Ausstellung

Facetten der großen Ich-Erforscherin Maria Lassnig

Besucher betrachten Maria Lassnigs „Selbstporträt mit Stab“ (1971) im Folkwang Museum.

Foto: Kerstin Kokoska

Besucher betrachten Maria Lassnigs „Selbstporträt mit Stab“ (1971) im Folkwang Museum. Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Das Museum Folkwang legt mit 41 Gemälden einen Querschnitt durch das Werk der Malerin. In Animationsfilmen zeigte die Österreicherin sogar Humor.

Als Maria Lassnig 2013, ein Jahr vor ihrem Tod, den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig für ihr Lebenswerk bekam, war sie stolz und grämte sich zugleich. Eine späte Anerkennung dieser Malerin, die ihr selbst jedenfalls zu spät kam. Wie überhaupt die 1919 in Kärnten geborene Künstlerin mehr als einmal „zur falschen Zeit am falschen Ort“ war, wie es ihr Vertrauter Peter Pakesch, heute Chef der Lassnig-Stiftung formuliert: Anfang der 60er-Jahre geht sie nach Paris, dessen Glanzzeiten als Kulturmetropole gerade vorbei sind, und am Ende dieses Jahrzehnts zog sie nach New York, als dort gerade Pop und Minimal Art oder Konzeptkunst angesagt sind – geradewegs das Gegenteil ihrer expressiven, gegenständlichen, immer wieder aufs Neue selbsterforschenden Malerei.

Der Speer im Pinsel

Mit 41 Gemälden, die großenteils aus dem von der Lassnig-Stiftung verwalteten Nachlass stammen, legt das Essener Folkwang Museum nun einen Querschnitt durch sechs Schaffensjahrzehnte. Ausgespart blieb dabei in Essen allerdings jene spektakuläre Leinwand „Du oder Ich“ aus dem Jahr 2005, auf der die über 80 Jahre alte Malerin splitterfasernackt eine Pistole auf den Betrachter gerichtet hat und eine an die eigene Schläfe hält (im Katalog zur Ausstellung ist es allerdings abgebildet).

Maria Lassnig stand stets, fast monomanisch, im Mittelpunkt der Bilder von Maria Lassnig, auch im Folkwang von einem frühen „Selbstporträt expressiv“, das im Jahr ihres Akademie-Abschlusses 1945 entstand, bis zum ebenso fragmentarisch daherkommenden Selbstporträt von 2013, das als ihr letztes gilt und auf dem sie den Pinsel schwingt wie einen Speer über der Schulter und jedenfalls nicht zum Malen. Sie malt sich mit Maulkorb oder mit Science-Fiction-Brille, die geradesogut ein Folterwerkzeug sein könnte, sie malt sich oft mit offenem Mund, als entringe sich gerade ein Schrei ihrer Brust, und die Farben dazu wirken wie Körperkarten des Schmerzens, den kein Ultraschall sieht und keine Computertomografie, ein ungesundes Grün, ein lärmendes Rot, ein schreiendes Violett.

Und wie in kommunizierenden Röhren scheint jede äußerliche, gesellschaftliche Beschränkung die inwendige Sensibilität noch zu steigern. Sie malt sich auch mit Maulkorb und zusammen mit anderen Patientinnen im Krankenhaus, mit Siechen, Alten, Schlafenden, deren eine das Gesicht bei Munchs „Schrei“ entliehen hat.

Animationsfilme mit Humor

In den 50er-Jahren hat Maria Lassnig dem Geist der Zeit nachgegeben und in Gemälden stark abstrahiert – aber stets lässt sich noch bei den scheinbar informellsten Linien eine Körperkontur erkennen; doch was die Künstlerin, die oft im Liegen oder auf einer liegenden Leinwand malte, da befragt, ist ihr Ich. Der aufgefächerte Kopf bedeutet aber keine multiple, sondern eine vielfältig interessierte Persönlichkeit. Die Farben, mit denen sie Nerven-Enden von innen nach außen kehrt und Wege der Empfindung, des Schmerzes sichtbar macht, stehen für gesteigerte, auf die Spitze getriebene Sensibilität.

Eine andere Maria Lassnig ist schließlich in den Filmen zu entdecken, die das Folkwang ebenfalls zeigt: Anfang der 70er-Jahre lernte sie, Animationsfilme zu drehen und gewinnt dem Genre auch überaus komische Seiten ab. In der „Maria Lassnig Kantate“ von 1992 schließlich singt sie ihr Leben, und auch das geht nicht ohne Zwinkern ab.

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