immer ignorierte. Das ist schön und auch traurig.

Wo sind Ihre Sollbruchstellen?

Holofernes: An dem Abschiedsschmerz mit Wir Sind Helden habe ich immer noch etwas zu knabbern. Wir haben das zwölf Jahre lang durchgezogen.

Ihre Kinder sind jetzt 10 und 7 Jahre alt. Ist es solo so viel weniger Stress als mit Wir Sind Helden?

Holofernes: Der größte Unterschied ist, dass Pola und ich nicht mehr in derselben Band sind. Wir können uns aussuchen, wann wir zusammen arbeiten, wir können uns abwechseln mit den Kindern. Ich merke an mir selbst, dass der Stress nachgelassen hat. Eigentlich wollte ich mich ja ursprünglich sieben Jahre im Kämmerchen ausruhen und einen Roman schreiben. Irgendwie war es auch schön zu merken, dass die Musik so schnell zu mir zurückgekommen ist.

Sie haben ein Buch mit Tiergedichten veröffentlicht. Kommt der Roman noch?

Holofernes: Möglich ist das schon. Ich fühle mich sehr frei beim Zickzackschlagen. Es ist nur so, dass es mich beim Schreiben bislang eher nicht zur Fiktion, sondern auf irgendeine Art zum Autobiografischen zieht.

Ist „Oder an die Freude“ ein Plädoyer für gute Laune in einer Gute-Laune-feindlichen Welt?

Holofernes: Wir könnten es uns viel leichter machen und einfach das Glück als solches genießen, anstatt immer darüber nachzudenken, was wir stattdessen tun könnten. Also nicht über Eigentum, Physikum und die Rente grübeln, sondern das Herz an die Freude als solche hängen.

Schaffen Sie das?

Holofernes: Ich bin ganz gut darin, mich einfach zu freuen. Sehr gut tut mir persönlich auch: nichts zu machen.

Ist das Lied „Unverschämtes Glück“ so eine Art Lebens-Zwischenbilanz?

Holofernes: Einerseits ja. Aber der Auslöser für den Song war, dass ich dachte: „Ich hatte so viel Glück, und bestimmt wird mir bald zur Strafe und zum Ausgleich was weggenommen.“

Sie sind im vergangenen Sommer 40 geworden? Wie ist das bis jetzt?

Holofernes: Ich finde das gut. Ich habe mich sowieso immer innerlich älter gemacht als ich bin. Ich glaube, mein jetziges Alter passt zu mir. Ich habe nie so wahnsinnig stark am Jungsein gehangen.

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